Arbeitsmarkt

Saisonkräfte: Begeistert von dieser Solidarität

Hopfen
Jürgen Leykamm
am Montag, 04.05.2020 - 09:53

Die Coronakrise trifft die Hopfenbauern. Die Suche nach Helfern gestaltet sich schwierig, zeigt ab er auch Lichtblicke.

Spalt/Lks. Roth - „Viele Pflanzer haben schlaflose Nächte!“ Friedrich Kolb muss es wissen. Er ist der Vorsitzende des Spalter Hopfenpflanzerverbands und kennt die derzeitigen Sorgen und Nöte seiner Kollegen nur zu gut. Die Suche nach ausländischen Saisonarbeitskräften zum Anleiten des Hopfens gestaltet sich aufgrund der Corona-Auflagen schwierig. Zudem würden Absatzeinbußen beim Bier die Branche treffen.

Selbst vom Flughafen abgeholt

Kolb selbst kann aufatmen. Dem rührigen Hopfenbauer aus Petersgmünd (einem Ortsteil von Georgensgmünd) gelang es, vier Rumänen für die Arbeit in seinen Anlagen zu gewinnen. Wie es die aktuellen Vorgaben wollen, „habe ich sie selbst vom Nürnberger Flughafen abgeholt“, erklärt er im Gespräch mit dem Landwirtschaftlichen Wochenblatt. Doch auch vor dem Eintreffen der Helfer aus dem Osten stand er nicht allein auf weiter Flur. „Viele Freiwillige und Freunde haben mir ihre Hilfe angeboten“, ist Kolb dankbar. So wie ein ihm bis dato nicht bekannter Rentner aus der Nachbargemeinde. „Ich bin begeistert von dieser Solidarität!“, sagt Kolb.

Selbstläufer bei der Helfersuche gibt es keine

Die Spalter Hopfenverwertungsgenossenschaft (HVG) hilft bei der Vermittlung von Saisonarbeitskräften und lässt dabei ihre Kontakte zur Brauwirtschaft spielen. So finden sich nun viele Mitarbeiter von Brauereien in den Hopfengärten. Hier erleben sie, wo ein so wichtiger Rohstoff des Bieres eigentlich herkommt. Selbstläufer aber gibt es keine. Wer Hilfe braucht, muss um sie ringen. Wohl dem, der auf seine Familie zählen kann. Bei den Kolbs hilft Ehefrau Anja ebenso mit wie beider Söhne Paul und Jonas. So wie die Petersgmünder Famile konnten viele Betriebe die erste Phase der Hopfenarbeiten im Frühling stemmen: Das Anbringen der Steigdrähte, an denen sich die Hopfentriebe dann empor ranken sollen.

Beim nächsten Arbeitsschritt, dem sogenannten „Anleiten“, dürfte es aber „Engpässe geben“, schätzt Kolb die Lage ein. Da werde wohl jeder Pflanzer froh sein um Helfer aus dem Osten. Wie er selbst erfahren musste, können diese nur nach einem „wahnsinnig bürokratischen Aufwand“ hier arbeiten.

Fridays for Future mit im Boot

Doch es können auch ums Klima besorgte junge Frauen aus dem Inland sein, die helfen wollen. Dies hat Tobias Merkenschlager aus Hauslach erfahren, auch ein Ortsteil von Georgensgmünd. Beim Sprecher der Nachwuchspflanzer, die sich unter dem Namen „Spalt aktiv“ formiert haben, wollen drei Schülerinnen aus der „Fridays for Future“-Bewegung anleiten.

Drei Männer haben beim Drähte spannen geholfen: Paul Pfeiffer, ein 21-jähriger Nürnberger, der sich beruflich sonst als Disponent um die Logistik seines Unternehmens kümmert. Mit dabei ist auch Jan Kurrle (22). Der gebürtige Stuttgarter studiert gerade Brau- und Getränketechnologie. Und Osmar Prebit Suri aus Ecuador hat eine interessante Lebensgeschichte: Geboren in Kuba, zog er in die damalige DDR, wo die Eltern studierten. Später absolvierte er in Nürnberg eine Kochlehre, die Liebe führte ihn dann nach Südamerika. Von dort machte sich der heute 30-Jährige mit seiner Ehefrau auf zu Besuchen nach Deutschland. Beiden wurde wegen der Coronakrise aber die Rückreise verwehrt. Daher sah sich Prebit Suri nach Arbeit um – und landete in Merkenschlagers Hopfengärten.
In einem von ihnen konnte sogar Richtfest gefeiert werden. Das Bauprojekt „war eigentlich schon auf Eis gelegt“, so der Betriebsleiter. Nur dank der Helfer habe man es stemmen können. Bald aber werden die Teams wieder zerrissen. Wenn etwa bei Kurrle das Studium online weitergeht. Auch die Mitarbeiter aus der Gastronomie werden wohl sehr schnell verschwinden, wenn die Biergärten wieder öffnen dürfen. Dann bleiben „die Schüler auf Abruf“, so Merkenschlager – und die Kurzarbeiter. Von ihnen beschäftigt er gerade einmal einen auf den Feldern.

Frühzeitig vorgesorgt

In weiser Voraussicht vorgesorgt hat Johannes Herzog aus dem Raum Ellingen. Er hatte schon vor dem Einreisestopp seine Mannschaft aus Polen bei sich. Doch das Aufatmen sei nur von kurzer Dauer. „Auch bei mir wird sich die Situation zuspitzen.“

Kurzarbeiter gibt es zudem auf seiner Liste. Doch da sei die Frage „wieviel sie dazu verdienen dürfen“, sagt Herzog. „Die Lohnbüros hängen da ganz schön in der Luft.“ Die Möglichkeit, diese Art Helfer zu beschäftigten, sei „politisch gut vermarktet, aber im Detail recht unausgegoren“.

Absatzeinbußen wegen Feierabsagen befürchtet

Der hohe Aufwand der diesjährigen Helfersuche stehe in keinem Verhältnis zu den befürchteten Absatzeinbußen, die wegen der Absage der vielen Feste zu erwarten seien. Corona treffe den Hopfenanbau inmitten einer beispiellosen Aufwärtsentwicklung mit gestiegener Nachfrage bei hohen Preisen. Heuer aber „geht es von 100 auf Null“, befürchtet Herzog. Und das bei einem Arbeitsaufwand von 60 Stunden die Woche.

Eher entspannt gibt sich da Peter Scheuerlein aus Obermauk, einem weiteren Georgensgmünder Ortsteil. Die Frühlingsarbeiten werden hier „familienintern“ gelöst. Mit hoheitlicher Hilfe: Denn neben Sohn Fabian, der sich gerade zum Techniker fortbilden lässt, hilft dessen Bruder Johannes eifrig mit, der als Formenbauer gerade in Kurzarbeit ist. Seine Freundin ist die Bayerische Waldkönigin Kerstin Seitz aus Roth-Hofstetten – und auch sie hilft fleißig mit. Im Herbst bei der Ernte hoffen auch die Scheuerleins aber auf die Rumänen.