Forst

Unsere Wälder sind krank

Pressemitteilung
am Mittwoch, 24.02.2021 - 13:53

Bundesministerin Julia Klöckner legt Waldzustandserhebung 2020 vor: Wälder in Deutschland massiv geschädigt.

Klöckner Wald

Die Bundeswaldministerin Julia Klöckner hat heute die Waldzustandserhebung 2020 des Bundesministeriums vorgestellt. Der Bericht zeigt: Die vergangenen drei Dürrejahre, der massive Borkenkäferbefall, Stürme und vermehrte Waldbrände haben in den Wäldern langfristig massive Schäden angerichtet.

Die jetzigen Ergebnisse gehören zu den schlechtesten seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1984, die meisten Bäume haben lichte Kronen.

Zentrale Ergebnisse:

• Noch nie waren so viele Erhebungs-Bäume abgestorben wie 2020.
• Vier von fünf Bäumen haben lichte Kronen, konkret: 79 % der Fichten, 80 % der Kiefern, 80 % der Eichen, 89 % der Buchen.
• 37 Prozent aller Bäume weisen deutliche Verlichtungen auf. Das heißt: Bei diesen Bäumen sind mindestens 26 Prozent der Blätter oder Nadeln vorzeitig abgefallen.

Kronenzustand als Fieberthermometer

Julia Klöckner: „Der Kronenzustand ist wie ein Fieberthermometer – er zeigt an, wie es den Bäumen geht. Die Waldzustandserhebung zeigt: Unsere Wälder sind krank. Umso wichtiger, dass wir als Ministerium früh und entschlossen gehandelt haben: Mit dem größten Unterstützungsprogramm der Geschichte – insgesamt 1,5 Milliarden Euro stehen zur Verfügung."

"Wir helfen den Waldbesitzern und Forstwirten effektiv, unkompliziert und schnell, Schäden zu räumen, neue resiliente und standortangepasste Bäume zu pflanzen, die Wälder weiter umzubauen und damit besser an den Klimawandel anzupassen. Die Mittel fließen sehr gut ab und kommen zielgenau dort an, wo sie gebraucht werden.“

Bund-Länder-Paket

In 2019 hatte Bundesministerin Julia Klöckner alle Beteiligten beim Nationalen Waldgipfel zusammengebracht und erreicht, dass der Bund – zusammen mit der Ko-Finanzierung der Länder – in der Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK) rund 800 Millionen Euro als Hilfen zur Verfügung stellt.

Konjunkturpaket des Bundes

Zudem hatte sich die Bundesministerin erfolgreich dafür eingesetzt, dass für Wald und Holz im Konjunkturpaket der Bundesregierung zusätzlich insgesamt 700 Millionen Euro Bundesmittel vorgesehen sind.

500 Millionen Euro gehen davon in die Bundeswaldprämie. Mit dem Programm bietet das Bundesministerium schnelle und unbürokratische Hilfe für den Kommunal- und Privatwald. Bis Jahresende 2020 sind bereits 56,6 Millionen Euro ausgezahlt worden. Die Auszahlung hat das Ministerium dabei an klare Kriterien geknüpft:

• Die Waldflächen müssen eine Nachhaltigkeits-Zertifizierung nach den Programmen PEFC oder FSC haben, wobei die nachzuweisende Zertifizierung zehn Jahre zu halten ist. Ansonsten ist die Prämie ganz oder teilweise zurückzuzahlen.
• Aufgrund der Prämie ist die zertifizierte Waldfläche bereits jetzt um über 550 000 Hektar im Privat- und Kommunalwald angestiegen. Das sind fast 11 Prozent mehr Waldfläche.

Die weiteren 200 Millionen Euro sind für das Investitionsprogramm Wald und zwei Programme im Holzbereich vorgesehen.

Grüne: Notstand im Wald

Von einem desaströsen Waldbericht spricht Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Die Lage des deutschen Waldes ist angesichts der Dürre der vergangenen Sommer derart verheerend, dass wir vor einem unmittelbaren Notstand stehen – 80 Prozent der Bäume sind krank oder abgestorben und über 400 000 ha Fläche sind entwaldet, das ist ein drastischer Befund. Der Wald ist inzwischen keine CO2-Senke mehr, der bei der Bewältigung der Klimakatastrophe hilft, sondern er ist selbst zum Emittenten geworden. Das wird in Berlin immer noch nicht begriffen."

