Betriebskonzepte

Landjugend: Top-Thema in der Zeitung

Öffentlichkeitsarbeit-Schütz im Kuhstall
Adriane Lochner
am Freitag, 25.09.2020 - 10:17

„Landwirtschaft mit Zukunft“ lautete der Titel einer Serie, in der junge Landwirte aus Kulmbach ihre Betriebskonzepte vorstellten. Im Folgenden berichten sie, welche Erfahrungen sie mit der Öffentlichkeitsarbeit gemacht haben.

Öffentlichkeitsarbeit-Biobauer Kaßel mobiler Hühnerstall

Anfang des Jahres entschieden sich Landwirte aus dem Landkreis Kulmbach, eine Kampagne in Sachen Öffentlichkeitsarbeit zu starten. Neben Veranstaltungen wie „Bauernhoftiere in der Stadt“ sollte das Thema „Landwirtschaft“ auch in der Tageszeitung stärker vertreten sein. So nahmen sie mit der Redaktion der Bayerischen Rundschau Kontakt auf und baten darum, eine Serie zu starten. Die Idee hatte der 26-jährige Biolandwirt Daniel Kaßel aus Windischenhaig. Er erklärt: „Damit die heimische Landwirtschaft Zukunft hat, ist es wichtig, die Nähe zu den Verbrauchern zu suchen.“

In der Zeitungsredaktion stieß die Idee auf offene Ohren. Gemeinsam war schnell ein Konzept gefunden: Von Juni bis August erschien jeden Mittwoch eine Landwirtin oder ein Landwirt im Alter zwischen 18 und 29 Jahren, der oder die das jeweilige Betriebskonzept vorstellte. Kaßel erklärte im ersten Teil der Serie die Funktionsweise seines fahrbaren Hühnerstalls und schaffte es damit sogar auf die Titelseite. Das Feedback sei sehr positiv gewesen, berichtet der Landwirt. Leute hätten direkt Kontakt aufgenommen und um eine Besichtigung gebeten. „Die Menschen interessieren sich im Moment sehr für die Produktion ihrer Lebensmittel. Das ist eine große Chance. Wir müssen ihnen die Möglichkeit geben, sich zu informieren“, meint Kaßel. Seine Bioeier vertreibt er via Direktvermarktung in einem unbemannten „Eier-Haisla“ an der Hofeinfahrt. Kunden können hier Bares gegen Eier tauschen. Durch den Zeitungsartikel stiegen auch die Verkaufszahlen.

Zeitung erreicht Politiker

Öffentlichkeitsarbeit-Gräf Biogasanlage

Einen ganz anderen Effekt bemerkte die 23-jährige Landwirtin Melissa Gräf aus Wickenreuth. Sie stellte im Rahmen der Serie ihre Biogasanlage mitsamt Blockheizkraftwerk vor. Dafür bekam sie nicht nur viel Lob von Freunden und Bekannten, sondern auch einen Brief von Rainer Ludwig, einem Mitglied des Bayerischen Landtags. Er interessierte sich für alternative Energiequellen und bat um eine Besichtigung. „Es hat mich sehr gefreut, dass ein Politiker auf uns zugegangen ist“, berichtet Gräf.

Die Landwirte nutzten die Zeitungsartikel auch dazu, Kritik zu üben an der aktuellen Agrarpolitik. Beispielsweise sprach der 27-jährige Zuchtsauenhalter Johannes Dörfler aus Waldau über den Spagat zwischen Tierwohl und Wirtschaftlichkeit, den man versuche mit ständig neuen Auflagen zu erreichen. Die Wettbewerbssituation mit anderen EU-Mitgliedstaaten werde kaum berücksichtigt. Dörfler zufolge ist es wichtig, den Lesern diese komplexen Zusammenhänge so verständlich wie möglich, aber nachdrücklich zu vermitteln. Wer mehr Tierwohl fordere und nicht bereit sei, höhere Preise zu bezahlen, sei unaufrichtig gegenüber sich selbst. Diese Botschaft müsse klar kommuniziert werden.

