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Berglandwirtschaft

Starke Allianz für die Almbauern

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Sepp Kellerer
Sepp Kellerer
am Montag, 16.05.2022 - 12:44

Am 23. Juni präsentiert das Wochenblatt den „Alpen.Gipfel.Europa.2022“ auf der Unteren Firstalm. Unter den prominenten Gästen sind Österreichs neuer Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig und seine Ressort-Kollegin aus Bayern, Michaela Kaniber. Berglandwirte wissen, warum es so eine Veranstaltung braucht.

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Die meisten Menschen glauben, sie bewegen sich in unberührter Natur, wenn sie in den Bergen unterwegs sind. Die Bäuerinnen und Bauern, die Sennerinnen und Hirten wissen, dass das nicht stimmt. Josef Steinmüller vom Sockhof bei Oberaudorf sagt mit einem stolzen Unterton: „Unseren Hof gibt es seit 600 Jahren, den Nachbarhof seit 1000 Jahren.“ Seit dieser Zeit wird die Landschaft vom Menschen kultiviert.

„Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir mit unserem Bewirtschaftungssystem über Jahrhunderte die kompletten Ökosystemfunktionen aufrecht erhalten konnten“, so Steinmüller weiter. Er verweist besonders auf die sehr hohe Biodiversität und zählt Blumen, Gräser, Kräuter, Singvögel und Greifvögel sowie die sauberen Gewässer auf. Dabei sei die Qualität der Böden durch die Bewirtschaftung keineswegs schlechter, sondern sogar besser geworden. „Wir haben über zehn Prozent Humus, das ist enorm“, betont der Landwirt.

Leichtfüßig marschiert Steinmüller über die Wiese vor seinem Hof und vergleicht die Almen mit natürlichen Graslandsystemen wie der Prärie in den USA oder der Serengeti in Afrika, wo ebenfalls Wiederkäuer durch die Beweidung das Ökosystem erhalten.

Almen und Alpen sind keine Wildnis

Dennoch, so stellt Almbäuerin Brigitta Regauer aus Hagnberg bei Fischbachau heraus, sind die Almen und Alpen keine Wildnis.

Wildnis, das sind Gebiete, in denen der Mensch überhaupt nicht eingreift. Almen und Alpen dagegen sind durch gezielte Weideführung, durch Entbuschen und durch gezieltes Steuern des Baumbestandes entstanden und werden so gestaltet, dass es für die Almwirtschaft am besten ist.

Würden die Almen nicht mehr bewirtschaftet, stiege aufgrund der Klimaerwärmung die Baumgrenze, die Flächen würden verbuschen und verwalden und die Erosion nähme zu.

Bleibt der Bauer, lebt die Alm

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Der Alpen.Gipfel.Europa.2022, den das Wochenblatt am 23. Juni auf der unteren Firstalm präsentiert, hat deshalb das Motto: „Biodiversität – Bleibt der Bauer, lebt die Alm“.

Walter Heidl, Präsident des Bayerischen Bauernverbands, freut sich besonders, dass beim Alpengipfel eine breite Allianz an Organisationen vor Ort ist. Sie wollen gemeinsam aufzeigen, „dass die Bergbauern tagtäglich mit harter Arbeit dafür sorgen, dass alle Menschen, die in die Alpen kommen, eine wunderbare Kulturlandschaft genießen und sich in ihr erholen können.“ Es brauche aber Rahmenbedingungen, die den Bergbauern Wertschätzung entgegenbringen und Wertschöpfung ermöglichen.

Sich Zeit nehmen für die Menschen, das ist dabei ein ganz wichtiger Baustein. Sepp Steinmüller sagt: „Es ist heute nicht mehr selbstverständlich, dass die Menschen Ahnung haben von der Landwirtschaft.“

Auf dem Sockhof, der auch Urlaub auf dem Bauernhof anbietet, nutze man jede Gelegenheit zum Gespräch, bei der Arbeit auf den Flächen oder auf dem Hof. Die Menschen wollen Natur genießen, entspannen und eine schöne Landschaft sehen. „In dem Moment kann man sie sehr gut abholen, ich glaube, wir bringen unsere Botschaft ganz gut an“, so Steinmüller.

Weideschutzgebiete als Schutz vor dem Wolf

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Beim Thema Wolf ist das bisher nicht gelungen. Brigitta Regauer blickt sorgenvoll auf die Alpenkette vor Hagnberg bei Fischbachau. Es könne nicht sein, dass eine Art, die weltweit vorkommt und nicht gefährdet ist, die Almwirtschaft unmöglich macht, betont sie. Damit würden auch Arten verdrängt, die Lebensräume brauchen, die durch die Berglandwirtschaft geschaffen wurden.

„Wir brauchen Weideschutzgebiete“, fordert Regauer, also Regionen, aus denen der Wolf komplett herausgehalten wird. Herdenschutzhunde seien eine Lösung für abgelegene Täler, wo nur der Eigentümer hinkomme. Auf den touristisch intensiv genutzten Almen und Alpen gebe es dagegen großes Konfliktpotenzial mit Wanderern, Radfahren und Hunden. „Das ist nicht lustig, da steht man als Bewirtschafter mit einem Bein im Gefängnis“, so Regauer.

Zäunen geht auch nicht, weil auf unebenem und felsigem Untergrund ein Untergrabschutz nicht möglich ist und weil die Wölfe von der Bergseite her leicht einspringen können.

„Wolf und Weidewirtschaft haben noch nie zusammenpasst“, so Regauers Fazit: „In meinem Schlafzimmer steht ein Schrank aus dem Jahr 1783. Darauf ist eine Heilige abgebildet, zu der sich Schafe geflüchtet haben. Und sie zielt mit einem Speer auf einen Wolf.“

Alpen.Gipfel.Europa.2022

Unter dem Motto „Biodiversität – Bleibt der Bauer, lebt die Alm“ stellt der Alpen.Gipfel.Europa.2022 die Rolle der Berglandwirtschaft für diesen einzigartigen Natur- und Lebensraum in den Fokus.

Politiker, Verbände, Naturschützer, Touristiker und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, Südtirol und der Schweiz treten in einen konstruktiven Dialog und zeigen Lösungsansätze für die Zukunft auf.

Prominent besetzte Podiumsrunden belegen den hohen Stellenwert der Berglandwirtschaft. Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber ist dabei, ebenso der Südtiroler Europaabgeordnete Herbert Dorfmann (SVP). Österreichs neuer Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig ist angefragt. Den Berufsstand vertreten Walter Heidl, BBV, Joachim Rukwied, DBV, Leo Tiefenthaler, Südtiroler Bauernbund, Georg Strasser, Bauernbund Österreich, und Thomas Roffler vom Bündener Bauernbund.

Termin: 23. Juni 2022

Zeit:  ab 8 Uhr bis ca. 14 Uhr

Ort: Untere Firstalm, 83727 Schliersee

Hier erreichen Sie den Live-Stream und den Chat auf Youtube

Infos: www.alpen-gipfel-europa.com; Auf dieser Website kann der Alpen.Gipfel.Europa.2022 am 23.Juni auch im Livestream verfolgt werden.