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Zusammenarbeit

Ferkelkastration: Bald Narkose-Gemeinschaft?

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Stephan Stöckel
am Donnerstag, 13.08.2020 - 11:31

Landwirt Illmer will mit drei oder vier Kollegen eine Gemeinschaft bilden, um die Kosten für das Narkosegerät zu teilen.

Bislang kastrierte Landwirt Ulrich Illmer aus dem Lichtenfelser Ortsteil Buch am Forst seine männlichen Ferkel bei örtlicher Betäubung. Doch damit ist am 1. Januar 2021 Schluss. In Deutschland ist diese Art der Kastration dann verboten – im Unterschied zu Dänemark oder den Niederlanden.

Für Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner ist die Ferkelkastration unter Isofluran-Betäubung – neben der Ebermast und der Immunokastration – das Mittel der Wahl, um Ebergeruch beim Schweinefleisch zu vermeiden. Eine entsprechende Verordnung wurde auf den Weg gebracht. Sie erlaubt nicht nur Tierärzten, sondern auch geschulten Landwirten, das Narkosegas einzusetzen.Diese sind davon nicht gerade begeistert.

Erschwernis für die Bauern

Bei einem Ortstermin der BBV-Kreisverbände Coburg und Lichtenfels auf dem Hof Illmers äußerten sie ihren Unmut über die neue Regelung, die den Bauern wieder einmal das Leben schwer mache. „Ein solches Narkosegerät kostet mich ein Vielfaches von dem, was ich für das örtliche Betäubungsmittel ausgeben muss“, erklärte Illmer den Journalisten.

Mit konkreten Zahlen wartete der BBV-Geschäftsführer der beiden Kreisverbände Hans-Jürgen Rebelein auf. Die Kosten für ein solches Gerät lägen je nach Größe zwischen 5.000 und 15.000 €. Beträge, bei denen der 60-jährige Illmer fragt: „Kurz vor dem Ruhestand soll ich noch einmal eine solch große Investition tätigen. Bei neun Mutterschweinen wäre das ein immenser Aufwand.“ Illmer überlegt, die Ferkelerzeugung einzustellen und sich auf Schweinemast zu konzentrieren. 100 Mastschweine und 180 Ferkel hält er derzeit.

Mehrkosten für den Ferkelerzeuger

Rebelein zitierte aus einer Studie des Thünen-Instituts für Betriebswirtschaft: „Durch die Isofluran-Narkose entstehen den deutschen Ferkelerzeugern – je nach Betriebsgröße – Mehrkosten in Höhe von 1,93 bis 3,81 € je kastriertem Ferkel.“ Zugleich ärgert ihn, dass in Dänemark weiterhin die Lokalanästhesie zugelassen ist. Nach Berechnungen des Thünen-Instituts lägen dort die Mehrkosten zwischen 24 und 31 ct.

Illmer verkauft sein Fleisch an einen Metzger ins drei Kilometer entfernte Untersiemau. Würde der Landwirt kein Fleisch mehr liefern, dann würde ein Stück Regionalität verloren gehen, sind sich die Kreisbäuerinnen Heidi Bauersachs (Coburg) und Marion Warmuth (Lichtenfels) mit den Kreisobmännern Martin Flohrschütz (Coburg) und Michael Bienlein (Lichtenfels) einig.

Die BBV-Leute machen sich auch Sorgen um die Gesundheit der Landwirte. Nach bisherigen Erfahrungen könne ein Gasaustritt während der Betäubung nicht ausgeschlossen werden. Für Bienlein hat die Betäubung auch gesundheitliche Nebenwirkungen bei den Tieren: „Das Gas belastet Herz und Kreislauf der kleinen Schweine. Zudem werden sie davon abgehalten, Muttermilch zu trinken.“ In den Ferkelbeständen könne es zu einem Verlust von bis zu zwei Prozent an Tieren kommen, sagte der Lichtenfelser Kreisobmann.

Kollegen gesucht

Alle sind sich einig, dass die Beibehaltung der örtlichen Betäubung die beste Lösung gewesen wäre. Doch der Gesetzgeber hat anders entschieden. Für Illmer bedeutet das, die Ferkelerzeugung aufzugeben oder zu investieren. Da ihm die Ferkelerzeugung ein Leben lang Freude bereitet hat, sagt er: „Ich würde gerne mit drei oder vier anderen Landwirten eine Gemeinschaft bilden. Dann könnten wir uns die Kosten für das Narkosegerät teilen.“