Franken

Bauerndemo: Der Fehler liegt im System

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Irene Konrad/Ludwiga Friedl
am Mittwoch, 03.06.2020 - 10:00

Land schafft Verbindung organisiert Demonstrationen vor SPD-, Naturschutzbund- und Landesbund für Vogelschutz-Geschäftsstellen.

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Bei einer deutschlandweiten Protestaktion am 28. Mai wehrten sich die Landwirte gegen den Vorwurf aus dem Bundesumweltministerium, für zunehmende Belastungen für die Natur verantwortlich zu sein. In ihrem aktuellen „Bericht zur Lage der Natur“ hatte Bundesumweltministerin Svenja Schulze der industriellen Landwirtschaft die Hauptschuld am Verlust der Artenvielfalt gegeben.
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Zwölf Demonstrationen waren in Bayern zugelassen. In Veitshöchheim hatte die unterfränkische Vereinigung „Land schafft Verbindung“ (LSV) zu einer Kundgebung unter Corona-Bedingungen mit Abstandsregeln und Mund-Nasen-Masken gerufen. Die Landwirte reisten mit ihren Traktoren an. 50 Teilnehmer waren zur Demonstration erlaubt und gelistet.
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Vor der Geschäftsstelle des Landesbundes für Vogelschutz wurden die Reden der Organisatoren Claus Hochrein und Thomas Wolf von der LSV kräftig beklatscht. Mit deutlichen Worten prangerte Hochrein Politiker an, die den Landwirten nicht zuhören, lediglich Lippenbekenntnisse abgeben würden und „jeden Tag mit den Füßen auf uns eintreten“.
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Weil „es so nicht weitergehen kann“ und „die Wertschätzung fehlt“, fordert die Vereinigung LSV den Rücktritt der Bundesumweltministerin Schulze und ihres Staatssekretärs Jochen Flasbarth. Ihnen fehle jegliches Verständnis dafür, „dass wir Bauern jeden Tag draußen in der Natur sind, sie schützen und pflegen und von ihr leben“.

„Wenn man uns kleinere Betriebe abschaffen will, soll man und das klar und deutlich ins Gesicht sagen“, forderte Hochrein ehrliche Gesprächsbereitschaft und „die Wertschätzung über den Preis für die Lebensmittel, die wir auf höchstem Niveau erzeugen“. Ausdrücklich lobte Hochrein die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber, die verständnisvoll zuhöre und „für uns Landwirte abstimmt“.

Was ist eigentlich mit dem Verkehr und der Flächenversiegelung

Für das Artensterben sei nicht die Landwirtschaft, sondern der Schadstoffausstoß des zunehmenden Verkehrs auf den Straßen und in der Luft oder die fortlaufende Versiegelung verantwortlich. Tag für Tag würden über 60 ha Flächen versiegelt und somit der Natur entzogen.

„Stoppt die Hexenjagd auf uns“, war eine zentrale Forderung der Kundgebung in Veitshöchheim. Geschäftsführer Elmar Konrad vom Bauernverband Würzburg und Karlstadt sowie Vorsitzender Hanskarl Freiherr von Thüngen vom „Club Fränkischer Landwirte“ sagten dem LSV ihre Unterstützung zu.
„Wir kämpfen weiter und geben nicht auf“, hieß es in Veitshöchheim. Die Vereinigung „Land schafft Verbindung“ in Unterfranken will einen Verein gründen. Zudem gebe es mit der Bayerischen Regierung erfolgreiche Verhandlungen im Hinblick darauf, dass bei der neuen Düngeverordnung aktuelle Daten zugrunde gelegt und damit „die roten Gebiete kleiner werden“.

Demonstrationen teilweise vom Ordnungsamt unterbunden

Weil Demonstrationen teilweise vom Ordnungsamt unterbunden worden waren, reichten die Landwirte ihre Forderungen schriftlich ein, zum Beispiel bei den SPD-Geschäftsstellen im mittelfränkischen Ansbach und im oberfränkischen Coburg. In Forchheim und Nürnberg sollte es eine Mahnwache vor der Bund Naturschutz-Geschäftsstelle geben.

