Schlachtindustrie

Tönnies: Die wahren Gründe für die Coronafälle

Josef Koch Redakteur Agrarpolitik
Josef Koch
am Donnerstag, 23.07.2020 - 17:59

Wissenschaftler belegen, dass die Wohnverhältnisse der Beschäftigten für den Corona-Ausbruch bei Tönnies nicht ausschlaggebend waren.

Tönnies-Rheda-Wiedenbrück

Die jüngsten wissenschaftlichen Ergebnisse unter anderem vom Helmholtz-Zentrum (HZI) zum Corona-Ausbruch bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück sollte der Bundesregierung zu denken geben. Das Bundeskabinett will am kommenden Mittwoch Werkverträge verbieten. Doch damit ändert sich nichts an der Ansteckungsgefahr mit Corona in den Schlachthöfen.

Die HZI-Ergebnisse rekonstruieren initiale Übertragungsereignisse im Mai 2020: Ausgehend von einem einzigen Mitarbeiter wurde das Virus auf mehrere Personen in einem Umkreis von mehr als acht Metern übertragen. Die hauptsächliche Übertragung fand im Zerlegebereich für Rinderviertel statt, in dem die Luft umgewälzt und auf zehn Grad Celsius gekühlt wird. Demgegenüber spielte die Wohnsituation der Arbeiter während der untersuchten Phase des Ausbruchs keine wesentliche Rolle.

Zudem zeigt eine Auswertung der Virussequenzen, dass sich alle SARS-CoV-2-positiv getesteten Personen aus dem Infektionscluster im Mai 2020 eine neue Kombination von acht Mutationen teilen, die zuvor noch nicht beobachtet worden war.

Deutlich größerer Abstand nötig

„Unsere Studie beleuchtet SARS-CoV-2-Infektionen in einem Arbeitsbereich, in dem verschiedene Faktoren aufeinandertreffen, die eine Übertragung über relativ weite Distanzen ermöglichen. Es stellt sich nun die wichtige Frage, unter welchen Bedingungen Übertragungsereignisse über größere Entfernungen in anderen Lebensbereichen möglich sind", so Melanie Brinkmann, Professorin an der TU Braunschweig und Forschungsgruppenleiterin am HZI.

„Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Bedingungen des Zerlegebetriebs – also die niedrige Temperatur, eine geringe Frischluftzufuhr und eine konstante Luftumwälzung durch die Klimaanlage in der Halle, zusammen mit anstrengender körperlicher Arbeit – die Aerosolübertragung von SARS-CoV-2-Partikeln über größere Entfernungen hinweg förderten“, sagt Prof. Adam Grundhoff, Mitautor der Studie und Forschungsgruppenleiter am HPI.

Laut dem Wissenschaftler ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Faktoren generell eine entscheidende Rolle bei den weltweit auftretenden Ausbrüchen in Fleisch- oder Fischverarbeitungsbetrieben spielen. Unter diesen Bedingungen sei ein Abstand von 1,5 bis 3 Metern alleine ganz offenbar nicht ausreichend, um eine Übertragung des Virus zu verhindern.

Tönnies sieht sich entlastet

Der Schlachtkonzern Tönnies sieht sich mit dieser Studie von den Vorwürfen, unmöglicher Arbeits- und Wohnungsbedingungen für die Beschäftigten entlastet. "Es ist jetzt klar, dass der Ausbruch in Rheda-Wiedenbrück nicht unser Verschulden war", so ein Unternehmenssprecher.

In einer Unternehmensmitteilung heißt es dazu weiter: "Es gab bereits aufgrund der Untersuchungen von Professor Exner von der Universität Bonn klare Hinweise, dass der massenhafte Ausbruch in unserem Betrieb auf ein Phänomen bei der Belüftung zurückzuführen ist, dass bis dato nicht bekannt war.
Die Ergebnisse dieser wissenschaftliche Studie stützen das nun eindeutig. Verantwortlich waren weder fehlende Hygienemaßnahmen und schon gar nicht die Wohnbedingungen der Werkvertragsarbeitnehmer. Der Ausbruch geschah auch nicht, weil gegen Gesetze, Regeln oder Verordnungen verstoßen wurde. Es ist schlicht ein Problem aufgetreten, das niemand zuvor kannte."