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Ernährungssicherung

Welternährung: Umwelt und Produktion zusammendenken

Josef koch
Josef Koch
am Montag, 16.05.2022 - 15:05

Experten raten bei Anhörung im Agrarausschuss des Bundestags mehrere Maßnahmen anzupacken.

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Das Expertengremium bei der Anhörung „Ukraine helfen und Nahrungsmittelversorgung sicherstellen“ am Montag (16.5.) war sehr kontrovers zusammengesetzt. Die Anhörung kam auf Initiative der Unionsfraktion angesichts der drohenden Zunahme der weltweiten Hungerprobleme zustande.

Dr. Martin Frick, Direktor beim Welternährungsprogramm (WFP) Deutschland, nannte erschreckende Zahlen. Alleine durch den Ukrainekrieg könne die Zahl der akut Hungerleidenden um 12 bis 17% auf über 323 Mio. Menschen steigen. Aber bereits vor dem Krieg stieg die Zahl von 150 Mio. (2020) auf 276 Mio. Menschen (2021) an.

Das gemeinsame Fazit der Sachverständigen lautete daher: Die Politik muss die Nahrungsmittelproduktion zusammen mit den Umweltzielen des Green Deals voranbringen.

Diskussion um Stilllegung

Nur über die Maßnahmen waren sich die Experten naturgemäß nicht einig. Beispiel 4%-Stilllegung ab 2023: Der Deutsche Bauernverband forderte konkret die Stilllegungsverpflichtung komplett auszusetzen. Dabei gehe es nach Auffassung des stellvertretenden DBV-Generalsekretärs Udo Hemmerling im kommenden Jahr um rund 400.000 ha zusätzlich. Er schlug vor, einen Teil der vorgeschriebenen Brachen auch über Zwischenfrüchte wie bisher beim Greening zu ermöglichen. Dies hätte auch positive Wirkungen für die Biodiversität.

Ähnlich wie Norbert Röder, Thünen-Institut, sieht Hemmerling das effektive Potential für die Nahrungsmittelerzeugung bei rund 200.000 ha, da ein Teil der Flächen wegen Landschaftselementen oder Gewässerrandstreifen nicht für die Produktion zur Verfügung stünden. Auch viele Futterbaubetriebe sind laut Röder von der Stilllegungsverpflichtung befreit. Je nach Ertragsniveau könnte so maximal bis zu 1 Mio. t Getreide zusätzlich erzeugt werden, waren sich die beiden einig. „Auf jeden Fall müssen die Vorgaben zur Agrarreform nochmals auf den Prüfstand“, verlangte Hemmerling.

Prof. Sebastian Lakner, Uni Rostock, hielt in seiner Argumentation an der wichtigen Funktion der Brachflächen für die Biodiversität fest. Das zeigten zahlreiche Studien. Dennoch kann er sich vorstellen, im kommenden Jahr nur mit einer 2 bis 2,5 %-igen Stilllegung zu starten, und diese dann schrittweise zu erhöhen, wenn es die Welternährungslage zuließe.

„Wichtig ist allerdings die Brachen besser zu koordinieren“, riet er den Ausschussmitgliedern. Er befürwortete, daher einen kooperativen Ansatz auf Gemarkungsebene, ähnlich wie in den Niederlanden. In Niedersachsen soll laut Lakner dazu ein Pilotprojekt starten.

Umstrittene Gentechnik

Auch Prof. Dr. Matin Qaim, Uni Bonn, die Vorteile von Brachen für die Biodiversität. Allerdings plädierte er im Ausschuss für ein kurzfristiges Aussetzen der Stilllegungsverpflichtung in 2023, auch wenn die Potentiale relativ gering seien. „Wir müssen Ökonomie und Ökologie stärker zusammenbringen“, lautete sein Credo. Daher hält es Qaim für richtig, an den Green Deal-Zielen festzuhalten.

Er stellte aber in Frage, ob die EU dafür die „richtigen Instrumente“ vorsehe. Den Ökolandbau als „goldene Lösung aller Probleme“ darzustellen, fand der Wissenschaftler falsch. „Wir müssen grundsätzlich nach Innovationen suchen, mit weniger Chemie auszukommen und trotzdem die Erträge steigern zu können“, so Qaim.

