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Landtechnik

Mit Infrarot das Rehkitz retten

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Jürgen Leykamm
am Samstag, 24.07.2021 - 10:49

Vom österreichischen Landtechnikunternehmen Pöttinger gibt es ein Sensorsystem zur Tiererkennung.

Gnotzheim/Lks. Weißenburg-Gunzenhausen Rehkitze in den Wiesen aufspüren, um sie vor den Messern des Mähwerks zu bewahren: Dazu gibt es bereits einige Methoden. In diesem Sommer gesellt sich eine weitere, sehr vielversprechende hinzu – das „weltweit erste Sensorsystem zur Tiererkennung“, wie es das österreichische Landtechnikunternehmen Pöttinger beschreibt. Bei Gnotzheim wurde im Juli 2021 die Neuerung nun der Öffentlichkeit vorgestellt.

Eingeladen zu der Vorführung im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen hatte die Qualitätstrocknung Nordbayern (QTN), die sich von dieser neuen Option enorme Unterstützung erhofft, hat die Genossenschaft doch selbst über 800 ha Grünland mittels Vertragsanbau zu bearbeiten – Tendenz steigend. Derzeit ist man dabei, das neue System auszutesten.

Infrarot-Sensoren:Mähwerk wird angehoben

Bernd Kladny, Bereichsleiter Trocknung, zieht ein erstes Zwischenfazit: „Das Ding funktioniert!“ Was vor den Augen der Besucher auch anhand eines mit Fell überzogenen Rehkopf-„Dummys“ bewiesen wurde. Einige Mal fuhr Leon Weißmann vom Petersauracher Lohnunternehmen Reitelshöfer mit seinem Traktor direkt auf das simulierte, im Gras gut versteckte „Tier“ zu. Jedes Mal erkannten es die Sensoren, so dass sich das Mähwerk von selbst anhob. „Auf diese Weise haben wir schon etliche Babyhasen und Rehkitze vor dem Tod bewahrt“, zeigte sich Kladny erleichtert.

Die Funktionsweise der technischen Neuheit erläuterte Markus Reininger, Produktmanager bei Pöttinger: „Über Infrarot-Sensoren spürt das System die Wildtiere auf.“ Werden sie fündig, „veranlassen sie die Anhebung des Mähwerks“. Zeitgleich erhalte der Traktorfahrer akustische und optische Signale, die ihm bedeuten, jetzt schnell anzuhalten. Was bei einer möglichen Fahrgeschwindigkeit von maximal zehn Kilometern pro Stunde auch umgehend machbar sein sollte. Bei hohen Beständen sei man aber auch ohne die Sensoren nur unwesentlich schneller unterwegs, so Kladny.
Bislang wird noch die Vorserie des Systems in den Wiesen eingesetzt. Mit ihm sei schon auf 1000 ha gemäht worden, wie Reininger informierte. 85 Kitzen, 30 Hasen und 20 Fasanen habe so das Leben gerettet werden können.
In einem nächsten Ausbauschritt wolle das Unternehmen darauf hinarbeiten, dass sich nicht nur das Mähwerk selbstständig hebt, sondern auch der Traktor von selbst anhält, sobald ein Wildtier aufgespürt wird, so der Produktmanager. Bei älteren Traktormodellen könnte das aber schwierig werden, äußerte sich ein Landwirt skeptisch.

Maßnahmenbündel weiter im Blick behalten

Ob denn bei den jetzigen Tests auch Rehe zu Tode gekommen seien, wollte BBV-Referent Philip Bust wissen. „Das waren keine zehn Kitze“, entgegnete Reininger. „Aber einen 100-prozentigen Schutz wird es nie geben“, warnte er vor übertriebenen Erwartungen. Wichtig sei, das ganze Maßnahmenbündel im Blick zu haben, empfahl Stefan Thurner von der LfL. Dazu zählten das von innen nach außen Mähen, Scheuchen, Menschenketten, Drohneneinsätze und auch tragbare Wildretter.
Skeptisch sah er allerdings die vorgeschriebene Maßnahmenkaskade. Auch der stellvertretende BBV-Kreisobmann von Roth, Tobias Volkert, ging mit der Kaskadenlösung hart ins Gericht.
Erwin Auernhammer, der BBV-Kreisobmann von Weißenburg-Gunzenhausen, regte an, die juristische Bewertung des Rehtodes in Deutschland neu zu überdenken. Gerate ein Kitz ins Mähwerk, kann dies nämlich als Straftat ausgelegt werden. Doppelt so oft aber finde ein Reh den Tod im Straßenverkehr. „Dann wird nur das demolierte Auto bedauert.“

Sensorsystem ab August im Handel erhältlich

Bis August soll das Sensorsystem seine Serienreife erlangt haben und dann im Handel erhältlich sein – sowohl für den Heck- wie auch den Frontmäher. Laut Reininger dürfte sich der Preis auf etwa 7000 € für drei Meter belaufen. Den Kosten stehe gegenüber, dass durch die Anschaffung der Erzeugung von sauberem Grundfutter Rechnung getragen werde. Was wiederum eine wesentliche Grundlage für den betrieblichen Erfolg darstelle.

Lesen Sie mehr zum Thema: Die direkt am Mähwerk angebrachten optischen Sensoren beim Wildretter Sensosafe von Pöttinger erkennen Rehkitze, die vor dem Mähwerk im Gras verborgen liegen und für den Fahrer nicht sichtbar sind.