Schweinekrise

Schweinekrise: Nur Coronahilfen als Rettungsanker

Josef Koch
Josef Koch
am Donnerstag, 18.11.2021 - 13:30

Auch nach dem dritten süddeutschen Schweinegipfel zeichnen sich für Bauern keine schnellen Hilfen ab.

Kaniber-Krisengipfel Schweinemarkt

Bereits zum dritten Mal seit Februar 2021 führte Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU) zusammen mit ihrem baden-württembergischen Ressortkollegen Peter Hauk (CDU) Gespräche mit der süddeutschen Schweinebranche, diesmal mit Schweinehalten, um gemeinsam Lösungen für die schwierige Lage am Schweinemarkt zu finden. Gleich vorneweg: Schnelle Lösungen sind auch diesmal nicht ersichtlich. Sehr zum Leidwesen der notleidenden Bauern. Und für eine Ausstiegsprämie sind beide Agrarminister nicht zu haben. Grund: In beiden Bundesländern liegt die Selbstversorgung mit Schweinefleisch teilweise deutlich unter 100 %.  

Und die könnte sich noch weiter verringern. Michael Fröhlin, Schweinehalter aus Buggingen, Baden-Württemberg, befürchtet: „Wir werden uns in Süddeutschland darauf einstellen müssen, dass regional erzeugtes Schweinefleisch zur Mangelware wird, weil immer mehr Betriebe aufhören müssen“. Fröhlin fordert daher die Landesregierungen auf, für ein Mindestmaß an Selbstversorgung mit heimischen Lebensmitteln, insbesondere beim Schweinefleisch Sorge zu tragen und regionale Erzeuger- sowie Vermarktungsstrukturen langfristig abzusichern.

Bei Herkunft lieber 5B statt 5D

Hauk Peter-Agrarminister BW

So werben Hauk und Kaniber für ihre jeweiligen Qualitätsfleischprogramme, GQ Bayern und Qualitätszeichen Baden-Württemberg. „Unsere regionalen Strukturen und unser hoher Anspruch mit unseren Premiumprodukten sind die ideale Ausgangsbasis für die Umsetzung höherer Qualitätsstandards aus heimischer Produktion. So schaffen wir es uns glaubhaft von Anderen abzuheben“, ist Kaniber überzeugt.

Bayern und Baden-Württemberg bekennen sich seit Jahrzehnten klar zur regionalen Erzeugung und stehen hinter ihren Landwirten, versicherten Hauk und Kaniber. Durch diese werden zukunftssichere und regionale Versorgungsstrukturen aufrechterhalten, die sich die Gesellschaft wünsche. „Diesen Weg werden wir weiterverfolgen. Wir werden die Bedingungen weiter verbessern, die wir auf Ebene der Länder verwirklichen können, so Kaniber.

Zusammen mit ihrem Kollegen Hauk unterstützt sie eine stärkere Herkunftskennzeichnung wie 5D, „oder am liebsten 5B“, geboren, aufgezogen, gemästet, geschlachtet und verarbeitet in Bayern und Baden-Württemberg. Und Hauk ergänzte: „Die Krise auf dem Schweinemarkt kann nur bewältigt werden, wenn sich alle Akteure der Wertschöpfungskette ihrer Verantwortung bewusst werden und tragfähige Vereinbarungen finden.“ Seiner Ansicht nach gehören dazu langfristige Partnerschaften und Vertragsmodelle, die Vertrauen und Sicherheit schaffen, ohne die unternehmerische Freiheit völlig einzuschränken. Mehrerlöse über höhere Qualitäten müssten auch auf den Bauernhöfen ankommen.

Niedrigere Fleischbeschaugebühren angeregt

Die bayerische Agrarministerin regte daher eine Absenkung der Fleischbeschaugebühren für Metzgerbetriebe an, verwies aber darauf, dass dafür Umweltminister Thorsten Glauber zuständig sei. Gleichzeitig räumte sie ein, dass Bayern aufgrund der Coronakrise beim Ziel, bis 2025 in öffentlichen Kantinen bis zu 50 % regionale und ökologische Ware zu beziehen, hinterherhinke, da viele öffentlichen Einrichtung lange Zeit schließen mussten.

Immerhin betonte Kaniber, dass in der Kantine des Landwirtschaftsministeriums der Anteil regionaler und ökologischer Lebensmittel zwischen 50 und 60 % betrage. Sie hofft, dass andere Kantinen dem Beispiel schnell folgen werden. Auf rund 1,6 Mio. tägliche Mittagessen in öffentlichen Einrichtungen schätzt die Agrarministerin das Potenzial. Bayerns Bauerpräsident Walter Heidl geht das alles zu langsam. Insbesondere in der Fleischwarenindustrie, in der Gastronomie sowie in öffentlichen und privaten Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung sei Regionalität noch stark ausbaufähig. „Hier ist die Politik gefordert, Impulse zu setzen“, fordert er.
 

Forderungen an Ampel-Koalition

Auch beim Tierwohlprogramm BayProTier, das Kaniber seit Mai angekündigt hat, vertröstet sie die Bauern. Mit dem Förderprogramm sollen Schweinehalter beim Umbau ihrer Ställe hin zu mehr Tierwohl unterstützt werden. Einen genauen Starttermin in 2022 konnte die Ministerin nicht nennen. „Derzeit erarbeiten wir im Ministerium die Richtlinien dafür, die auch noch mit Brüssel abgestimmt werden müssen“.

Deutliche Erwartungen äußerten die Minister zusammen mit dem Berufstand an die künftige Ampel-Koalition. Damit Schweinehalter endlich eine klare und verlässliche Zukunftsperspektive bekommen, müssen SPD, Grüne und FDP die Vorschläge der Borchert-Kommission zügig und in Gänze umzusetzen. „Einschließlich eines Bau- und Umweltrechts, das Um- und Neubauten ermöglicht“, so BBV-Präsident Walter Heidl.

Sein Kollege aus Baden-Württemberg, LBV-Vizepräsident Klaus Mugele, verdeutlichte, wie wichtig schnelle Hilfen sind. Die meisten Betriebe könnten seit über einem Jahr nicht mehr kostendeckend arbeiten. „Viele Schweinehalter stehen mit dem Rücken zur Wand und brauchen jetzt schnell finanzielle Unterstützung“, sagt Mugele. „Dafür müssen Corona-Hilfen unverzüglich und unbürokratisch bei den Betrieben ankommen und für Existenz bedrohte schweinehaltende Betriebe offenstehen.“ Immerhin hat die EU beim jüngsten Agrarrat Mitte November zugestanden, dass die Coronahilfen bis Mitte 2022 weiter laufen dürfen.