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Versorgungssicherheit

Welternährung: Teller oder Tank-Diskussion flammt neu auf

Josef koch
Josef Koch
am Donnerstag, 17.03.2022 - 17:51

Wissenschaftler sieht in Verzicht auf Biokraftstoffen großen Hebel, Industrie betont nutzen für Klimaschutz und Futtermittel.

E10-Bioethanol-Tankstelle

Ukrainekrieg und Sicherung der Welternährung sind derzeit beherrschende Themen in der Agrarbranche. Die europäischen Bauernverbände fordern alle Agrarflächen zu bewirtschaften, Stilllegungen sollen ausgesetzt werden, ökologische Vorrangflächen für den Anbau von Eiweißfuttermitteln genutzt werden. Grüne und Tierschptzer verlangen weniger Getreide an Tiere zu verfüttern. Für Professor Sebastian Lakner von der Uni Rostock wirken diese Maßnahmen nur punktuell. Die Umsteuerung im Tiersektor hingegen benötige Jahre, um spürbar zu werden.

Der Wissenschaftler sieht einen wesentlich größeren Hebel, die Biokraftstofferzeugung umzulenken. Das könne durchschlagenden Erfolg haben, zumal es um beträchtliche Größenordnungen gehe, sagt er kürzlich in einer Online-Talkrunde. Neun Prozent der weltweiten Pflanzenerzeugung wanderten in die Produktion von Biokraftstoffen, fünf Prozent in Biodiesel. „Das ist eine Stellschraube“, sagte Lakner.

Glauben Sie, dass sich mit einem Verzicht auf Stilllegung und weiteren Extensivierungen Hungerkatastrophen im Nahen Osten und in afrikanischen Ländern vermeiden lassen?

Auswahlmöglichkeiten

Bioethanolwirtschaft unterstüzt Özdemir

Allerdings müsse man bedenken, dass in den Zahlen auch ein beträchtlicher Anteil an brasilianischem Zuckerrohr enthalten sei. Hier sei keine Umwidmung möglich. Er stellte in der Diskussionsrunde auch klar, dass die Ampel-Regierung für eine befristete Umwidmung des Getreides auf den Teller statt in den Tank die nötigen Voraussetzungen zügig schaffen könnte, auch für eine etwaige finanzielle Entschädigung der Biokraftstoffhersteller.

In der Bioethanolwirtschaft wird man hellhörig. So unterstützt die Bioethanolwirtschaft Bundeslandeswirtschaftsminister Özdemir darin, auf Scheinlösungen und Aktionismus zur Bewältigung der aktuellen Krise zu verzichten. Klimaschutz, Energieversorgungs- und Ernährungssicherung seien nicht unabhängig voneinander zu betrachten, so Norbert Schindler, Vorsitzender des Bundesverbands der Bioethanolwirtschaft (BDBe).

Industrie verweist auf Vorteile der Biokraftstoffe

Aktuelle Versorgungsengpässe bei Getreide und die Preissprünge sind nach BDBe-Auffassung in erster Linie das direkte Resultat von Lieferausfällen durch den Ukraine-Konflikt und der Wirtschaftssanktionen gegen Russland. Russland ist für 10%, die Ukraine für 4% der weltweiten Weizenproduktion verantwortlich. Der Anbau der bei der deutschen Bioethanolproduktion eingesetzten Menge landwirtschaftlicher Rohstoffe benötigt laut Verband 3% der heimischen Ackerfläche. Weizen, der zur Bioethanolherstellung verwendet wird, belegt weniger als 1% der weltweit verfügbaren Weizenanbaufläche.  

„Bei der Produktion von Bioethanol geht es um mehr als erneuerbaren Kraftstoff mit niedrigem CO2-Ausstoß und um die Verringerung der Abhängigkeit von fossilem Benzin“, betont Norbert Schindler, Vorsitzender des Verbandes. Bei der Herstellung von Bioethanol entstehe zusätzlich hochwertiges Tierfutter.

Die Bioethanolwirtschaft in der Europäischen Union (EU) hat zuletzt neben 4,4 Mio. t Bioethanol auch 4,2 Mio. t Futtermittel hergestellt. „Damit trägt die Bioethanolproduktion zur Ernährungssicherung bei und verringert Futtermittelimporte aus Drittländern“, erläutert Schindler weiter. Hinzu kommen laut Schindler rund 1,1 Mio. t weiterer wertvoller Produkte wie organischer Dünger, Biogas oder biogenes CO2.

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