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Ernährungssicherung

Welternährung: Ein Bündel von Maßnahmen nötig

Josef koch
Josef Koch
am Montag, 23.05.2022 - 12:24

Bauernverband schlägt umfangreichen Katalog vor, Versorgungskrise und hohen Betriebsmittelkosten zu begegnen.

Pflanzenschutz_Getreide

Angesichts der aktuellen engen Versorgungslage bei Nahrungsmitteln und hohen Betriebsmittelkosten schlägt der Deutsche Bauernverband (DBV) eine Reihe von Maßnahmen vor. Damit soll sich die Lage an den Rohstoffmärken entspannen. Auf rund 9 Mio. t Getreide schätzt der stellvertretende DBV-Generalsekretär Udo Hemmerling den Stabilisierungseffekt im kommenden Jahr, wenn viele Maßnahmen jetzt umgesetzt würden. Das wären rund ein Fünftel der deutschen Getreideernte.

Ganz oben auf der DBV-Agenda stehen Aussetzen des Fruchtfolgegebots in der GAP-Förderung 2023 (GLÖZ 7) und der 4% Pflichtbrache (GLÖZ 8). Laut Bauernverband würde eine Lockerung der Fruchtfolgeauflagen den Weizenanbau auf 500.000 ha ermöglichen und die Weizenerzeugung um 4 Mio. t stabilisieren. Ohne die Lockerung würde die Produktion um diese Menge sinken. Das Aussetzen der Stilllegung würde zusätzlich bis zu 1,5 Mio. t Getreide bringen.

Während Bundesagrarminister Cem Özdemir die Fruchtfolgelockerungen unterstützt, wehrt er sich gegen ein Aussetzen der Stilllegungspflicht. Allerdings ist sich die Regierungskoalition in diesem Punkt nicht einig. Für die FDP ist ein Festhalten an der Stilllegung nicht vertretbar, für Grüne und SPD indes schon.

Biokraftstoffe: DBV wirft Lemke Luftbuchungen vor

Von einer Senkung der Biokraftstoffquote, wie der Bund aktuell plant, hält der DBV nichts. "Nur 900.000 t  deutsches Getreide würden zu Bioethanol verarbeitet", so Hemmerling. Zudem wirft er Bundesumweltministerin Steffi Lemke vor, aufgrund der erhöhten Mehrfachanrechnungen für E-Mobilität "klimatechnische Luftbuchungen" vorzunehmen.

Statt Düngerzuschüsse pro Hektar wie in Polen favorisiert der DBV zinsfreie Betriebsmittelkredite vor allem für Düngemittel, Futtermittel und Treibstoff; mit Bürgschafts-Variante. Der Verband schätzt den Finanzbedarf auf 8 Mrd. €, bei einer Zinsverbilligung von 3%. Die Entlastung bei Diesel und Benzin für Juni bis August 2022 um 14 Cent/l bzw. 30 Cent/l ist aus DBV-Sicht ein erster wichtiger Schritt.

Gleichzeitig hält der Verband es für wichtig, Anti-Dumping-Maßnahmen beim Dünger jetzt auszusetzen. Auch sollten die Kartellbehörden in Deutschland und in der EU die Preissetzung für Düngemittel überprüfen.

Höhere Regelfeuchte für Getreide

Gleichzeitig pocht der stellvertretende DBV-Generalsekretär Udo Hemmerling gewässerschonend wirtschaftende Betriebe bei Vorlage der einzelbetrieblichen Düngebilanz von der Deckelung der Düngung in Roten Gebieten auf 80 % des Nährstoffbedarfs zu befreien. Zudem sollten bewässerbare Flächen voll nutzbar sein, was rund 1,5 Mio. t mehr bedeuten könnte.

Auch müsste die Regelfeuchte für Getreide auf 15 bis 15,5 % erhöht werden. Laut DBV blieben Landwirten dadurch rund 300 Mio. € an Abzügen erspart. Gleichzeitig würde ein niedriger Mindestproteingehalt für Brotgetreide, die Düngerkosten auf den Höfen um 240 Mio. € senken.

Auch könnten Biogasanlagen in der Energiekrise mehr Strom erzeugen, wenn EEG-Begrenzungen wie Höchstbemessungsleistung und im Genehmigungsrecht zeitweise aufgehoben werden.

Hemmerling setzt dabei voraus, dass die Ernährungs- und Landwirtschaft bei der Gasversorgung als systemrelevant eingestuft wird. Bisherige Aussagen der Bundesnetzagentur bezeichnete er als zu „unbestimmt“. Eine unterbrechungsfreie Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln sei essentiell.

Mittelfristige Maßnahmen

Neben kurzfristigen Maßnahmen hält Hemmerling auch mittelfristige für nötig. Damit sollen die deutschen Landwirte widerstandsfähiger und effizienter werden. So rät er dem Bund zu einer zusätzlichen Investitionsförderung, um den Anteil der Wirtschaftsdünger an der N-Düngung von heute 40 Prozent mittelfristig deutlich zu steigern. Dabei sollen Wirtschaftsdünger besser aufbereitet und gelagert werden können, um vorhandene Nährstoffe effektiver zu nutzen und Treibhausgasemissionen zu mindern.

Falls Russland weiter die internationale Sicherheit bedroht, sei in der EU der Aufbau einer Düngemittelreserve für Krisensituationen nach dem Vorbild der Ölreserve angezeigt, meint Hemmerling. Erneuert hat der DBV seine Forderung nach einer gesetzlichen Regelung zum Flächenschutz und Flächenrecycling. Dies gilt besonders mit Blick auf den zusätzlichen Flächenbedarf für PV und Wind.

Ebenso seien die Farm to Fork-Strategie nach zu justieren und um das Ziel der Ernährungssicherheit zu ergänzen. In diesem Zusammenhang verlangt die Berufsvertretung wiederholt, das Grundgesetz um die Staatsziele Ernährungssicherung und Klimaschutz zu ergänzen.

Josef Koch

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