Reinigungsalkohol

Corona: Jetzt wird desinfiziert

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Ludwiga Friedl
am Mittwoch, 20.05.2020 - 07:54

Andreas Staab und einige Kollegen brennen aus Schnaps- und Likörresten Reinigungsalkohol, der als Desinfektionsmittel in Coronazeiten wichtig ist.

Andreas Staab aus Partenstein im Landkreis Main-Spessart sammelt und verarbeitet Schnapsreste. Auf diese Weise trägt der Brenner zur Bewältigung der Coronakrise bei: Er brennt Reinigungsalkohol aus nicht mehr genießbarem Hochprozentigem. Schon über 3000 Flaschen mit Schnaps- und Likörresten haben ihm Nachbarn und Freunde vorbeigebracht. Im Hof vor der Brennerei findet sich ein buntes Sammelsurium. „Schon zweimal haben wir gebrannt“, berichtet er, der nur verzollte Ware verarbeitet, also alles außer Wein und Bier.

Mit „altem Zeug“ wird jetzt desinfiziert

Zunächst war der Bedarf an reinem Alkohol so hoch, dass er seine Bestände, die er ursprünglich zu Gin verarbeiten wollte, an Apotheken verkauft hat. Darüber hinaus wurde händeringend nach Desinfektionsmitteln gesucht. Einem Freund sei die Idee gekommen, ob man nicht das alte Zeug, das im Keller herumsteht, weil es keiner mehr trinken will, zum Desinfizieren verwenden könnte. Diese Frage hat Staab dem zuständigen Sachbearbeiter beim Zoll gestellt. Und dabei sofort eine positive Antwort bekommen.
Vorsichtshalber hat das Wochenblatt noch einmal bei der Pressestelle des Hauptzollamtes Schweinfurt nachgefragt. Pressesprecherin Tanja Manger hat bestätigt, dass bei der Aktion praktisch die Reinigung und der Feinbrand in einer Abfindungsbrennerei zugrunde liegt. „Der geplante Reinigungsbrand mit versteuertem Alkohol ist dem zuständigen Hauptzollamt je nach Ansässigkeit der Abfindungsbrennerei spätestens drei Werktage vor dem Brand anzuzeigen, nach § 20 Abs. 5 Alkoholsteuerverordnung“, antwortet sie.
Unter Reinigung sei unter anderem die Absonderung verunreinigender Stoffe in bereits gewonnenem Alkohol wie auch die Geistherstellung zu verstehen. Aufgrund des Einsatzes versteuerten Alkohols für den Reinigungsbrand sei bei der Verwendung des gereinigten Alkohols zu Desinfektionszwecken keine Einschränkung oder Sonderregelung im Rahmen der Coronakrise ersichtlich.
Den Alkoholsteuerrechtlichen Regelungen zur Herstellung von Desinfektionsmitteln (Stand 2. 4. 2020) ist zu entnehmen, dass infolge der Verbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 in Deutschland verstärkt Desinfektionsmittel nachgefragt werden. In Apotheken und Drogeriemärkten sind entsprechende Präparate derzeit praktisch nicht mehr erhältlich. Die Bundesstelle für Chemikalien bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat mit verschiedenen Allgemeinverfügungen Ausnahmeregelungen zur Herstellung von Desinfektionsmitteln u. a. aus Ethanol getroffen (im Internet unter www.zoll.de).

Desinfektionsmittel und Arbeitszeit verschenkt

Rund 80 Liter Reinigungsalkohol mit 72 Prozent Alkohol sind bei Staabs erster Aktion herausgekommen, die er und seine Frau Isabel kostenlos verteilt haben. „Wir haben das Desinfektionsmittel den Leuten in ihren mitgebrachten Behältern mitgegeben und ein Etikett daraufgepappt“, berichtet Isabel Staab. Darüber gefreut haben sich nicht nur Hausfrauen und Apotheker, sondern auch das Reinigungspersonal in Altenheimen, das damit beispielsweise Türklinken und Treppengeländer desinfiziert. Gehamstert hat laut Staab niemand.
Darum hat er vor, noch zweimal zu brennen. Die Spendenbereitschaft scheint ungebrochen. „Noch immer werden Flaschen vorbeigebracht“, sagt Isabel Staab, die dabei hilft, alles in ein Faß zu schütten. „Eine ziemlich ekelige Pampe, die dabei zusammenkommt“, findet sie. Viele Menschen staunen, dass das Endprodukt glasklar und hygienisch einwandfrei ist. Und „viiieeele“ Flaschen hat Isabel Staab schon entsorgt – geschätzt schon einen ganzen Container voll.
Die Arbeitszeit, das Kühlwasser und das Brennholz spendiert der Nebenerwerbslandwirt für den guten Zweck. Im Hauptberuf arbeitet er als Mechaniker bei Rexrodt.
Vor drei Jahren hat er seine Zusatzausbildung mit der Prüfung zum staatlich geprüften Brenner abgelegt. Heuer wollte er noch den Edelbrand-Sommelier draufsatteln, doch die Prüfung wurde wegen Corona auf unbestimmte Zeit verschoben. Zum Nebenerwerb gehören auch acht Mutterkühe, die dieser Tage auf die Sommerweide dürfen.
Die gute Idee hat auch schon Nachahmer gefunden, zum Beispiel unter den Brennern im Kahlgrund. Klaus Simon in Wasserlos, Michael Rossmann in Albstadt oder Walter Rothenbücher in Schneppenbach nehmen Reste von Hochprozentigem an.
„Natürlich müssen wir anschließend einen Reinigungsbrand mit Waschlauge machen“, berichtet Staab, der in Feinschmeckerkreisen bereits einen guten Namen mit preisgekrönten Produkten hat. Auf seiner Internetseite wirbt er nicht nur mit Spessart Dry Gin oder Apfelquittenbrand, sondern auch verschiedenen Likören, „die Sache meiner Frau“. Doch auch sie braucht ein tadelloses Ausgangsprodukt für ihre Spezialitäten. Deshalb wird die Brennerei gründlich gereinigt nach der Spendenaktion.