Aktion „Schluss mit lustig“

Bauernprotest: Die Antwort nach sieben Tagen

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Jürgen Leykamm
am Freitag, 27.11.2020 - 09:56

Forderungspapier der Erzeugerinitiative „Schluss mit lustig – uns geht die Luft aus“

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Die Agrarerzeuger-Initiative „Schluss mit lustig – uns geht die Luft aus!“ hat ihr Versprechen wahr gemacht. Vor einer Woche hatten deren Vertreter ein Forderungspapier bei mehreren Verarbeitern abgegeben (wir berichteten). Auch an die „Milchwerke Ingolstadt-Thalmässing eG“ (Goldmilch). Sieben Tage hatten die Gesprächspartner Zeit für eine Antwort. Die gab es nun auch – vom Vorstandsvorsitzenden Helmut Rottler persönlich.

Mit zehn Schleppern rückten der BDM (Bundesverband Deutscher Milchviehhalter), die Agrarbewegung LsV (Land schafft Verbindung), das European Milk Board (EMB) und die Milcherzeugergemeinschaft (MEG Milch Board) an. Allesamt Verbände, „die ausschließlich Erzeugerinteressen vertreten“, so der BDM-Kreisvorsitzende Manfred Gilch.

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Der Anfang der Veranstaltung geriet dabei etwas frostig. Gerade als Gilch die Hintergründe der Aktion erklären wollte, fiel ihm der Vorstandsvorsitzende der Goldmilch ins Wort: „Du bist hier kein Lieferant, du hattest vor einer Woche deine Spielwiese, heute habe ich meine!“ Dann legte Rottler seine Sicht der Dinge dar. Die Milchwerke seien eine Genossenschaft, die „für unsere Lieferanten“ arbeite. Nach aktuellen gesetzlichen Vorgaben und nicht nach denen, die vielleicht noch kommen könnten, die aber viele Molkereien im vorauseilenden Gehorsam erfüllten, bevor der Stift zur Unterschrift überhaupt angesetzt wurde. Ein Vorgehen, was wiederum für Preisdruck sorge.

Dem Diktat dieser großen Molkereien wolle man sich nicht beugen, hingegen aber die eigene Molkerei unbedingt erhalten und dabei einen guten Milchpreis erzielen, sagte Rottler. Er gab zu bedenken, dass es große Kostenanhebungen zu bewältigen gelte. Die jährlich um drei Prozent steigenden Löhne etwa oder bald auch die CO2-Steuer.

Themaverfehlung?

Seine Ausführungen seien „Themaverfehlung“ schallte es zurück. Es gehe um die Erarbeitung von Lösungen für ein Preisdilemma. „Dann geht doch bitte zu den großen Verarbeitungsunternehmen.“ Die hat die Initiative „Schluss mit lustig“ auch im Visier, reden will man aber im Ringen um Lösungen erst einmal mit den kleinen vor Ort. Und die zeigten sich gesprächsbereit. Denn „als Landwirt bin ich ganz auf Eurer Seite“, sagte Rottler. Zumal bald weitere Vorgaben und damit verbundene Mehrkosten drohen. Als Molkerei-Vorsitzender aber bleibe ihm die Erkenntnis: „Mehr als der Markt hergibt, kann ich nicht zahlen!“
Mit der Frage nach Antworten konfrontiert, bilanzierte er: „Lösung? Es gibt keine Lösung!“ Es seien eben zwei Herzen, die in Rottlers Brust schlügen, so Gilch darauf. Auf keinen Fall sei es das Ziel der Aktion „Goldmilch zu kritisieren – Ihr macht eine Superarbeit!“ Doch es bleibe das politische Grundsatzproblem: „Die Milchbauern sind Restgeldempfänger“ – sprich: Handel und Verarbeiter greifen ihre Margen ab, was übrig bleibt bekommen die Erzeuger. Die würden sich gerne bündeln wollen – ohne Verarbeiter. Doch da schiebt die EU den Riegel vor.

Konzentration im Milchsektor

Das deutsche Kartellamt stellte schon vor Jahren eine beängstigende Konzentration von Molkereien in Deutschland fest und attestierte Handlungsbedarf, da die Erzeugerseite hier ins Hintertreffen geraten sei. Die schwindende Marktmacht gepaart mit immer neuen, kostenträchtigen Auflagen, zeigt Wirkung: In zehn Jahren sind 40 % der Milchviehbetriebe aus Deutschland verschwunden. Geschehe nichts, könnte sich dieser Trend noch beschleunigen, so Gilch. Der Erzeuger müsse als „aktiver Marktakteur“ auftreten. Seitens der Politik gäbe es da zwar so manche Ansätze, die aber ausgerechnet von den Dachverbänden der Verarbeiter torpediert würden, machte der BDM-Chef den eigentlichen Hemmschuh aus. „Das ärgert mich auch“, sagte Rottler. „Hier gehen viel Bauerngelder verloren.“ Letztlich „sitzen wir alle in einem Boot“, so Goldmilch-Aufsichtsratschef Josef Barth.

Nun sollen bundesweit die insgesamt 150 Einzelaktionen ausgewertet und dann weitere Schritte gegangen werden.