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Versorgungssicherheit

Welternährung: Die Produktivität muss sich verdreifachen

Josef koch
Josef Koch
am Donnerstag, 30.06.2022 - 10:27

Laut Prognose von FAO und OECD steigt Nachfrage nach Lebensmitteln schneller als Erzeugung. Hungerkrisen könnten daher zunehmen. Die Produktivität muss weltweit deutlich steigen, um Krisen zu verhindern.

Getreideernte-Bayern

In den kommenden Jahren könnte sich das weltweite Hungerproblem noch weiter verschärfen. Davon gehen die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in ihrer aktuellen Studie „„OECD-FAO Agricultural Outlook 2022-2031“ aus.

So wird der weltweite Nahrungsmittelverbrauch, auf den der größte Teil der Agrarrohstoffe entfällt, in den kommenden zehn Jahren jährlich um 1,4% steigen und hauptsächlich vom Bevölkerungswachstum bestimmt sein. Dagegen wird die Produktion in den kommenden zehn Jahren aber nur um jährlich 1,1% zulegen. Dabei gehen die Organisationen von einem Wachstum vor allem in den ärmeren Ländern aus.

Hohe Betriebsmittelpreise bremsen Wachstum

Wie bisher wird die zusätzliche Nachfrage vor allem aus Ländern der unteren und mittleren Einkommensgruppe kommen. In den Hocheinkommensländern werden das langsame Bevölkerungswachstum und eine Sättigung des Pro-Kopf-Verbrauchs die Nachfrage begrenzen. In den Niedrigeinkommensländern dürften die Ernährungsgewohnheiten dagegen weiterhin auf Grundnahrungsmitteln basieren.

Die Studie unterstellt, dass Landwirte in den ärmeren Ländern einen besseren Zugang zu Betriebsmitteln haben werden. Dabei sind aber produktivitätssteigernde Technologien, Infrastruktur und Ausbildung entscheidend. Allerdings sagen die Experten einen länger andauernden Anstieg der Preise für Energie und Betriebsmittel wie Mineraldünger vorher, so dass Produktionskosten steigen. Das könne das Produktivitäts- und Produktionswachstum in den kommenden Jahren bremsen.

 

Produktivität muss um 28% steigen

Die Studie unterstreicht den erheblichen Beitrag der Landwirtschaft zum Klimawandel. Ihre direkten Treibhausgasemissionen (THG) werden den Projektionen zufolge im kommenden Zehnjahreszeitraum um 6% steigen, wobei 90% dieser Zunahme auf Viehbestände entfallen. Die Emissionen der Landwirtschaft werden jedoch langsamer wachsen als die Produktion. Zurückzuführen ist dies nach der Studie auf bessere Ernteerträge und einen sinkenden Anteil der Produkte von Wiederkäuern, was auf einen Rückgang der CO2-Intensität der Landwirtschaft schließen lässt.

Damit der Agrarsektor effektiv die Pariser Klimaziele erreichen könne, sei es nötig, klimafreundliche Produktionsverfahren und Technologien, insbesondere in der Viehwirtschaft flächendeckend einzuführen. Gleichzeitig muss allerdings die durchschnittliche Produktivität der Landwirtschaft in den kommenden zehn Jahren um 28% steigen, damit die Welt das UN-Ziel von Null Hunger in 2030 erreichen und gleichzeitig die landwirtschaftlichen Emissionen entsprechend den Pariser Klimazielen senken kann. Das ist mehr als das Dreifache der Produktivitätssteigerung des letzten Jahrzehnts. 

Offene Märkte nötig

Um die Herausforderungen der Ernährungssicherheit zu bewältigen, sind laut OECD und FAO gut funktionierende globale Handelsbeziehungen und Märkte unerlässlich. Der weltweite Handel mit den wichtigsten landwirtschaftlichen Rohstoffen und veredelten Agrarprodukten wird den Projektionen zufolge in den kommenden zehn Jahren parallel zur Produktion zunehmen.

Es ist jedoch damit zu rechnen, dass einige Regionen einen größeren Anteil ihrer inländischen Produktion exportieren und andere ihren Gesamtkonsum mit höheren Einfuhren abdecken werden. Das zeige, wie wichtig ein transparentes, vorhersehbares und regelbasiertes multilaterales Handelssystem ist.

Ukrainekrieg: 19 Mio. Menschen mehr von Unterernährung betroffen

Die Studie beurteilt den Einfluss des Ukrainekrieges auf die globalen Agrarmärkte und die Ernährungssicherheit und unterstreicht die Risiken: Gegenüber dem Niveau vor dem Konflikt könnten die Gleichgewichtspreise für Weizen deutlich steigen - um 19%, wenn die Ukraine ihre Exportfähigkeit vollständig verliert, und um 34%, wenn zusätzlich die russischen Exporte auf 50% des Normalniveaus sinken.

Ein starker Exportrückgang aus der Ukraine und Russland 2022/2023 und 2023/2024, der nicht von der globalen Produktion aufgefangen wird, kann die Zahl der chronisch unterernährten Menschen weltweit weiter steigern. "Schätzungsweise 19 Mio. Menschen mehr könnten im Jahr 2023 weltweit von chronischer Unterernährung betroffen sein,“ warnt FAO-Generaldirektor Qu Dongyu.

Mit Material von aiz
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