Wolfsmanagement

Wolf: Weideschutzzonen ab April einsehbar

Wolfsrudel
Max Riesberg
Max Riesberg
am Freitag, 26.03.2021 - 09:22

Michaele-Kaniber_MR

 

Landwirtschaftsministerin
Michaela Kaniber
spricht
im Wochenblatt über
die rasante Ausbreitung
des Wolfes und die
fatalen Folgen für die
Weidewirtschaft.
Ihr Standpunkt: „Was wir
brauchen ist ein
aktives Wolfsmanagement
mit kurzen
Entscheidungswegen.“

Wochenblatt: Die Weidesaison steht unmittelbar bevor. Viele Tierhalter haben Angst um ihr Vieh. Wie schätzen Sie die aktuelle Gefahr von Wolfsübergriffen ein?
Kaniber: Die Ängste kann ich gut verstehen. Inzwischen müssen wir leider überall in Bayern mit der Gefahr rechnen, dass Wölfe ungeschützte Weidetiere angreifen. Seit Jahren steigt die Zahl der Wölfe in Deutschland. Auch in Bayern haben wir bereits einige standorttreue Tiere und auch ortsfeste Rudel.
Wochenblatt: Wie viele Wölfe verträgt Bayern überhaupt?
Kaniber: Aktuell verdoppelt sich die Zahl der Wölfe bei uns alle drei bis vier Jahre. Unser Ziel ist eindeutig: Die Weidetierhaltung muss ohne unzumutbare Mehraufwendungen dauerhaft und flächendeckend möglich bleiben. Denn sie prägt die Landeskultur und unsere Landschaft. Nicht zu vergessen ist auch der Beitrag der Weidetierhaltung für den Erhalt der Artenvielfalt. Die Ausbreitung des Wolfes darf nicht dazu führen, dass man diese naturnahe und tierwohlgerechte Form der Tierhaltung in bestimmten Gebieten aufgibt.
Wochenblatt: Der Wolf macht vor Grenzen nicht Halt. Muss das Problem gesamteuropäisch gelöst werden?
Kaniber: Absolut. Wir werden uns der großen Herausforderung durch den Wolf nur gemeinsam mit unseren europäischen, vor allem unseren alpenländischen Nachbarn stellen können. Die Vorkommnisse im Sommer 2020 in Reit im Winkl sowie die nahezu gleichzeitigen Schafsrisse in Kössen und Walchsee in Österreich haben uns deutlich gemacht, dass Handlungsbedarf auf internationaler Ebene besteht. Ich möchte auch eine Debatte darüber, ob es in Europa Regionen gibt, die mehr Wölfe vertragen und solche, in denen seine Ausbreitung schwierig ist. Wir lassen bei der EU und beim Bund nicht locker und setzen uns dort für die Etablierung eines länder- und staatenübergreifenden Monitorings ein. Damit verbunden wäre die Neubewertung der Populationsabgrenzungen für Wölfe.
Die aktuelle Bewertung des Erhaltungszustands ist für mich nicht nachvollziehbar. Einerseits wird europaweit auf die Lebensräume mit ähnlichen Bedingungen, also den kontinentalen, atlantischen und alpinen Lebensraum abgestellt. Andererseits soll trotzdem in jedem Mitgliedstaat der günstige Erhaltungszustand jeweils innerhalb jeder dieser biogeografischen Region hergestellt werden. Da muss nachgebessert werden.
Wochenblatt: Welche Rolle spielt dabei der Art. 17 der FFH-Richtlinie?
Kaniber: Diese Regelung ist grundlegend wichtig. Denn das Format, in dem die Mitgliedsstaaten den Erhaltungszustand des Wolfes bewerten, wird im Rahmen des Art. 17 der FFH-Richtlinie durch die Europäische Kommission vorgegeben. Deshalb habe ich kürzlich auch den Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius gebeten, die nötigen Konzepte endlich vorzulegen und umzusetzen.
Wochenblatt: Wie beurteilen Sie die Einrichtung der Weideschutzzonen? Was ist bisher wirklich passiert?
Kaniber: Ich habe die Ausweisung von Weideschutzgebieten bereits vor drei Jahren mit dem damaligen Umweltminister Dr. Marcel Huber thematisiert und im Aktionsplan Wolf, der vor zwei Jahren veröffentlicht wurde, festgeschrieben. Eine Kommission, mit Fachleuten aus der Umwelt- und der Landwirtschaftsverwaltung, hat in zwei Modellgebieten im Alpenraum und ergänzend in der Rhön die Weideflächen untersucht. Sie hat Kriterien und Verfahren für die Einstufung in „zumutbar zäunbar“ und „nicht zumutbar zäunbar“ erarbeitet. Das hat etwas gedauert, aber hier war gründliche und fachlich fundierte Vorarbeit wichtig, um tragfähige Ergebnisse zu erzielen.
