Europa

Franken in den Mittelpunkt gerückt

Gadheim-EU_LF
Sabine Dähn-Siegel
am Donnerstag, 30.07.2020 - 13:04

Durch den Brexit liegt nun Gadheim in Unterfranken in der Mitte der EU.

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Was liegt auf acht Grad, 54 Minuten und sieben Sekunden östlicher Länge sowie 49 Grad, 50 Minuten und 35 Sekunden nördlicher Breite? Eine schön gestaltete, von Äckern und Wiesen umgebene Fläche bei Gadheim, einem 80-Einwohner-Ortsteil von Veitshöchheim (Lks. Würzburg). Das Besondere daran: Hier befindet sich der noch relativ neue geografische Mittelpunkt der Europäischen Union. Davor lag er gut sechseinhalb Jahren lag in Westerngrund (Lks. Aschaffenburg). Doch seit Großbritannien in der Nacht auf den ersten Februar dieses Jahres der EU ade gesagt hat, kommt dem Weiler nun diese Ehre zu. Eine dem Brexit geschuldete Ehre, „auf die wir gern verzichtet hätten“, sagte der Veitshöchheimer Bürgermeister Jürgen Götz. Und eine Ehre, die zeitlich limitiert ist, schließlich habe das Kosovo schon 2016 einen EU-Aufnahme-Antrag gestellt. Gleichwohl eine Ehre, auf die sich die Gemeinde vorbereitet hat.

Fahnenmast aufgestellt

Rund 1000 m2 Ackerfläche hat sie gepachtet von den Landwirtsfamilien Keßler und Dürr, darauf drei Fahnenmasten aufgestellt und einen Platz mit halbrunder Bank angelegt, von dem aus man ins Maintal blickt. Oder auf den Muschelkalkquader, aus dessen Mitte ein rot-weißer Pfosten ragt – als Markierung des aktuellen EU-Mittelpunkts.

In der fränkischen Ackerlandschaft mag das Ganze ein bisschen exotisch wirken, offiziell eröffnet werden sollte es aber trotzdem. Ursprünglich im Frühjahr. Mit einer Feier für die Bevölkerung, mit lokaler Prominenz und mit dem Ministerpräsidenten.

Nur eine kleine Feier

Planungen, die – nicht nur coronabedingt – durcheinandergewirbelt wurden. Es gab daher nur eine kleine Feier – mit dem Veitshöchheims Bürgermeister, mit geladenen Gästen (darunter die Verpächter), aber ohne spontan dazukommende Ortsansässige und ohne Landesvater. Der hatte entgegen längerfristiger Absprache kurzfristig absagen lassen – wegen nicht näher angegebener Terminkollision.

Neuer touristischer Punkt

So begrüßte Götz stattdessen Digitalministerin Judith Gerlach an dem „schön gestalteten neuen touristischen Punkt“, der vom Bauhof und von Azubis der in Gadheim beheimateten Markushof-Gärtnerei von Caritas-Don Bosco angelegt wurde. Gerlach hob die positive Seite der Feier hervor. Zwar habe die EU-Mittelpunkts-Abgabe aus Westerngrund, einem Ort in ihrem Stimmkreis, bei ihr für ein „weinendes Auge“ gesorgt. „Doch immerhin liegt der Nabel der EU weiterhin in Unterfranken“.

Froh, „dass ich mich im wahren Leben nicht entscheiden muss“, wählte die gebürtige Würzburgerin dann aus ihren drei Mund-Nase-Masken (mit fränkischem, bayerischen und Europa-Muster) anlassgemäß europäisch. Dass das gemeinsam angestimmte Franken-Lied deshalb so gedämpft erklang, ist freilich reine Spekulation.

Die Feier klang mit der Übergabe der Europa-Staffel und einem mit Söder-Widmung versehenen Gästebuch sowie der Enthüllung von Info-Tafeln zur EU aus. Für das obligatorische Gruppenfoto bildete der wunderschöne Blühacker von Karin Keßler den farbenfrohen Hintergrund. 11 000 m², in denen es summt und brummt, hat die Landwirtin angelegt und dafür inzwischen 90 Blühpaten gefunden. „Weitere sind willkommen“, sagte sie, denn ohne diese „Insektenwiese am EU-Mittelpunkt“ wäre es hier wohl nur halb so schön.