Reaktionen

Kopfschütteln nach Kanibers Vorstoß

Staatsministerin Michaela Kaniber
Fritz Arnold
am Freitag, 04.06.2021 - 15:02

Kopfschütteln über den Vorstoß von Ministerin Kaniber zur Anbindehaltung

Was hat denn da Michaela Kaniber geritten“, rätselt Ernst Kettemann. Er meint damit den Vorstoß von Bayerns Landwirtschaftsministerin, möglichst rasch von der Anbindehaltung der Milchkühe wegzukommen. Als BBV-Vizepräsident von Mittelfranken und Kreisobmann im Landkreis Ansbach kann er nur den Kopf schütteln. Die große Zahl der Milchbauern, die in den letzten Jahren das Handtuch geworfen haben, sind eher kleine Betriebe mit älteren Ställen, wo die Kühe seit jeher angehängt sind.

Ein Milcherzeuger, der nicht genannt werden will, der sich seit langem über den Wust an Bürokratie und Vorschriften ärgert, sagte: „Dann sollen sie uns halt gleich eine Ausstiegsprämie geben.“ Dann müssten die Politiker aber auch aufhören, von bäuerlicher Landwirtschaft zu reden.

Die gesamte Regierungserklärung der bayerischen Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) können Sie hier ansehen:

Schwerer Schlag mit Auswirkungen

In Franken gibt es schon längst nicht mehr so viele kleine Milchviehbetriebe wie in Südbayern. Nach den Zahlen der Milchleistungsprüfung haben in Mittelfranken noch 28,7 Prozent der Betriebe Anbindehaltung. Sie halten im Durchschnitt 25 Kühe, in den Laufstallbetrieben sind es 76 Kühe. Würden die Anbindehalter aufhören, wäre das laut Zuchtleiter Albrecht Strotz auch ein schwerer Schlag für den Erhalt seltener Rinderrassen, wie Gelbvieh und Triesdorfer Rind, die meist in kleinen Ställen stehen.

Das Thema Anbindehaltung hätte sich im Laufe der Zeit eh erledigt, war die einhellige Meinung bei einer Umfrage der Wochenblattredaktion. Bei den allermeisten Milchbauern, die in den letzten Jahren aufhörten, handelte es sich um kleinere Betriebe, in denen die Kühe noch angebunden waren, stellt Michael Hechtel von der Milcherzeugergemeinschaft (MEG) Nürnberg-West fest. Nicht anders ist es bei der benachbarten MEG Bibertgrund.

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Bei allen befragte Landwirten der genannten Kategorie waren die Antworten eindeutig: 40 Prozent Zuschuss für Umbauten zum Laufstall können sie nicht locken. Wenn die Anbindehaltung nach politischen Vorgaben nicht mehr zulässig wäre oder die Molkereien für Milch aus Anbindehaltung erheblich weniger zahlen sollten, „dann hören wir eben auf und nicht erst beim nächsten Generationenwechsel“, war die eindeutige Reaktion.

So wäre Markus Demjanowitsch in Rennhofen bei Emskirchen nicht bereit, eine Investition weg von der Anbindehaltung hin zum Laufstall zu tätigen. Mit 50 Kühen gehört er zu den größeren Milchviehhaltern dieser Kategorie. Aber einen Laufstallbau mit den dazu nötigen Flächenaufstockungen und Güllegrubenbau würde er bei den derzeitigen Baukostensteigerungen und Lieferzeiten für Baustoffe – einem damit verbundenen Millionenaufwand – nicht wagen. Lieber würde er mit seinen 44 Jahren und einer landwirtschaftlichen Ausbildung den Absprung in eine neue berufliche Tätigkeit wagen.

