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Großraubtiere

Wolf: Den Worten müssen Taten folgen

Barbara Höfler, Alexandra Königer
am Donnerstag, 25.08.2022 - 14:21

Beim Thema Wolf versprechen die Politiker den Almbauern viel. Was davon halten sie? Nach den Rissen im oberbayerischen Ammergebirge scheint es: nicht viel.

Auf der Friederalm in den Ammergauer Alpen schlug das Raubtier am Sonntag zuletzt zu. Jonas Hornsteiner von der Almgemeinschaft Frieder beim Almabtrieb.

Wovor die Almbauern seit Jahren warnen, wird derzeit im Ammergebirge wahr: Seit Mitte Juli zählen sie dort fast jede Woche neue Risse, von vielen Schafen fehlt jede Spur. Die DNA- Proben werden derzeit noch analysiert. Ob es sich um einen Wolf handelt – womöglich einen der Gesuchten aus Tirol – um Bär, Hund oder Goldschakal, ist aktuell noch offen.

Nicht nur in den Ammergauer Alpen fragen sich viele Weidetierhalter, wo die Lösungen bleiben, die die Landespolitiker ihnen in den vergangenen Wochen so oft versprochen haben. „Auf die Almbegehung kommt jeder, aber wenn es dann drum geht, nicht nur g‘scheid daher zu reden, sondern den Versprechungen auch Taten folgen zu lassen, ist keiner da und nichts passiert“, ärgert sich Hans Hibler von der Weidegenossenschaft Farchant, die 21 Schafe weniger heimbrachte als sie im Juni aufgetrieben hat.

Auf der 75. Jubiläumshauptalmbegehung im Tegernseer Tal sagte Ministerpräsident Markus Söder: „Was wir rechtlich machen können, bis an die Grenzen des Möglichen, werden wir tun, um eure Lebens-, Kultur- und Wirtschaftsform auch weiter wertzuschätzen und zu erhalten.“ Konfrontiert mit der Bitte zu konkretisieren, welche Schritte er dazu jetzt ergreifen will, antwortete Söder dem Wochenblatt nicht. „Die Worte des Ministerpräsidenten bei der jüngsten Hauptalmbegehung gelten unverändert“, hieß es lediglich von einem Sprecher – inhaltlos wie zuvor.

Im Zuge der Hauptalmbegehung versprach auch Umweltminister Thorsten Glauber via Facebook: „Wir wollen die Weidetierhaltung in Bayern auch in Zukunft erhalten. Wir brauchen die Möglichkeit für eine beschränkte Bestandsregulierung.“

Nachfrage beim Ministerium: Was hat Glauber jetzt, wo der Ernstfall eingetreten ist, vor? „Den Verlust von Nutztieren nehmen wir sehr ernst“, sagte Glauber. Doch der Schutzstatus des Wolfes sei „durch Bundes- und Europarecht vorgegeben“, wie ein Sprecher ergänzte. „Hiervon können die einzelnen Bundesländer nicht abweichen.“ Im Klartext: Bayern kann eine Bestandsregulierung nicht beschließen. Das könnte allenfalls die Bundesregierung bei der EU beantragen.

Zehn Millionen Euro für den Herdenschutz

Das Umweltministerium verweist auf den eigenen Spielraum bei den Herdenschutzmaßnahmen, die in Bayern allein in diesem Jahr „voraussichtlich mit deutlich über zehn Millionen Euro“ gefördert würden. Außerdem wolle die Weideschutzkommission – bestehend aus Umwelt- und Landwirtschaftsministerium – bis zum Ende des Almsommers alle „nicht zumutbar schützbaren“ Berggebiete in den Alpenlandkreisen als Weideschutzgebiete ausweisen.

Schlägt der Wolf künftig in diesen Gebieten zu, gibt es bei Rissen Ausgleichszahlungen auch ohne vorhandenen Herdenschutz, also ohne Wolfszaun, Herdenschutzhunde oder Behirtung.

Auch die Entscheidung für eine Entnahme von Wölfen soll in Weideschutzgebieten schneller fallen, weil die nach EU-Recht vorgeschriebene Prüfung, ob der Schutz der Herde möglich gewesen wäre, wegfallen soll. Das erspart zumindest einen bürokratischen Schritt für den Fall, dass die Bezirksregierungen tatsächlich eine Entnahme anordnen wollen.

Auch der Bauernverband will nach Söders Ankündigung in Sachen Wolf nachhaken: „Die beeindruckenden Aussagen des Ministerpräsidenten und sein Bekenntnis zur bayerischen Berglandwirtschaft begrüßen wir“, sagte BBV-Umweltpräsident Stefan Köhler. Jetzt müsse die Staatsregierung schnell liefern, damit der Schaden durch Rissereignisse nicht weiter ausufert.

„Um die Staatsregierung auf diesem Weg zu unterstützen“, sei bereits ein Brief mit konkreten Forderungen an ihre Adresse unterwegs. Den Brief haben der Almwirtschaftliche Verein Oberbayern (AVO), der Alpwirtschaftliche Verein im Allgäu (AVA) sowie die Kreisobmänner und Kreisbäuerinnen aller Alpenlandkreise unterzeichnet. „Jetzt muss die Politik Farbe bekennen und zu ihrem Wort stehen“, fordert der AVO-Vorsitzende Sepp Glatz.

Die Lokalpolitiker in der Garmischer Region haben sich schon klar positioniert. Landrat Anton Speer und Farchants Bürgermeister Christian Hornsteiner schrieben ebenfalls an Söder, Glauber und Kaniber. Die verfrühten Almabtriebe im Ammergebirge bedeuteten das Aus für die Almwirtschaft. „Will die Gesellschaft das?“, fragen sie.