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Auswirkungen

Ukraine-Krieg: Lebensmittelpreise könnten steigen

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Philipp Seitz
Philipp Seitz
am Montag, 07.03.2022 - 02:55

Bayerns Agrarausschussvorsitzender rechnet mit „spürbaren Veränderungen“, der Müllerbund schlägt schon Alarm. Doch es drohen noch weitere Folgen.

München - Im deutschen Lebensmitteleinzelhandel könnten die Preise für Lebensmittel bald steigen. Leopold Herz, Agrarausschussvorsitzender im Bayerischen Landtag, erwartet aufgrund des Kriegs in der Ukraine mittel- und langfristig „spürbare Veränderungen“. Der FW-Abgeordnete sagte dem Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt, dass „natürlich“ die Preise ansteigen werden. Doch dieser Preisanstieg werde nicht den Erzeugern zugutekommen. Auch Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) geht davon aus, dass sich der Krieg auf die Landwirtschaft hierzulande auswirken wird: „Wir werden die Folgen des russischen Angriffskrieges spüren.“

Die Auswirkungen sind im Freistaat schon angekommen. Der Bayerische Müllerbund hat Alarm geschlagen – und auf die dramatisch erhöhten Preise auf den Getreidemärkten hingewiesen. Dr. Josef Rampl, Geschäftsführer des Bayerischen Müllerbunds, sprach von „explosionsartig“ gestiegenen Getreidepreisen.

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Als einer der weltweit größten Getreideexporteure wurde die Ukraine bislang gerne als Europas „Kornkammer“ bezeichnet. Laut dem Deutschen Raiffeisenverband exportierte die Ukraine zuletzt rund 24 Millionen Tonnen Weizen – was laut dem Verband einen Weltmarktanteil von 11,5 % beim Export bedeutet. Das UN World Food Programm weist die Ukraine als einen der größten Weizenexporteure aus. Noch höher ist der Anteil beim Mais: Hier exportiert die Ukraine 33,5 Millionen Tonnen, was einem Anteil von 17,2 % entspricht. Beim Weizen ist Deutschland Selbstversorger und glücklicherweise nicht auf Importe angewiesen, machte Özdemir deutlich. Dennoch werden die gestiegenen Energiekosten und die steigenden Preise für Düngemittel den Landwirten zu schaffen machen, räumt der Minister ein.

Das bestätigt der Europaabgeordnete Norbert Lins. Der 44-jährige CDU-Politiker ist Vorsitzender des Agrarausschusses im Europäischen Parlament. Die Lebensmittelpreise in Deutschland werden steigen, ist er sich sicher: „Das wird auf uns zukommen.“

Ukraine ist wichtiger Getreideexporteur

Die Sanktionen werden die bayerischen Landwirte auch beim Import von Düngemittel aus Russland spüren, betont er gegenüber dem Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt. „Aber da müssen wir durch.“ Lins verweist darauf, dass die Ukraine neben Getreide einer der fünf größten Exporteure von Sojabohnen, Raps- und Sonnenblumensamen für die EU sei. „Der entscheidende Vorteil der Eiweißpflanzen aus der Ukraine ist, dass diese genetisch unverändert produziert werden, was sie von denen aus anderen Ländern, wie der USA, unterscheidet. Dies sind Futtermittel, die für die Nutztierhaltung unabdingbar sind.“

Norbert Lins

Die Regeln für ökologische Vorrangflächen müssten deshalb seiner Meinung nach schnellstmöglich angepasst werden, um den Landwirten mehr Flexibilität zu ermöglichen. Lins will hier bald Lösungen sehen: „Es ist Eile geboten, da Landwirte in den nächsten Wochen die Entscheidungen über den zukünftigen Anbau auf ihren Ackern treffen müssen.“

Der Krieg in der Ukraine erreicht noch eine weitere, globale Dimension: Das Welternährungsprogramm warnte gegenüber dem „Deutschlandfunk“ bereits, dass der Krieg den Hunger in Afrika verstärken könnte. Russland und die Ukraine seien für mehrere Länder in Afrika Hauptlieferanten von Weizen, Mais und Sonnenblumenöl. „Wir haben als Europäische Union eine Verantwortung für Nordafrika“, betont Agrarausschuss-Vorsitzender Lins. „Ein weiterer Versorgungsengpass nach den Einbrüchen durch Corona wäre verheerend für diese Region.“ Es müsse jetzt alles unternommen werden, um „die europäische Produktion hochzufahren, um andere Weltregionen zu unterstützen“.

Martin Häusling

Martin Häusling, Grünen-Abgeordneter im Europaparlament, sieht noch eine weitere Gefahr: Der nahe und mittlere Osten seien stark abhängig von den Lieferungen aus Russland und der Ukraine. „Dort könnte eine verstärkte Nahrungsmittelknappheit durchaus politische Instabilität bedeuten.“ Deswegen müsste Europa die eigenen Vorräte auch mit diesen Regionen teilen. Bayerns Agrarausschussvorsitzender Leopold Herz ist hier zurückhaltend: „An Lebensmittelhilfen zu denken, wäre derzeit verfrüht.“ Auch er sieht die Gefahr, dass es durch geringere Getreideexporte zu Unruhen und Verwerfungen kommen könne.

Zum jetzigen Zeitpunkt sei die Situation insgesamt noch nicht abschätzbar, sagt Herz. Lebensmittellieferungen an die Ukraine seien grundsätzlich sinnvoll – „doch das wirkungsvollste Mittel wäre, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden“. Die Friedensverhandlungen sollten möglichst rasch erfolgreich sein, wünscht sich Herz.