Man sollte daher neue Züchtungstechniken nicht grundsätzlich verteufeln. Die Gentechnik hat nach Auffassung des Bonner Wissenschaftlers große Potentiale, die Landwirtschaft umweltfreundlicher, ertragreicher, klimaangepasster und vielfältiger zu machen. Daten aus verschiedenen Ländern zeigen, dass die Gentechnik das Ziel von weniger Chemie bei hohen Erträgen unterstützen kann.

Die Hilfsorganisation Brot für die Welt lehnte aber Gentechnik grundsätzlich ab, um die Landwirtschaft produktiver und weniger krisenanfälliger zu machen.

Handlungsbedarf bei Ökoregelungen und Bewirtschaftungsauflagen

Hemmerling hält daher gezielte Nachbesserungen bei der Agrarreform für nötig. So müssten bei den Auflagen (Konditionalität) für Direktzahlungen, wie Fruchtfolgewechsel“ gelockert und Prämien für Ökoregelungen dringend erhöht werden, um sie für Landwirte attraktiver zu machen.

Thünen-Experte Röder hielt zudem die Vorgaben fürs Mulchen auf Brachflächen „für unsinnig“, da die Artenvielfalt und Umweltschutz erheblich darunter leide. So plädierte er, den Aufwuchs als Substrat in Biogasanlagen freizugeben. Damit bekäme man auch die Probleme eines Nährstoffüberschusses besser in den Griff.

Tierhaltung stark in Diskussion

Thematisiert haben die Experten auch die Forderung der Politik, nach einem Abbau der Tierbestände. Für Quaim führt hier mittelfristig kein Weg vorbei. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch müsse mittelfristig von 60 kg auf 20 kg sinken. Dazu beitragen kann eine höhere Mehrwertsteuer für Fleischprodukte und eine sozialverträgliche Umverteilung der Mittel für ärmere Bevölkerungsschichtungen.

Nach Auffassung von Lakner greift der Unionsantrag ohnehin zu kurz, er plädierte für weniger Getreideeinsatz in der Tierfütterung und im Tank. Wie Qaim hält er für nötig, Fleisch zu verteuern, um so den Konsum zu senken. Zudem könnten Tierhalter auch weniger Kraftfutter beispielsweise bei der Milcherzeugung einsetzen. Er appellierte daher an die anwesenden Vertreter der Regierungsfraktionen, den Umbau der Tierhaltung nach den Empfehlungen der Borchert-Kommission zügig anzupacken.

Dem konnte Stig Tanzmann, Brot für die Welt, nur beipflichten. Die Verringerung der Tierbestände und der Umbau der Tierhaltung seien längst überfällig.

DBV-Generalsekretär Hemmerling konnte Tanzmann nur teilweise zustimmen. Zwar befürwortete er den Umbau der Tierhaltung mit entsprechender staatlicher Unterstützung, nannte aber als Folge für einen verringerten Tierbestand höhere Fleischimporte, wenn sich die Ernährungsgewohnheiten nicht änderten.

„Zudem fehlt auch wertvoller Wirtschaftsdünger“, gab er zu bedenken. Immerhin stamme rund die Hälfte des Nährstoffbedarf auf den Feldern daraus, die andere würde über Mineraldünger abgedeckt. Besser sei es, diese Kreisläufe zu stärken, statt zu schwächen, um einen generellen Produktionsrückgang an Nahrungsmitteln in Kauf zu nehmen.

Contra Exportstopps und Spekulationen

Klare Botschaft hat WFP-Experte Frick an die G20-Staaten, die sich im Juni im oberbayerischen Elmau treffen. Sie müssen dafür sorgen, den weltweiten Handel mit Nahrungsmitteln, Kraftstoffen und Dünger aufrechtzuerhalten. „Dazu müssen dringend die Schwarzmeerhäfen wie Odessa geöffnet werden“, so Frick.

Vorhandene Lagerbestände seien zu mobilisieren und nicht zurückzuhalten. Exportstopps wie der jüngst von Indien bei Weizen, seien aufzuheben, um die Preisspirale nach oben zu stoppen. Agrarspekulationen an den Börsen sind laut Frick mit mehr Transparenz entgegenzuwirken. Diese Punkte finden sich, wenig überraschend, auch im gemeinsamen Papier der G7-Agrarminister wieder.

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