Der Hof wird eines Tages aufgegeben

40 Prozent Zuschuss könnten auch Richard und Birgit Ebert in Kaubenheim nicht locken, auf einen Laufstall umzurüsten. Mit 52 Jahren hätte Richard Ebert zwar noch viele Jahre als Landwirt vor sich, doch sieht er die Situation nüchtern. Weil die Töchter andere Berufe ergriffen haben, wird der Hof eines Tages aufgegeben. Das macht ihn einerseits etwas traurig. Er sieht es aber auch entspannt.

Bisher laufe es auf dem Hof mit 50 ha Fläche rund, was auch damit zusammenhänge, dass fast alles selbst gemacht wird und kaum Dienstleister in Anspruch genommen werden. Wie es sich viele Städter wünschen, brüten in Eberts Stall im Sommer auch noch 15 Schwalbenpaare und fangen die Fliegen. „Wo nisten die dann, wenn aus Tierschutzgründen der Anbindestall zugemacht wird?“, fragt er.

Ähnlich wie im Landkreis Neustadt a. d. Aisch-Bad Windsheim, wo in den letzten 30 Jahren 70 % der Milchviehhalter aufgehört haben, sieht es auch im Kreis Ansbach aus. So in Nehdorf und Tiefental, wo in den letzten Jahren der BBV-Kreisverband Ansbach die Situation in den kleineren Betrieben verdeutlichte, die voraussichtlich auslaufen werden.

Die Stimmung bei den Tierhaltern ist nicht gut

Überdies sei die Stimmung in den Tierhaltungsbetrieben nicht gut. Im Landkreis Ansbach gebe es derzeit keinen einzigen Antrag für den Bau eines Kuhstalles, berichtet Kreisobmann Kettemann.

Dass jetzt der Ausstieg aus der Anbindehaltung von politischer Seite wieder in den Vordergrund gerückt wird, darüber kann sich MEG-Vorsitzender Hechtel nur wundern. Eigentlich sind es vor allem die Handelsketten, die Druck auf die Molkereien machen.

Losgetreten war die Forderung, dass Kühe nicht mehr angebunden werden sollten, wie das jahrhundertelang üblich war, von den Grünen. Auch wenn diese heute lieber nicht mehr davon reden, sei dadurch eine Entwicklung in Gang gekommen, die sich schon fast nicht mehr stoppen lässt. Dann haben norddeutsche Molkereien mit Weidemilch geworben, was jetzt vom Lebensmittelhandel forciert wird. „Und dies obwohl die Milch von allen Kühen weiß ist“, sagt Hechtel.

Ralf Huber

Auch der BBV Oberbayern äußerte sich zur Regierungserklärung und forderte eine Klarstellung der Staatsministerin ein. Der oberbayerische BBV-Bezirkspräsident Ralf Huber sagte: „Es kann nicht sein, dass der anstehende Wahlkampf die bayerische Landwirtschaft als buchstäbliche Bauernopfer hernimmt. Ich fordere eine Klarstellung für unsere landwirtschaftlichen Familienbetriebe in Oberbayern – und dies bitte von unserer Ministerin persönlich." Den Artikel dazu lesen Sie hier.

Der BBV Schwaben zeigt sich irritiert über die Schwerpunktsetzungen der Rede. Der schwäbische BBV-Bezirkspräsident Alfred Enderle sagte: „Auf den 41 Seiten, welche die Regierungserklärung umfasst, sind viele Themen enthalten. Auch aus unserer Sicht sind gute Ansätze sind dabei.“ Aber: „Was uns aber irritiert hat, ist die Auswahl und die Art der Formulierung derjenigen Themen, die Frau Kaniber für ihre Rede herausgegriffen hat.“ Diese seien von nicht wenigen Kreisobleuten als eine Art Einstieg in den Wahlkampf in Konkurrenz zu den Grünen gewertet worden.

Lesen Sie mehr: Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber spricht im Interview mit dem Wochenblatt über ihren Vorstoß zum Ausstieg aus der Anbindehaltung. 

Mit Material von Alexandra Königer und Philipp Seitz