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Zeitgeist

Zwischen Verschwörungstheorie und begründeter Kritik

Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Dienstag, 02.06.2020 - 10:18

Viele Sachverhalte sind in der Landwirtschaft so komplex, dass sie nicht mit einfachen Antworten abzuspeisen sind. Wo es am Grundverständnis fehlt, gedeihen mitunter krude Vorstellungswelten.

Machtmissbrauch

Sie schießen wie Pilze aus dem Boden, die Theorien zu dunklen Mächten, die die Welt ins Unheil stürzen oder den Lauf der Dinge zu ihren Gunsten beeinflussen wollen. Vor allem zu Corona gibt es die krudesten Versionen.

Als Gründe für das Entstehen der Verschwörungstheorien nennen Wissenschaftler häufig zwei Punkte: Zum einen die Angst vor einem Kontrollverlust. Er führt zu einer großen Verunsicherung im persönlichen Leben, weil man nicht mehr Herr der Lage ist. So kann im Fall der Corona-Pandemie keiner sagen, wann das öffentliche Leben wieder seinen gewohnten Gang aufnimmt und wie lange die persönlichen Einschränkungen fortdauern.

Zum anderen kommt zum Tragen, dass viele Sachverhalte äußerst komplex geworden sind. Da suggerieren dann Scheinwahrheiten, die einfache Antworten auf schwierige Fragen liefern, das Gefühl einer „tieferen Erkenntnis“.

Für Außenstehende ist die Sachlage kaum mehr überschaubar

Ulrich Graf

Leider sind in der Landwirtschaft auch die rechtlichen Vorgaben dermaßen vielschichtig geworden, dass Außenstehende kaum mehr durchblicken. Dazu ein Beleg aus der heutigen Ausgabe einer Tageszeitung. Dort schreibt ein Redakteur zur Düngeverordnung: „Der Deutsche Bauernverband und die agrarpolitische Organisation „Land schafft Verbindung“ wollen ein „Moratorium“, um die bereits beschlossene, strengere Düngemittelverordnung samt höheren Nitratgrenzwerten und Anforderungen an das Tierwohl zu Fall zu bringen.“

Dieser eine Satz reicht aus, um die vollständige Konfusion von Laien zu diesem Thema zum Ausdruck zu bringen. Da geht soviel durcheinander, dass die Korrektur der Aussage schwierig wird. Natürlich wurde jüngst nicht die Düngemittelverordnung – die gibt es übrigens auch – sondern die Düngeverordnung verschärft. Aber sei‘s drum, über den falschen Begriff könnte man noch hinwegsehen. Aber die „Düngemittelverordnung samt höheren Nitratgrenzwerten … zu Fall bringen“, das ist schon eine phänomenale Fehlleistung.

Da verdreht der Autor die Dinge eigentlich ins Gegenteil. Ein höherer Nitratgrenzwert würde bedeuten, dass mehr gedüngt werden darf. Und den soll nun der Bauernverband zu Fall bringen wollen? Das ist eigentlich ein Freud' scher Versprecher. Übrigens: Eine Veränderung des Nitratgrenzwert stand im Rahmen der Neufassung der Düngeverordnung überhaupt nicht zur Diskussion.

Wenn Vorwürfen die Faktenbasis fehlt

Das Zitat findet sich in einem Artikel, in dem es um Lobbyismus geht – also um die Einflussnahme von Mächtigen auf die Politik. Wenn einzelne Gesellschaftsgruppen sich auf Kosten anderer oder der Umwelt bereichern wollen, ist zweifellos Kritik angebracht. Und es ist eine journalistische Pflicht, ein wachsames Auge auf einen möglichen Machtmissbrauch zu haben.

Aber es müssen auch die Fakten beziehungsweise die erhobenen Vorwürfe zutreffend sein. Dazu braucht es ein Mindestmaß an Fachwissen oder zumindest ein gründliches Abchecken der Sachlage. Entfällt beides, bewegt man sich auf schwankendem Boden mit einem hohen Risiko "falsch zu liegen". Daran ändert sich auch nichts, wenn sich in den Sozialen Medien hunderttausende finden, denen eine Behauptung ohne Beleg ausreicht. Die viel gepriesene Schwarmintelligenz stößt da an Grenzen.

