Wolfsmanagement

Herdenschutzhunde: Kein Lehrgeld bezahlen

Herdenschutzhunde_LF
Jürgen Leykamm
am Donnerstag, 03.12.2020 - 09:26

In Franken fand ein erster Lehrgang zum Umgang mit Herdenschutzhunden statt.

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Bitter Lehrgeld bezahlen musste Swen Keller aus Sachsen-Anhalt vor einigen Jahren, als seine frisch geborenen Kälber einem Wolfsangriff zum Opfer fielen. Seither sucht er nach Wegen, seine Tiere künftig vor solchen Attacken zu bewahren. Heute ist der Landwirt Experte für Herdenschutzhunde, wovon bei einem zweitägigen Lehrgang, dem ersten seiner Art in Franken, in Enkering und Kleinnottersdorf im Landkreis Roth 24 Teilnehmer profitierten.

Veranstaltet hat die Fortbildungsmaßnahme der „Verband Herdenschutz e. V.“, der im süd- und mitteldeutschen Raum als Beratungsstelle für Weidetierhalter und deren Sprachrohr in Richtung Politik und Gesellschaft agiert. Mit insgesamt 25 Mitgliedern steckt der Verein dabei aber noch in den Kinderschuhen. Die Aufgabenbereiche sind jedoch schon verteilt. Michael Sinke heißt der Vorsitzende und Sprecher für Thüringen, Stellvertreter und Bayernsprecher ist Robert Eberler aus Holzi.

Elektrozaun und Hunde sollen die Schafe schützen

Eberler hat seine Herde mit 700 Merino-Landschafen und einigen Burenziegen bei Kleinnottersdorf (nahe Greding) stehen. Ein Elektrozaun und vier Herdenschutzhunde sorgen dort dafür, dass der Wolf keine Chance hat. „Eine gute Nervenberuhigung“, sagt der Schäfermeister, als sich die Lehrgangsteilnehmer zur Praxis auf dem Areal einfinden. Immerhin sei erst vor kurzem ein Wolf in der Region gesichtet worden.
Eberler begann im Jahr 2017 mit dem Einsatz von Herdenschutzhunden. Für den Kauf dreier Tiere fuhr er eigens nach Nordspanien in die Nähe von León. Damals sei er von vielen Kollegen noch belächelt worden. Doch das Blatt drehe sich mehr und mehr.
Derzeit sind es vier Hunde, die bei Kleinnottersdorf wachen: Anni, Arko, Perla und Sama. Sie sind Vertreter der Rasse „Mastín Español“ und bringen je um die 100 Kilogramm auf die Waage. „Wer da als Mensch meint, er müsse auf die Schafweide stürmen und dann hinfällt, der wird dort erst einmal festgenagelt“, warnt Keller, auch Vorsitzender der Interessengemeinschaft (IG) „Herdenschutz plus Hund e. V.“ Auch die Teilnehmer mahnt der Fachmann, „die Tiere nicht einfach anfassen!“ Erst gelte es, Vertrauen aufzubauen. Und so läuft Eberler mit einem Hund nach dem anderen im Slalom um einige Kursteilnehmer herum. Ein Schauspiel, das sich die Schafe nicht entgehen lassen, die sich wie auf einer Zuschauertribüne versammeln.

Auch die Hunde brauchen ein Arbeitskonzept

Dann dürfen die vier Mastíni, die mit der Herde aufgewachsen sind und damit quasi zur Familie gehören, auch mal zeigen, was sie können und eine Attacke starten. Da geht es teils recht stürmisch zu. Da müsse noch gefeilt werden, meint Keller: „Selbst Herdenschutzhunde brauchen ein Arbeitskonzept.“ Und ganz wichtig: „Ein Hund, der herangerufen wird, muss sofort kommen – alles andere können wir der Gesellschaft nicht verkaufen!“ Den Bewertungsbogen füllt der Experte gleich noch vor Ort aus. Dass ein Hund die Menschen ins Visier nimmt, als sie sich der Weide nähern, während sich die anderen drei um die Herde kümmern, kommt gut an. Allen Vieren bescheinigt er „eine gute Energie“. Nachzubessern gibt es zwar noch einiges, aber „der Herdenschutz ist hier nicht gefährdet“, so Kellers Gesamturteil.

Mit Sachkundenachweis gut gerüstet

Vor wenigen Monaten wachten hier noch acht Hunde – vier hat Eberler seither verkauft. Die entsprechenden Einnahmen wiegen dabei gerade einmal die während der Aufzucht entstanden Kosten auf. Nun ist bald die nächste Generation am Start: Anni ist nämlich trächtig. Wie Arko und Perla ist auch sie zwei Jahre alt. Die dreijährige Sama ist Herdenschutzhündin der ersten Stunde bei Eberler. Alle vier bleiben bei den Schafen, als die Kursteilnehmer schließlich wieder die Fahrt nach Enkering antreten. Dort haben sie vor der Exkursion eifrig Theorie gepaukt, am Abend wird in gemütlicher Runde gefachsimpelt.
Und am nächsten Tag wird es nochmal ernst: Die Prüfung für den Sachkundenachweises für Halter von Herdenschutzhunden steht an. So ist man nun also noch besser gerüstet für ein Miteinander zwischen den Mensch und den verschiedenen Tierarten. Denn solche Erfahrungen, wie sie Keller einst machen musste, will keiner der Tierhalter selbst durchleiden müssen.