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Düngeverordnung

Rote Gebiete: Interessengemeinschaft wehrt sich

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Gabi Bertram
am Freitag, 25.02.2022 - 11:47

Betroffene Landwirte prangern in Franken die Ausweisung von Roten Gebieten an. Mit einer Petition bringen sie ihre Forderungen vor.

Coburg - Eine Interessengemeinschaft von betroffenen Landwirten im Bereich Sesslach/Ebern wehrt sich gegen die ihres Erachtens praxisuntaugliche und in der Region überproportionale Ausweisung von Roten Gebieten und die damit verbundenen erhöhten Auflagen im Rahmen der Düngeverordnung. Mit einer Petition wenden sich die Bauern an den Bayerischen Landtag. Ihre Forderungen übergaben sie an Martin Mittag, CSU-Landtagsabgeordneter.

Waren vor zwei Jahren noch rund 60 % der Flächen des Landkreises Coburg als Rote Gebiete mit erhöhter Nitratbelastung und demzufolge verschärften Auflagen für die Bearbeitung und Düngung ausgewiesen, sind es nach dem immensen Widerstand der Landwirte derzeit noch gut 14 %. Ein Fortschritt schon, aber in den Augen der Landwirte trotz alledem im bayerischen Vergleich überproportioniert und nicht verursacherbezogen ausgewiesen. Man verweist auf die geringste Viehdichte und die niedrigsten landwirtschaftlichen Stickstoffsalden in Franken – und zudem auf die hierzulande geringen Niederschlagsmengen, die eine Grundwasserneubildung nur in geringem Umfang forcieren. Bei durchschnittlich 600 mm/m² und einer Verdunstung von 500 mm/m², erklärt Tobias Schneider, Sprecher der IG, bleibe nicht viel übrig, um Grundwasser neu zu bilden. Pflanzen zu 20 % unter deren Nährstoffbedarf zu düngen, das sei so, wie ein „Baby hungrig aufzuziehen“, sagt BBV-Geschäftsführer Hans Rebelein.

Mehr Messstellen gefordert

Im Gebiet Sesslach/Ebern gibt es sieben Messstellen, in ganz Bayern um die 600. Der Freistaat Bayern hat insgesamt 1500 Messstellen zugesagt. „Wir brauchen unbedingt mehr Messstellen“, fordert Rebelein, „damit aussagekräftige Informationen kommen, und bei jährlich maximal 100 neuen Messstellen dauert das eindeutig zu lang.“ Er fügt hinzu: „Auch wir wollen sauberes Grundwasser und können auch mit den Roten Gebieten leben. Aber die Auflagen zur Düngung müssen schlichtweg auch praxistauglich sein.“

Auf jeden Fall, meint Tobias Schneider, komme man mit der Verordnungskeule nicht gegen die zweifelsfrei vorhandenen Zielkonflikte an. Und die bestehen aus Tierhaltung, Tierwohl, Gülleverwertung im natürlichen Kreislauf, den gegebenen klimatischen Bedingungen und der Produktion hochwertiger Lebensmittel. Im Gegensatz dazu würden sich aber die Auflagen in den Roten Gebieten auf den Humusgehalt der Böden und die Bodenstruktur negativ auswirken. Tierhaltende Betriebe hätten einen immens höheren Aufwand für Lagerbau und Gülleausbringung.
Axel Dressel bewirtschaftet in Gemünda einen Betrieb mit 300 ha, davon 120 ha Pachtfläche in Thüringen. 1900 Schweinemastplätze sind vorhanden, künftig werden durchschnittlich 1500 Mastschweine gehalten. Die Gülle wird gleichmäßig im Rahmen der Fruchtfolge auf bayerischen und thüringischen Flächen ausgebracht. Die auszubringende Menge allerdings wird nur für Bayern gerechnet. Durch das nahezu vollständige Verbot der Herbstdüngung, so Dressel, fehle der Stickstoff für ein ausgeglichenes C/N-Verhältnis in den oberen Bodenschichten. Die folgenden Herbstsaaten, wie Raps oder Wintergerste, würden hungern. Seit Beginn der 80er Jahre befinde sich auf seinem Betrieb eine Dauerbeobachtungszelle der Landesanstalt für Landwirtschaft. Hier werde im fünfjährigen Turnus die Entwicklung des Bodenzustandes, des Bodenlebens und des angrenzenden Gewässers untersucht. Bestätigt werde immer wieder, dass sich der Zustand der Ackerflächen sowie das Bodenleben verbessert hätten.

Landwirte bringen Bedenken vor

20 Prozent unter Bedarf zu düngen, das beeinträchtigt erheblich die Wirtschaftlichkeit der landwirtschaftlichen Betriebe, befürchten die Landwirte. Und überdies, meint Rebelein, wisse man erst in Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, ob und wie sich die derzeitigen Auflagen auswirken. Für viele Betriebe sei es dann ohnehin zu spät. Von einer Klage hat die IG bislang abgesehen. Derweil gibt es in Bayern 38 Klagen von insgesamt 900 Betrieben gegen die Ausweisung Roter Gebiete.

Mehr standorttaugliche Messstellen, mehr Einbeziehung fachlicher Kompetenz, mehr Kommunikation, darauf setzt Martin Mittag, der überdies will, dass mehr relevante Faktoren berücksichtig werden, wie beispielsweise die Belastung des Grundwasserkörpers nebst Herkunft derselben. Immerhin kommt ein Teil der Grenzbäche vor allem in Oberfranken auch aus Thüringen.
Die Ergebnisse der von der IG in Auftrag gegebenen gutachterlichen Überprüfung lässt hoffen. Hier ist unter anderem von mehr Messstellen, deren Standorte und Wartung die Rede. Und das fordern die Landwirte schließlich auch: Untaugliche Messstellen sollen aus dem Netz genommen, neue taugliche Messstellen im maßgeblichen Grundwasserleiter aufgestellt, Ursächlichkeiten besser differenziert und die besondere Situation der Niederschlagsmengen berücksichtigt werden. Man will eine Fortschreibung und Überarbeitung der Düngeverordnung auf der Grundlage praxistauglicher Regelungen.