"Stattdessen schüttet Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner immer noch mehr als anderthalb Milliarden Euro mit der Gießkanne aus. Doch wer garantiert, dass mit diesen Summen wirklich naturnahe Wälder aufgebaut werden? Derart wenig differenzierte Hilfen versagen regelmäßig bereits bei der Landwirtschaft."

Zu einem erfolgreichen Konzept gehöre es laut Häusling auch, "das überbordende Wildproblem in den Griff zu bekommen. Die zaghaften Ansätze aus Ministerin Klöckners Jagdnovelle genügen nicht, zu einem naturnahen Wald gehören angepasste Wildzahlen von Rehen und Hirschen. Nur dann aber ist Waldaufbau wieder möglich."

Ministerin Klöckner müsse endlich außerdem ihren Blick weiten: "Denn ganz wie in der Landwirtschaft kennt auch der Wald ein Stickstoffproblem: Solange aber Stickstoffverbindungen aus Verkehr und Landwirtschaft in viel zu hohen Dosen über die Wälder wehen und dort für eine fatale Überdüngung sorgen, solange werden wir mitten im Klimawandel das Waldsterben nicht aufhalten können. Auch das muss Ministerin Klöckner endlich begreifen."

FDP: Struktur des Forstschädenausgleichs ändern

"Der Zustand unserer Wälder ist dramatisch. Das massive Waldsterben nimmt immer weiter zu, während gleichzeitig das Schadholz nicht mehr wirtschaftlich entfernt werden kann. Die Antworten der Bundesregierung auf dieses Problem sind erschreckend untauglich. Statt sich auf einer ineffektiven Flächenprämie auszuruhen, muss Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner strukturelle Änderungen angehen", übt auch der forstpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Karlheinz Busen, Kritik. 

"Die Waldbauern brauchen zielgerichtete Anreize zur Räumung des Schadholzes. Weil die Marktpreise wegen der enormen Mengen im Keller sind, ist die Beseitigung von Schadholz derzeit ein Zuschussgeschäft. Deshalb hat die FDP-Fraktion schon vor Monaten vorgeschlagen, dass der Bund das Schadholz zu Selbstkosten aufkauft und einlagert, bis sich die Preise stabilisiert haben."

"Der nachhaltige Umbau der Wirtschaftswälder braucht Zeit, das Ökosystem Wald lässt sich nicht innerhalb weniger Jahre ändern. Schnell muss allerdings die Struktur des Forstschädenausgleichs geändert werden. Die veralteten Gesetze brauchen ein Update, Frau Klöckner muss dazu eine Reform vorlegen.“

WWF: Deutscher Wald kurz vorm Klimakollaps

Kritik kommt auch von Seiten des WWF Deutschland. "Der Waldzustandsbericht zeigt: Mit ihrer fehlgerichteten Waldpolitik fährt das Bundeslandwirtschaftsministerium den Wald gegen die Wand. Wir brauchen dringend einen Paradigmenwechsel hin zu naturnahen Wäldern“, kommentiert Dr. Susanne Winter, Programmleiterin Wald beim WWF Deutschland.

Um den Richtungswechsel in der Forstpolitik einzuleiten, fordert der WWF eine Renaturierungsstrategie für den Wald in Deutschland. „Die klimaresistenteren Wälder von morgen sind naturnahe Laubwälder“, sagt Winter. Laubbäume sorgen im Sommer mit ihrem dichten Laubdach für ein kühleres Waldklima. Das beugt auch Trockenheit und Waldbränden vor. Auch Totholz ist Teil der Gesundungskur. Es nimmt bei Regen Feuchtigkeit wie ein Schwamm auf und gibt es bei Trockenheit nach und nach wieder ab.

Entwässerungsgräben müssen für einen naturnahen Wald zurückgebaut werden, so der WWF. Winter sagt: „Entwässerungsgräben sind ein Symbol für den Irrsinn des derzeitigen Waldmanagements, da sie dem sowieso schon zu trockenen Wald weiter Wasser entziehen. Die Bundesregierung sollte noch in dieser Legislaturperiode Vorschläge machen, wie Waldeigentümer in Deutschland bei der Renaturierung ihrer Wälder zielgerichtet unterstützt werden können.“

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