Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Wolfsmonitoring

Verwirrspiel um die Zahl der Wölfe

Wolfsrudel
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 04.12.2019 - 11:26

Die Zahl der Wölfe in Deutschland ist ein Politikum, denn der Erhaltungszustand der Population beeinflusst deren Schutzwürdigkeit.

Ulrich Graf

Wildtierpopulationen sind einer dynamischen Entwicklung unterworfen. Je nach Rahmenbedingungen kann die Kurve nach oben oder unten deuten. Bei den Insekten zeigt sie gegenwärtig leider nach unten, bei den Wölfen hingegen deutlich nach oben. Geht man von der Entwicklung der letzten Jahre aus, ergibt sich für die Wolfspopulation in Deutschland eine jährliche Vermehrungsrate um rund ein Drittel. Eine Wert, den unter anderem der deutsche Jagdverband teilt.

Wenn wir die zugänglichen Zahlen zusammentragen, kommen wir zu folgendem Ergebnis: Für das Monitoringjahr 2018/2019 weist das Bundesamt für Naturschutz 105 Rudel, 25 Paare und 13 sesshafte Einzelwölfe aus. Zu wandernden Wölfen gibt es keine Zahlen. Im Vorjahr hat die Behörde 77 Rudel verzeichnet.

Ein Rudel besteht aus 3 bis 11 Tieren. In der Summe ergibt das aus den bekannten Zahlen einen Wert von 378 bis 1218 Wölfen für das Monitoringjahr 2018/2019, das am 30. April geendet hat. Inzwischen ist ein neuer Wurf herangewachsen. Man kann also von 500 bis 1600 Tieren ausgehen. Hinzu kommen die wandernden Tiere.

Auf Basis der Rudel kann man versuchen, die Schwankungsbreite noch etwas einzuengen. Ein Rudel besteht aus den Elterntieren und den letzten beiden Würfen. Pro Wurf sind in etwa 3 bis 5 Welpen zu erwarten. Nimmt man den Mittelwert und zieht noch den Verlust eines Tieres ab, ergeben sich 3 überlebende Welpen. Bei 77 älteren mit acht Tieren pro Rudel und 28 neu gegründeten Rudeln mit 5 Tieren pro Rudel kommen nach Adam Riese 756 Wölfe zusammen. Ergänzt um Pärchen und sesshafte Einzelwölfe ergeben sich 819 Wölfe. Das wäre der Plafonds, den man für das zurückliegende Monitoringjahr einziehen könnte. Wer will, kann noch einen Aufschlag von einem Drittel für den diesjährigen Wurf machen.

Große Unbekannte sind die wandernden Wölfe. Dieses Stadium trifft im Leben eines Wolfes jedes Einzeltier nach dem altersbedingten Verlassen des Rudels. Sie finden sich in den BfN-Zahlen nur in einer Kenngröße: den tot aufgefundenen Wölfen. Hauptfeind ist das Auto. 83 Wölfe kamen im Monitoringjahr 2018/19 im Verkehr um. Angenommen, es würde jeder 20te Wolf unter die Räder kommen, entspräche das einer Grundgesamtheit von 1660 Wölfen, abzüglich der 83 toten, bleiben 1577 lebende Exemplare übrig. Bezugszeitraum ist wieder das bereits abgeschlossene Monitoringjahr 2018/19. Zugegeben, dieser Wert beruht auf der Hypothese von 5-%-Prozent Verkehrstoten. Deshalb ist sie nur zur Verdeutlichung der Größenordnung zu verstehen. Die vorher genannten 819 Wölfe erhöht um ein Drittel für die aktuelle Zahl, was rund 1080 Wölfe ergibt, beruht hingegen auf nachvollziehbaren Berechnungen auf Basis konkreter Zahlen.

Ein Blick in die Medien offenbart aber mitunter ganz andere  Zahlen. Da ist oft von knapp 300 Tieren zu lesen. Ein Wert der auch von offizieller Seite oder von Verbänden genannt wird. Wie kann es zu einer derartigen Diskrepanz kommen? Dafür gibt es eine einfache Begründung: Man kolportiert die Zahlen, die einem am besten ins Konzept passt.

Hintergrund ist, dass der Schutzstatus einer Tierart stark von ihrer Zahl abhängt. Eine Population von über 1.000 Wölfen in Deutschland würde einen deutlichen Einschnitt in der Schutzwürdigkeit bedeuten, weil dann ein ausreichender Erhaltungszustand gewährleistet wäre. Das wollen die Wolfbefürworter aber auf keine Fall. Deshalb ist deren eiserne Doktrin, die in Umlauf gebrachten Zahlen möglichst klein zu halten.

Politik spielt mit

Die FDP-Fraktion hat im Bundestag im November eine Kleine Anfrage (19/14234) an die Bundesregierung gerichtet. Darin wollten die Abgeordneten erfahren, wie viele Wölfe in der Bundesrepublik leben und in wie vielen Fällen diese zwischen 2017 und 2019 einen ordnungsgemäßen Herdenschutz überwunden hätten.

Die Antwort der Bundesregierung ist ein Beispiel dafür, wie man mit vielen Worten, wenig sagen kann. Da wird dann lamentiert, wie schwierig eine derartige Erfassung sei und mit Zahlen hantiert, nach denen man gar nicht gefragt hat. So lässt sich jegliche Klarheit beseitigen. Es war offensichtlich, dass da jemand nicht auf den Punkt kommen wollte.

Wenn selbst Parlamentarier sich in dieser Materie derart billig abspeisen lassen müssen, stimmt das bedenklich. Vor allem, wenn man dann die Realität gegenüber stellt. So schreibt das Bundesamt für Naturschutz auf seinen Seiten"Das Wolfsmonitoring ist für Deutschland einzigartig: Kaum ein anderes wildlebendes Tier wird in seinem Bestand ähnlich präzise erfasst und beobachtet. Als Grundlage dienen Wolfsnachweise etwa durch Lebendfang, einen genetischen Nachweis (auch aus Kotproben), Fotos aus Fotofallen oder von Totfunden."

Im Klartext heißt das doch, dass es selbst bei scheuen und mobilen Tieren ausreichend Möglichkeiten gibt, sie zu erfassen. Und so wie es aussieht, haben die Behörden sogar deren genetischen Fingerabdruck vorliegen. Und dann kann man sie nicht zählen? Wo bleibt da die Logik!