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Tierschutz

Tierwohl: Disput um staatliche Mittel

Josef koch
Josef Koch
am Montag, 17.01.2022 - 13:35

DBV-Präsident Rukwied verlangt zügig Klarheit bei staatlicher Finanzierung des Stallumbaus. Kritik der Freien Bauern an neuer Abhängigkeit.

Stallbau-Bioschweinemast

Bauernpräsident Joachim Rukwied hat Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) aufgerufen, schnellstmöglich die Finanzierung neuer Tierwohl-Ställe zu klären. "Der Umbau kostet etwa vier Milliarden Euro im Jahr. Das Geld brauchen wir", sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbands im Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ). Die Interessenorganisation der Freien Bauern indes, warnt vor zusätzlichen staatlichen Geldern.

"Der Umbau der Tierhaltung ist ein Stück weit die Möglichkeit, sich als Tierhalter neu zu erfinden. Die Bauern sind bereit dafür", sagte Rukwied weiter. Er verwies auf die Krisensituation gerade in der Schweine- und Rinderhaltung, wo Erzeugerpreise seit Langem im Keller sind. "Ich mache mir Sorgen um den Fortbestand der Tierhaltung in Deutschland", sagte Rukwied. "Die Betriebe geben reihenweise auf." Die Zahl der in Deutschland gehaltenen Tiere sei so niedrig wie lange nicht. Umso wichtiger sei es, schnell mit dem Umbau der Tierhaltung zu beginnen, um Perspektiven zu schaffen.

Freie Bauern fürchten mehr Abhängigkeit

Peter Guhl, von den Freien Bauern, lehnt ein staatliches Finanzierungssystem ab, das die Bauern abhängig macht. „Wir wollen faire wirtschaftliche Rahmenbedingungen, unter denen wir Geld verdienen und selber in einem Maße investieren können,das zu unseren Betrieben passt“, so Guhl. Für die neue Bundesregierung gehe es um eine Grundsatzentscheidung, so der 56jährige Milchviehhalter aus dem mecklenburgischen Vorderhagen: „Wird Özdemir mit einem milliardenschweren Stallbauprogramm nochmal das Wachsen oder Weichen anheizen oder wird er dafür Sorge tragen, dass alle Landwirte eine höhere Wertschöpfung erzielen können?“

Nach Auffassung von Guhl nützen öffentliche Investitionsprogramme zuerst der Agrarindustrie und verzerren den Wettbewerb zulasten der soliden bäuerlichen Betriebe, die nur soviel bauen, wie sie auch bezahlen können. Um die Stellung der Landwirtschaft in der Wertschöpfungskette zu verbessern, wünschen sich die Freien Bauern lieber eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung für alle Lebensmittel, Mindeststandards für Lieferverträge bei Milch und Schlachtvieh sowie eine Entflechtung der großen Molkereien, Schlachtkonzerne und Handelsketten.

Tierschützer wollen Tierwohl-Label und Herkunft trennen

Der Deutsche Tierschutzbund indes darf die Herkunftskennzeichnung nicht mit einer Tierschutzkennzeichnung vermischt oder gar synonym verwendet werden. „Herkunft hat nichts mit Tierschutz zu tun. Politische Priorität muss die Entwicklung einer verpflichtenden staatlichen Tierschutzkennzeichnung haben, welche die gesamte Kette abdeckt – von Zucht über Mast und Transport bis zum Schlachthof“, erklärt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes.

Für eine solche Tierschutzkennzeichnung müssten auch tierbezogene Indikatoren zur Bewertung und Mängelbeseitigung erhoben werden. Die Kriterien einer solchen Kennzeichnung müssten wissenschaftlichen Standards entsprechen und stetig an neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder veränderte Gesetzeslagen angepasst werden.

Zudem müssen nach Meinung der Tierschützer die bestehenden Lücken im Ordnungsrecht geschlossen werden, um für alle Tier- und Nutzungsarten eine gesetzliche Grundlage zu schaffen. Ein Tierschutzkennzeichen entbindet die Bundesregierung laut Tierschutzbund nicht von der Verpflichtung, solide gesetzliche Mindeststandards für alle Tiere zu schaffen. „Die fehlen bisher zum Beispiel für Rinder, Puten, Schafe und Wassergeflügel, zudem gibt es weitere Lücken durch Ausnahmeregelungen“, ergänzt Schröder.

 

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