Wissenschaftliche Studie

Warum sterben die Insekten?

Schwäbische Alb
Simon Michel-Berger Portrait 2019
Simon Michel-Berger
am Donnerstag, 07.11.2019 - 11:40

Eine neue Studie der TU München zeigt einen drastischen Rückgang der Artenvielfalt in den letzten zehn Jahren – obwohl die Land- und Forstwirtschaft im Untersuchungszeitraum deutlich „grüner“ wurden.

Es gibt einen deutlichen Rückgang der Artenvielfalt bei Gliederfüßern und er ist höchstwahrscheinlich menschengemacht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung von Prof. Wolfgang Weisser und Dr. Sebastian Seibold von der TU München, die vergangene Woche im Fachmagazin „Nature“ veröffentlicht wurde. Demnach wurden von 2008 bis 2017 rund 67 % weniger Biomasse bei den entsprechenden Insekten im Grünland und immer noch 41 % weniger im Wald festgestellt. Dabei wurden die Auswirkungen von Wetteränderungen bereits berücksichtigt.

Grünland: Intensive Landnutzung als Treiber?

Die Autoren vermuten, dass einer der wesentlichen Treiber dieser Entwicklung – zumindest im Grünland – die Intensivierung der Landnutzung ist. Am stärksten seien die Rückgänge auf den Flächen, die in eine stark ackerbaulich genutzte Region eingebettet waren. Ob dies aber an Faktoren wie dem Insektizideinsatz oder den Verlusten von Lebensräumen in der Landschaft liege, sei unklar. Auch sei offen, ob die beobachteten Rückgänge die Folgen vergangener oder aktueller Intensivierungen landwirtschaftlicher Nutzung seien.

Woran hingegen der deutliche Rückgang der Artenvielfalt im Wald liege, sei noch völlig offen. Die Forscher beobachteten, dass einige Arten, darunter Schädlinge, im Beobachtungszeitraum zugenommen hätten. Insgesamt zeige sich, dass die Artenvielfalt sich noch am besten behauptet habe, wo die Baumsterblichkeit am höchsten sei – entweder durch natürliche oder menschengemachte Eingriffe.

Land- und Forstwirtschaft wurden ökologischer

Überraschend sind die Ergebnisse der Studie im Lichte von Entwicklungen in der Landwirtschaft als Ganzes im Untersuchungszeitraum. So wuchs beispielsweise die Fläche des ökologischen Landbaus laut Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) von gut 908 000 ha in 2008 auf knapp 1,4 Mio. ha in 2017 an. Deutlich stiegen auch die staatlichen Beihilfen für Agrarumweltmaßnahmen an: Von durchschnittlich rund 2300 € pro Betrieb in 2009/10 auf 4300 € in 2017/18.

Gleichzeitig stagnierte in der konventionellen Landwirtschaft der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. So lag der Inlandsabsatz dieser Mittel 2008 und 2017 laut BMEL bei knapp 35.000 t. Ebenfalls lag das 5-Jahres Mittel des Saldos der landwirtschaftlichen Stickstoff-Gesamtbilanz in Bezug auf die landwirtschaftliche Fläche bei rund 95 kg/ha.

Auch in der Forstwirtschaft kam es zu deutlichen Veränderungen. So nahm der Anteil der Laubbäume von 2002 bis 2012 bundesweit um rund 7 % zu. Flächen mit Mischbestockung nahmen im gleichen Zeitraum um 5 % zu. Der Totholzvorrat hat sich von 11,6 m3/ha in 2002 auf 20,6 m3/ha 
in 2012 nahezu verdoppelt. 

Unterschiedliche Reaktionen

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner kündigte an, die Studie genau prüfen zu wollen. Sie betonte, dass die Ursachen des Insektenrückgangs „vielfältig und insgesamt komplex“ seien. Sie beträfen nicht nur Landwirtschaft, sondern auch Siedlungsentwicklung, Lichtverschmutzung in den Städten, Flächenversiegelung, „zugepflasterte Gärten“ sowie Verkehr und Infrastruktur. Als „erstaunlich“ bezeichnete Klöckner den Rückgang im Wald. Die ökologischen Daten des Waldes würden immer besser.

Die Grünen-Sprecherin für Naturschutzpolitik, Steffi Lemke, bezeichnete die Forschungsergebnisse als „dramatisch“. Sie forderte die Bundesregierung auf, eine Trendwende im Artenschutz einzuleiten.

Für den Vorstandsvorsitzenden des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, ist klar, dass die Art und Weise der Landnutzung eine entscheidende Rolle für die Lebenswelt spiele. Es gehe aber nun nicht um Schuldzuweisung an Bauern, sondern darum, auch in der Landwirtschaft Wege zu finden, naturverträglich zu wirtschaften.

Aus Sicht der Abteilungsleiterin Biodiversität beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Silvia Bender, reicht das von der Bundesregierung vorgelegte Aktionsprogramm Insektenschutz nicht aus, um eine Trendumkehr beim Insektenschutz einzuleiten und „die weitere Ausrottung zu verhindern“. Sie forderte, die Fördermittel der EU-Agrarpolitik an die landwirtschaftlichen Betriebe zu geben, die mehr für den Erhalt der Artenvielfalt und den Schutz des Klimas täten.

Ein Angebot aus der Wissenschaft

Studienautor Seibold sagte gegenüber dem Wochenblatt: „Ein Stück weit sucht sich jedes politische Lager aus solchen Studien natürlich heraus, was ihm am besten passt. Was wir eindeutig sagen können, ist, dass es Aktivitäten gibt, die für die Insektenvielfalt etwas bringen – etwa Blühstreifen, Biotopvernetzung oder eine heterogenere Struktur im Wald. Meiner Erfahrung nach können und wollen Landwirte hier etwas tun. Es kann aber nicht die Lösung sein, die zweite Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik immer weiter aufzustocken und die Bauern mit immer mehr Bürokratie zu überziehen. Konkrete Wege um es besser zu machen, müssen gemeinschaftlich entwickelt werden. Die Wissenschaft kann nur sagen, welche Maßnahmen mehr Sinn machen als andere.“

Abschließend warb Seibold auch dafür, die Forschung zum Rückgang der Artenvielfalt gemeinsam mit den Landwirten voranzutreiben: „Es gibt gute betriebliche Daten, wo und wie Spritzmittel oder mechanische Schädlingsbekämpfung durchgeführt, wie Gülle oder Festmist ausgebracht und welche Förderprogramme genutzt werden. Das sind natürlich sehr private Informationen, aber wenn wir sie anonymisiert mit unseren Daten zum Insektenrückgang verschränken dürften, könnten wir sehr schnell genauer sagen, was die Landwirtschaft schon für die Insekten tut und was sie vielleicht noch tun könnte.“

Mit Material von AgE