„Gestern waren wir systemrelevant, heute sind wir wieder schuld an allem“ Martin Gleichman ist sauer. Er hat die Demonstration von „Land schafft Verbindung“ in Schweinfurt organisiert. 50 Traktoren waren angemeldet, mehr sind auch nicht gekommen. „sonst hätten wir ein Hygienekonzept vorlegen müssen“.
„Ich habe auch Dreschflegel, Heugabeln und Sensen angemeldet“, sagte Gleichmann, „denn mit Handarbeit würden wir Insekten am meisten schützen “ Doch das könne kein Landwirt mehr leisten. „Immer mehr Auflagen“ verteuern die Arbeit der Praktiker. „Wir können nicht mir Rußland oder Südamerika konkurrieren“, sagte Armin Zehner, der auch darauf hinwies, wie intensiv die Landwirte heutzutage ausgebildet werden: „mindestens sechs Jahre dauert unsere Ausbildung, dann satteln viele noch den Techniker darauf“.

Rahmenbedingungen machen uns kaputt

„Die Rahmenbedingungen machen uns kaputt“, sagte Zehner unter dem Beifall der Umstehenden. Er betont: „Die Natur ist unsere Existenzgrundlage“, ihr fühlen sich die Betriebsleiterfamilien verpflichtet. „Aber es funktioniert nicht“.

„Und Schulze setzt jetzt wieder eines drauf“, sagt er erbittert. „Wenn die Bauern der SPD jahrelang egal sind, brauchen wir die Schulze jetzt auch nicht“. Die Bauern fordern ihren Rücktritt, nachdem sie zur besten Sendezeit die Bauern im ZDF pauschal verunglimpft hatte. Wie er berichtete, seien zur Stunde 1000 Traktoren in dem Wahlkreis Schulzes nach Münster unterwegs, um dort so lange zu campieren, bis die Umweltministerin mit ihnen rede.
„Unsere Reserven sind leer“, sagte Gleichmann, der einen Biobetrieb leitet. Im Alter von 21 Jahren habe er mit 9 ha und 13 Kühen angefangen, jetzt sei er genauso weit wie damals, habe aber mehr Arbeit und mehr Schulden.

Biobauern sind mit dabei

Einen Biobetrieb führt auch Alfred Greubel, der darstellte, wie viel die Landwirtschaft in den letzten dreißig Jahren für den Naturschutz geleistet habe. Er zitierte den langjährigen Bund Naturschutz-Vorsitzenden Hubert Weiger: „Die Vielfalt in der Natur hängt von der Vielfalt in der Landwirtschaft ab“. Unter Beifall sagte er aber auch „wir sind geknechtet von diesem Scheiß-System“.

„Man spricht zu viel über die Bauern, statt mit uns“, das sagte auch Hans Fischer, Bürgermeister von Schwebheim, der vor der SPD-Geschäftsstelle Landrat Florian Töpper vertrat. „Auf Kreisebene wird alles gemacht, um eine kleinbäuerliche Landwirtschaft zu erhalten“, sagte er und versprach „wir nehmen Euren Protest auf und geben es weiter“ Auch Marietta Eder, Verdi-Gewerkschaftssekretärin, nahm das Mikrofon. „Ich verstehe Ihre Wut“, sagte sie. „Sie sind systemrelevant“. Sie sei emotional mit dabei. Besonders wenn sie höre, dass zehn Quadratmeter Regenwald brennen, wenn bei uns ein Quadratmeter landwirtschaftliche Nutzfläche verloren gehe. Doch der Vorwurf, die Politik sei schuld am extrem kapitalistischen Landwirtschaftsmarkt, helfe nicht weiter.

Hausaufgaben wurden erledigt

„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht“, sagte Andreas Gerner, der mit einem riesigen grünen Kreuz gekommen war. „Wenn wir extensivieren, muss woanders intensiviert werden“. „Was können wir Landwirte dafür, wenn Flächen zugebaut werden“. Aber auch der Flugverkehr und der Schwerlastverkehr hätten sich verdoppelt „Und auch der Mobilfunk ist schädlich, aber jeder will es haben“. Die Landwirtschaft sei um Längen besser geworden. Der Fehler liege im System.

Das Angebot für einen weiteren Gesprächstermin nahmen die Landwirte in Schweinfurt gerne an. „Nur gemeinsam sind wir stark, wir denken in Generationen. Wir kommen wieder“.