Mäuseplage

Kahlfraß: Hilfeschrei in Notzeiten

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Ludwiga Friedl
am Montag, 09.09.2019 - 14:23

Gegen die Mäuseplage im Itzgrund ist keine Bekämpfung erlaubt.

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Mäuse sind „mal wieder“ das Problem im Landschaftsschutzgebiet Itzgrund. Den Praktikern beim gemeinsamen Termin mit Behörden und Presse in Untersiemau ist es anzumerken, dass sie von diesem Thema bereits mehr als genug haben: Die Plage ist da, aber es gibt keine Bekämpfungsmöglichkeit. Etwa 50 bis 60 ha im 1100 ha großen Landschaftsschutzgebiet seien derzeit massiv betroffen. Zwischen Coburg und Bamberg gibt es überall stark befallene Stellen. „Und die Mäuse vermehren sich noch, wir haben erst August“, sagt Oberfrankens BBV- Bezirkspräsident Hermann Greif.
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„Uns geht es wie dem Buchbinder Wanninger“, schildert BBV-Kreisobmann Martin Flohrschütz. Im FFH-Gebiet gilt ein komplettes Anwendungsverbot für Rodentizide. Trotzdem habe in der unteren Naturschutzbehörde jemand gesagt „legt halt Gift aus“. „Wir werden von einem zum anderen geschickt – und das kotzt mich an“, sagt Flohrschütz.
Sein Stellvertreter Wolfgang Schultheiß, der mit seinem Sohn Sebastian zusammen die besichtigte Fläche bewirtschaftet, schildert das Problem eingehend: „Der Maus schmecken die gleichen Gräser wie der Kuh“, sagt Schultheiß. Nur dass die Mäuse das Wurzelwerk verzehren, so dass oberirdisch nur Ungräser stehenbleiben. „Eine Wühlmaus frisst pro Tag rund 120 g Wurzeln, das ergibt bei 100 Tieren über 300 kg pro Monat“, rechnet BBV-Geschäftsführer Hans Rebelein vor.
Durch die Grabetätigkeit wird außerdem das Futter verschmutzt, sagt Sebastian Schultheiß. Er befürchtet, dass sich auf den Kahlstellen zuerst der Ampfer ansiedelt, der dann auch wieder bekämpft werden muss. Er möchte von Reinhard Ostermeier, Pflanzenbauberater am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Bayreuth, wissen, ob er überhaupt eine Chance hat, die Plage zu bekämpfen. „Wenn es kein Schutzgebiet wäre...“, erklärt Ostermeier, dann könnte man noch bis 30. 3. 2020 mit der Legeflinte Giftweizen oder Giftlinsen mit dem Wirkstoff Zinkphosphit in die Löcher einbringen. Dabei sei es ganz wichtig, dass kein Giftköder an der Bodenoberfläche liegenbleibe. Bei einer Bodenbearbeitung mit dem Grubber könnten bis zu 80 Prozent der Mäuse erfasst werden, die beispielsweise von Krähen geholt würden. „Doch das wäre ja ein Wiesenumbruch – und ist ebenfalls verboten“, fallen ihm die Praktiker ins Wort. Selbst die Sitzstangen für Greifvögel sind im Landschaftsschutzgebiet ein umstrittenes Thema, weil Bussard und Co. im Frühjahr auch die jungen Brachvögel erbeuten könnten.
„Im übrigen gibt es hier genügend Sitzstangen“, verweist Rebelein auf die Bäume entlang der Itz. Trotzdem können die Beutegreifer mit den Mäusen nicht Schritt halten. Das einzige, was helfen würde, wäre ein gescheites Hochwasser.
Flohrschütz stellt klar: „Es geht uns überhaupt nicht darum, alles zu vergiften“. Er will den Pressetermin als „Hilfeschrei in einer Zeit der Futternot“ verstanden wissen. Durch die Trockenheit sei der zweite Schnitt bereits sehr knapp ausgefallen. „Und dann haben wir uns gefragt, warum die Wiesen nach dem Regen nicht mehr grün werden“, sagt Schultheiß. Er hat auf einem 16 x 16 m großen Flächenstück alle Mauselöcher zugemacht. Wenn innerhalb von 24 Stunden acht Mauselöcher wieder geöffnet sind, ist die Schadschwelle überschritten. „Das ist schätzungsweise hier der Fall“, bestätigt Ostermeier, der die Lochtretmethode nicht selber durchgeführt hat. Doch Kahlstellen, Mauselöcher, Laufwege und ausgeworfene Erde gibt es überall. Auch in Thüringen und Niedersachsen stehen die Landwirte vor dem selben Problem.
„Der Itzgrund ist nur mit Bauern in seinem schönen Zustand zu erhalten“, sagt Kreisbäuerin Heidi Bauersachs. Ihr tue es in der Seele weh, wie die Bauernfamilien mit der Plage allein gelassen werden. Sie fordert eine Notfallzulassung für Mäusegift im Schutzgebiet.
Greif sieht ebenfalls Gefahr in Verzug. Denn wenn die Mäuse alles kahlfressen, kann auch der Naturschutzzweck nicht mehr erfüllt werden. Oder anders gesagt: Wenn die Mäuse den großen Wiesenknopf wegfressen, findet auch der schützenswerte Wiesenknopfameisenbläuling keine Lebensgrundlage mehr. Letzten Endes müssten doch die Wiesen umgebrochen und neu angesät werden. „Doch mit welchem Saatgut?“, fragt Sebastian Schultheiß. Nur die Pflanzenarten, die hier natürlich vorkommen, kämen auch einmal mit vier Wochen Hochwasser und andererseits mit der Sommertrockenheit zurecht.
Dafür hat der stellvertretende Landrat Rainer Mattern Verständnis. Auch ihm macht es Sorgen, dass in letzter Konsequenz das Schutzziel wegfallen könnte, wenn einfach abgewartet wird, wie es die Schutzgebietsverordnung vorschreibt.