EU-Parlament

Streit um die Genschere

Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Dienstag, 27.04.2021 - 06:28

Thomas Waitz, EU-Abgeordneter der Grünen, kritisiert den Standpunkt der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.

Thomas

Brüssel - Am 30. April wird die Europäische Kommission eine Studie veröffentlichen, in der es darum geht, wie die Verfahren der Neuen Gentechnik zukünftig reguliert werden. Nach Einschätzung von Thomas Waitz, EU-Abgeordneter der Grünen und Ko-Vorsitzender der Europäischen Grünen Partei, lobbyiert die Saatgutindustrie in der EU, um die durch das neue Gentechnikverfahren (CRISPR CAS) veränderte Organismen (GVO) von den EU-GVO-Vorschriften auszuschließen. Das würde dazu dienen, das Vorsorgeprinzip auszuhebeln. Die Begründung, sie seien nicht anders als traditionell gezüchtete Sorten, will er dabei nicht gelten lassen.

Leopoldina in der Schusslinie

In diesem Zusammenhang kritisiert er auch die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina. Eine neue Studie der Grünen Fraktion im Europaparlament zeige, so Waitz, wie Wissenschaftler 2019 selektive Daten zur neuen Gentechnik genutzt und damit auch den European Academies Science Advisory Council (EASAC) beeinflusst hätten. Das Netzwerk Kritischer Wissenschaftler, ENSSER, beweise nun, welche wissenschaftlichen Daten nicht oder nur teilweise berücksichtigt wurden.

Waitz vertritt die Meinung, dass mit angeblichen Lösungen von dürre- oder schädlingsresistenteren Pflanzen nur wertvolle Zeit und Geld im Kampf gegen die Klimakrise verschwendet werde. Sowohl alte Gentechniken als auch die sogenannten neuen Gentechniken seien nicht unbedenklich und könnten sowieso nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Echte Lösungen, wie agrar-ökologischer Anbau und Bodenschutz, müssten viel mehr über die gemeinsame Agrarpolitik gefördert werden. Wenn die EU-Kommission ihre Biodiversitätsstrategie selbst ernst nehme, dann schließe dies GVOs aus.

Für Waitz ist ein Ausschluss der neuen Verfahren ein Gebot des Vorsorgeprinzips in der EU. Das bedeute, dass die Kommission hier für die Neue Gentechnik genauso strenge Auflagen setzen müsse wie für die alte Gentechnik. Alles andere sei ein Kniefall vor der Agrarindustrielobby.

Entfällt GVO-Regulierung, entfällt Kennzeichnung

Sarah Wiener, Grüne EU-Abgeordnete und Schattenberichterstatterin der „Vom Hof auf den Tisch“-Strategie weist zu diesem Thema auf einen Aspekt hin, den sie als besonders bedeutsam betrachtet. Würden die Produkte der neuen Gentechnik nicht mehr unter die GVO-Regulierung fallen, würde es dafür auch keine Kennzeichnungspflicht mehr geben. Die Folge wäre, dass die Bürger nicht mehr wüssten, was auf ihren Tellern landet, obwohl die meisten Europäer keine Gentechnik in ihren Lebensmitteln haben möchten.