Schwierige Grenzziehung

Die Grenze zu ziehen, zwischen begründbarer Kritik und dem Abdriften in krude Theorien ist äußerst schwierig. Als Richtschnur dient der Abgleich mit der Realität. Aber allein das ist schon ein Vorhaben von biblischem Ausmaß, wie Pontius Pilatus mit „Wahrheit, was ist Wahrheit“ in der Leidensgeschichte Jesu Christi aufzeigt.

Und es ist auch unheimlich einfach und verführerisch, Dinge miteinander zu verknüpfen, die an sich in überhaupt keinem Zusammenhang zueinander stehen. Den Gegenbeweis sollen dann die anderen liefern.

Ein gängiges Beispiel ist die Zahl der Störche und die Geburtenrate. Aktuell besonders beliebt ist die Formulierung "Wie uns Corona gezeigt hat!" Was danach folgt, hat meist überhaupt nichts mit der Pandemie zu tun. Die Einleitung dient nur dazu, der eigenen Meinung mehr Gewicht zu verleihen. Es handelt sich also um eine reine Instrumentalisierung. So hat die Grünenpolitikerin Renate Künast jüngt mit der Bemerkung, dass ein Grund für die Corona-Pandemie sei, dass wir auf eine falsche Art und Weise Lebensmittel erzeugen, Aufsehen erregt. Also Klartext: Wenn in China ein Virus von einem Wildtier auf den Menschen überspringt, ist der deutsche Bauer daran schuld. Hat uns das Corona wirklich gezeigt?

Egal wie wirr und faktenfrei die Thesen daherkommen, sie zeigen Wirkung. Das hat mit der menschlichen Urteilsfindung zu tun. Sie setzt auf vertraute Botschaften. Als glaubwürdig erscheint das, was man schon oft gehöhrt hat. Da kann dann die Wirklichkeit durchaus einmal die zweite Geige spielen. Das ist der Nährboden, aus dem sich auch Vorurteile immer wieder aufs Neue speisen.

Als wichtig erscheint, möglichst viele Menschen mit immer wieder den gleichen Parolen zu erreichen.  Egal was man sagt, man muss es nur oft genug wiederholen und möglichst breit streuen, dann sickert es in die Gehirne ein und erlangt durch den steigenden Bekanntheitsgrad dann Glaubwürdigkeit. So laufen heute die Kampagnen. Wenn die Menschen  die Botschaften nach dem nicht mehr hinterfragten "Wie wir doch alle wissen"-Grundatz schlucken, ist das Ziel erreicht.

Der Psychologie-Professor Daniel Kahneman hat sich intensiv mit der menschlichen Urteilsfindung auseinandergesetzt. Er unterscheidet ein schnelles und ein langsames Denken. Ersteres ist immer aktiv und agiert weitgehend automatisch. Es sorgt für ein zeinahes Handeln. Um komplexe Aufgaben zu lösen, braucht es aber das langsame Denken. Leider, so seine Beobachtung, nimmt das zunehmend ab. Die menschliche Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer. Die Triebfeder dahinter ist die zunehmende Reizüberflutung. Die Schnellchecker, die immer sofort wissen, wohin der Hase läuft, erscheinen damit in einem völlig anderen Licht. Vielleicht beruht der vermeintlich fixe Durchblick einfach nur auf mangelnder Reflexion.

Wissen schadet nicht, kann aber nützen

Deshalb sollten wir zu einem einfachen Grundsatz zurückkehren: Wer über eine Sachlage urteilen will, sollte eine gewisse Ahnung davon haben und in einer ruhigen Minute die Zusammenhänge ausreichend durchdacht haben. Außerdem er sollte auch das politisch gern eingesetzte Spiel vom Nehmen und Geben durchschaut haben. Ein Teil von dem, was man vorher weggenommen hat, wieder zurückzugeben, beispielsweise über Ausgleichszahlungen, ist alles andere als ein staatliches Geschenk.

Wer mit glühenden Eifer seine noch "blinden" Mitmenschen ins wahre Licht führen will, neigt schnell zu fanatischen Überreaktionen. Ersetzt der Glaube an den eigenen Durchblick den Sachverstand, droht die Gefahr des Abrutschen in die Ideologie. Greifbare Argumente werden dann ersetzt durch Allgemeinplätze, etwa durch die Floskel "wie wir doch alle wissen . . .". So starten übrigens auch viele Verschwörungstheorien.