Zauberwort Regionalität

Öffentlichkeitsarbeit- Infoschilder Weggel-Lang-Bergmann

Dass in Sachen Öffentlichkeitsarbeit der Weg nur nach vorne führen kann, weiß auch der 28-jährige Mastschweinehalter Heiko Kaiser aus Appenberg: „Immer nur wegducken bringt nichts.“ Für mehr Unabhängigkeit von globalen Transportketten versucht er in Kulmbach sein eigenes Soja anzubauen. In der Bayerischen Rundschau stellte er das Anbauexperiment als Teil der regionalen Wertschöpfungskette vor, in die sein Betrieb eingebunden ist. Es sei durchaus etwas wert, wenn die Schweine im acht Kilometer entfernten Schlachthof geschlachtet und das Fleisch von dort aus zu kleinen Metzgereien und Gaststätten im Landkreis geliefert werde, meint Kaiser.

Auch der 29-jährige Biolandwirt Stefan Seidel aus Wachholder bei Schwarzach ist überzeugt: „Das neue Zauberwort heißt Regionalität.“ Im Zeitungsartikel stellte er seinen Agroforstanbauversuch vor, bei dem er Obstbäume mit einem Gemenge aus Ackerpflanzen kombiniert. „Ich habe durchweg positive Resonanz bekommen, auch von älteren Landwirten“, berichtet er. Mit Zeitungsartikeln erreiche man allerdings hauptsächlich die ältere Generation. Für eine jüngere Zielgruppe seien die Sozialen Medien besser geeignet. Doch hier sei ständige Betreuung nötig, denn auf Kommentare müsse man schnell reagieren. „Wenn man in die Öffentlichkeit geht, macht man sich angreifbar“, sagt Seidel. Ein Bekannter, der seinen Landwirtschaftsbetrieb regelmäßig auf YouTube vorstellt, habe bereits Drohanrufe erhalten.

Auch der 21-jährige Lukas Schütz aus Dörfles, der gemeinsam mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Lisa den elterlichen Milchviehbetrieb vorstellte, hat bei der Aktion „Bauernhoftiere in der Stadt“ mitgemacht. Im März brachten die Landwirte Kälber, Hühner, Gänse und Lämmer in die Fußgängerzone, um den Dialog mit den Verbrauchern zu suchen. „Die Passanten haben nur miteinander gesprochen, nicht mit uns“, erklärt Schütz, der bei Fragen gerne Rede und Antwort gestanden hätte.

Hohes Infobedürfnis

Clemens Hilpert, 22 Jahre alt, aus Windischenhaig stellte den Rundschau-Lesern den Striegel als Arbeitsgerät in der konventionellen Landwirtschaft vor. Ihm zufolge ist es auch wichtig, andere Bauern in der Region zu erreichen, denn viele interessieren sich für neue Ideen. „Ein paar haben bereits gefragt, ob sie den Striegel ausleihen können.“
Der ebenfalls 22-jährige Landwirt Markus Unger aus Leesau brachte den Lesern den Zusammenhang aus Fruchtfolge und Kuhernährung näher. Er ist überzeugt, dass Öffentlichkeitsarbeit auf verschiedenen Wegen erfolgen muss. Beispielsweise habe er mit Informationsschildern an Feldwegen sehr gute Erfahrungen gemacht. „Man erreicht genau die Menschen, die sich auf‘s Land begeben und vermeidet Konflikte dort, wo sie entstehen.“ Damit meint er vor allem die gemeinsame Nutzung der Feldwege durch Landwirte und Erholungssuchende. Auf den Zeitungsbeitrag sei er positiv von vielen Leuten angesprochen worden.
In der Redaktion fand die zehnteilige Serie ebenfalls Anklang. Das Konzept schlug so große Wellen, dass der Nordbayerische Kurier im Nachbarlandkreis Bayreuth eine eigene Serie „Landwirte 2020“ herausbrachte.
Die Jungbauern, die allesamt in der Regionalinitiative „Eure Kulmbacher Landwirte“ organisiert sind, wollen die Öffentlichkeitsarbeit weiter ausbauen, etwa in Form von Veranstaltungen in der Innenstadt oder als „Tag des offenen Hofs“ mit Schulen. „Wenn die Erntezeit vorbei ist, werden wir beraten, wie es weiter geht“, sagt Kaßel.

Initiative: „Eure Kulmbacher Landwirte“

Die Initiative „Eure Kulmbacher Landwirte“ umfasst mittlerweile 191 Landwirte aus dem Landkreis. Sie entstand Anfang des Jahres aus der bundesweiten Bewegung „Land schafft Verbindung“. Bei einer Tretschlepper-Demonstration im Januar in Kulmbach kamen die Bauern ins Gespräch, tauschten Telefonnummern aus und gründeten eine WhatsApp-Gruppe.