Seltene Rassen

Retter des Rotviehs

Seltene Rassen
Stephan Herbert Fuchs
am Dienstag, 26.11.2019 - 12:57

Kleinwendern im Fichtelgebirge ist Bayerns erstes Arche-Dorf und trägt auf diese Weise zum Erhalt alter Nutztierrassen bei.

Rotes Höhenvieh, Thüringer Wald Ziege, Coburger Fuchsschaf: im Arche-Dorf Kleinwendern, einem Ortsteil von Bad Alexandersbad im Fichtelgebirge haben sie und einige andere Haustierrassen jetzt ein neues Zuhause gefunden. Naturschutz, Artenschutz, Erhalt von Biodiversität, das sind Schlagworte, die derzeit in aller Munde sind. In dem Dorf Kleinwendern, das aktuell 80 Einwohner und 185 Tiere zählt, wollte man keine Schlagworte mehr hören, sondern Nägel mit Köpfen machen. „Uns geht es vor allem darum, die alten Nutztierrassen zu erhalten“, sagt Ronald Ledermüller (45), Ideengeber für das Arche-Dorf und hauptamtlicher Geschäftsführer des Naturparks Fichtelgebirge. Erst in zweiter Linie geht es ihm und seinen Mitstreitern aus dem Dorf um die touristische Vermarktung von Kleinwendern.

Wanderer, Mountaine-Biker und Nordic-Walker sind schon da und gehen an der Weide entlang, auf denen die Rotviehherde von Landwirt Rudi Küspert zuhause ist. „Mit dem Rotvieh fing alles an“, erinnert sich Ronald Ledermüller. Über ein Projekt des Bayerischen Landschaftspflegeverbandes war er vor rund zehn Jahre darauf gestoßen, dass im Fichtelgebirge einst das Sechsämterrotvieh gehalten wurde. Davon zeugt nicht nur ein Bild des Malers Johann Christoph Ziegler aus dem Jahr 1829, auch der Dichter Jean Paul hatte „die rote Kuh“ im Fichtelgebirge literarisch verewigt („Was Wunder? Die sehr rote Kuh … gibt weiße Milch, Quarkkäs dazu“). Tatsächlich handelt es sich beim Roten Höhenvieh um eine der ältesten Rinderrassen Europas, da sind sich Fachleute sicher.

Zuletzt noch 26 Tiere

Ab den 1930er/1940er Jahren wurde die Rasse aufgrund ihrer zu geringen Milchleistung nicht mehr gehalten, ja sogar hierzulande verboten. 26 Tiere soll es zuletzt noch gegeben haben, als Rudi Küspert anfing, die seltenen Kühe zu halten. „Zuerst herrschte Skepsis vor, doch irgendwann war der Knoten geplatzt“, sagte Ronald Ledermüller. Die Investitionen wurden vom Bayerischen Umweltministerium und von der Unteren Naturschutzbehörde gefördert.

Heute vermarktet Rudi Küspert das Fleisch der Rinder in Bioqualität für 15 €/kg und hat damit einen so großen Erfolg, dass er die Nachfrage jetzt beim ersten Mal bei weitem nicht befriedigen konnte.

Mit dem Rotvieh startete gleichzeitig ein bayernweit einzigartiges bürgerschaftliches Gemeinschaftsprojekt. Mit Begeisterung begannen die Kleinwenderner alte Nutztierrassen zu züchten. Erst im Frühjahr dieses Jahres wurde Kleinwendern zum Arche-Dorf nach den Kriterien der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) erklärt. Nach Steinlah in Niedersachsen ist Kleinwendern somit das zweite Arche-Dorf in Deutschland und das erste in Bayern.

Großartige Dorfgemeinschaft

Bevor die Anerkennungsurkunde überreicht wurde, zogen nach und nach Sundheimer Hühner, Reichshühner, Coburger Fuchsschafe, Thüringer Wald Ziegen, Bayerische Landgänse, Rheinische Schecken und blauäugige Hermelinkaninchen in dem Ortsteil von Bad Alexandersbad ein. Voraussetzung für die Ernennung zum Arche-Dorf ist die Haltung von mindestens sechs verschiedenen Rassen aus drei verschiedenen Tierartenkategorien, die auf der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen stehen. Die Rassen müssen in Herdbuchzucht geführt werden. 

Vom Bayerischen Rundfunk bis zur Westdeutschen Allgemeinen Zeitung geben sich mittlerweile Journalisten und Presseteams in Kleinwendern die Klinke in die Hand. „Für den Naturpark Fichtelgebirge ist es eine großartige Werbung“, so Ronald Ledermüller, der auch Vorsitzender des Fichtelgebirgsvereins Bad Alexandersbad ist.

Er hebt besonders die großartige Dorfgemeinschaft hervor, die mit der Verwirklichung des Projekts entstanden ist. Egal ob Haupterwerbslandwirt, Nebenerwerbslandwirt oder Hobbyzüchter, alle ziehen in Kleinwendern an eine Strang. Die Stimmung im Dorf habe sich gewandelt, mittlerweile seien sogar wieder junge Familien hierher gezogen. Auch ein Dorffest hat man nach vielen, vielen Jahren wieder einmal gefeiert und dabei auf die Ernennung zum Arche-Dorf angestoßen.