Es geht zum Beispiel um die Hangneigung, Lawinenstriche, um Einsprungmöglichkeiten in die Weidefläche oder um die Frage, ob der Untergrund einen Zaunbau zulässt. All diese Parameter sind digital erfasst und können ausgewertet werden. Zusätzlich wird berücksichtigt, ob ein Weg die Weidefläche kreuzt oder ein Gewässer eine sichere Einzäunung erschwert. In Kürze – voraussichtlich Anfang April – können alle Betriebe mit Grünlandflächen in den Gemeinden, in denen bereits Flächen untersucht wurden, die Einwertungen in i-balis einsehen. Auch künftige Bewertungen werden fortlaufend dort veröffentlicht.
Nun gilt es, in den bekannten Wolfgebieten sowie an den Stellen, an denen die größten Probleme beim Herdenschutz zu erwarten sind, weiter zu erheben. Anhand der Zusammenfassung der Einzelflächen kommen wir zu einer sinnvollen Abgrenzung von größeren Gebieten, die als „Weideschutzgebiete“ ausgewiesen werden. In solchen Gebieten könnten Wölfe, die Schäden an Nutztieren verursachen oder durch die Schäden drohen, leichter entnommen werden.
Wochenblatt: Viele Naturschützer kritisieren, dass nicht genug für ein sinnvolles Zusammenleben mit dem Wolf getan wird. Gibt es überhaupt eine Chance der Koexistenz?
Kaniber: Dass Wolf und Schaf friedlich zusammenleben können, ist eine romantisierende Vorstellung. Die Realität schaut anders aus. Durch geeigneten Herdenschutz können wir aber eine gewisse Entspannung erwarten. Die Staatsregierung hat sich im Aktionsplan Wolf dazu bekannt, dass trotz anwesender Wölfe die tierwohlgerechte und umweltfreundliche Weidehaltung möglich bleiben muss. Wolfschützer sollten auch an das Wohlergehen der Weidetiere denken. Niemand will doch, dass unsere Weidetiere nur noch in Ställen existieren können. Oder dass landauf, landab meterhohe Elektrozäune den Wildtieren und uns Menschen die Wege versperren. Auch Herdenschutzhunde sind sicher nicht überall eine Lösung. Das läuft all unseren Anstrengungen im Rahmen der Biodiversitätsstrategie und der Stärkung des Ökolandbaus zuwider. Was wir brauchen ist ein aktives Wolfsmanagement mit kurzen Entscheidungswegen.
Wochenblatt: Und wer soll das bezahlen?
Kaniber: In Bayern unterstützen wir die Weidetierhaltung kräftig über die zweite Säule und die Schaf- und Ziegenprämie. Hier spielen auch die Herdenschutzförderung und der Schadensausgleich eine wesentliche Rolle. Die Mittel stellt auch der Freistaat bereit. Unlängst hat Deutschland die Grundsätze für eine Förderung der durch Herdenschutz entstehenden laufenden Kosten in Brüssel notifiziert. Wir müssen nun prüfen, wie wir das für unsere bayerischen Tierhalter umsetzen.
Wochenblatt: Welche Zuständigkeiten fallen konkret dem Landwirtschafts- bzw. Umweltministerium zu?
Kaniber: Beide Ministerien sind gefragt, wenn es um Grundsatzfragen zur Förderung des Herdenschutzes geht. In den Zuständigkeitsbereich meiner Verwaltung fallen die Abwicklung des Förderprogramms Investition Herdenschutz Wolf. Das reicht von der Förderberatung über die Antragsprüfung bis hin zur Auszahlung. Hinzu kommt die Beratung zum Herdenschutz, soweit es um Zäune geht. Um die Herdenschutzhunde kümmert sich das Landesamt für Umwelt (LfU). Außerdem ist die Umweltverwaltung für die Erstellung der Richtlinie des Förderprogramms Investition Herdenschutz Wolf, die Bereitstellung der Fördermittel und die Abwicklung der Schadensausgleichsrichtlinie verantwortlich.
Wochenblatt: Die kurz aufeinanderfolgenden Risse zuletzt in Oberfranken haben erneut gezeigt, welche Brisanz in einem schnellen Wolfsmanagement liegt. Das Nachweisverfahren von Rissen läuft jedoch nur schleppend voran. Wie kann hier endlich Zeit gutgemacht werden?
Kaniber: Es ist uns ein großes Anliegen, dass die Tierhalter schnell Klarheit über den Verursacher von Rissen bekommen. Dazu muss eine schnelle Analyse der DNA-Proben gewährleistet sein. Ich bin mir sicher, dass mein Kollege, Staatsminister Thorsten Glauber, sich bereits um eine Beschleunigung der DNA-Analysen bemüht. Ich bin guter Dinge, dass wir gemeinsam gute Konzepte für die bayerischen Weidetierhalter und den Artenschutz voranbringen. Denn wir sind uns darin einig, dass niemand den Wolf ausrotten will, wir aber die Weidetiere schützen müssen.