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Insektenvielfalt

Wissenschaft ist nicht gegen die Bauern

Bienen
Paul Kannamüller
am Donnerstag, 02.01.2020 - 10:00

Fachsymposium der Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege in München mit lebhafter Diskussion.

München - Gefühlt im Wochentakt wollen zurzeit alle die Insekten retten, aber um die Rettungsmaßnahmen gibt es zum Teil erhebliche Unterschiede. Zum Abschluss des Jahres hat die Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL) zu diesem Thema ins Nymphenburger Schloss zu München geladen. Dabei fand sich nicht ganz überraschend der Vertreter des Bayerischen Bauernverbandes (BBV), Martin Erhardsberger, immer wieder in der Defensive, durfte sich aber umso öfter gegen zum Teil „unberechtigte“ Vorwürfe wehren.

Mehr als 300 Personen kamen zu dem internationalen Fachsymposium „Insektenschwund – Wege aus der Krise“. Dabei fehlen durfte natürlich nicht Alois Glück, der über seine Erfahrungen als Moderator des „Runden Tisches“ infolge des erfolgreichen Volksbegehrens berichtete. „Wir sind jetzt in einer wichtigen Etappe“, sagte er, um die Ergebnisse des Runden Tisches in die Praxis umzusetzen. Dabei sprach er von einer Gemeinschaftsaufgabe, an der alle mitwirken müssten. Glück forderte vor allem mehr Umweltbildung und rief dazu auf, sich gegenseitig zuzuhören.

Massiver Rückgang der Insekten

„Die Wissenschaft ist kein Gegner der Landwirtschaft“, betonte Andreas Segerer von der Zoologischen Staatssammlung in München. Er sprach von einem massiven Rückgang der Insekten nicht nur in der Masse, sondern auch in deren Artenzahl. Auf den für Deutschland repräsentativen Untersuchungsflächen finden sich heute etwa ein Drittel weniger Insektenarten als noch vor zehn Jahren – und zwar im Grünland wie im Wald. Die größten Verluste seien auf Grünlandflächen zu verzeichnen, die von Ackerland umgeben sind. Laut Segerer seien selbst Naturschutzgebiete betroffen.

„Bei den Bauern brodelt es“, stellte Erhardsberger fest. Es stimme nicht, dass sie grundsätzlich gegen strengere Umweltauflagen seien. Allerdings seien in letzter Zeit Gesetze verabschiedet worden, „die praktisch nicht mehr erfüllbar sind.“ Der BBV-Vertreter verwies auf das bayerische Vertragsnaturschutzprogramm und das Kulap, die eine hohe Akzeptanz besäßen und positive Auswirkungen auf die Umwelt hätten. Im Übrigen würde man die tatsächlichen Ursachen des Insektensterbens nicht kennen. Zudem stünden die Ansprüche an Landwirte mitunter im Widerspruch: Einerseits riefe der Verbraucher nach mehr Tierwohl, gleichzeitig werde billigeres Fleisch aus Argentinien importiert.

„Geschacher“ bei der Umsetzung des Volksbegehrens

Die Naturschutzverbände kritisierten das „Geschacher“ bei der Umsetzung des Volksbegehrens. Dies zeige zum Beispiel der Streit, wo genau Gewässerrandstreifen beginnen – an Böschungsoberkante oder Uferlinie. Die gegenwärtige Debatte um die Streuobstverordnung weise ähnliche Reibungspunkte auf. Christine Markgraf vom BUND Naturschutz forderte einen Ausstieg aus der Nutzung synthetischer Pflanzenschutzmittel bis zum Jahr 2035. Insgesamt müsse man weg von der Flächenprämie und hin zu Förderungen von naturverträglicheren Wirtschaftsweisen.

Laut von Norbert Schäffer (Landesbund für Vogelschutz) sollten Landwirte nicht nur einen Ausgleich für Ertragsausfälle durch Naturschutzmaßnahmen erhalten, sondern zusätzlich für Leistungen für den Naturhaushalt bezahlt werden. Weitgehend einig war man sich darin, dass Landwirte „Planungssicherheit“ bräuchten.