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Tierschutz

Reserveantibiotika: Disput um Vorschlag der Arzneimittelbehörde

Josef koch
Josef Koch
am Donnerstag, 12.05.2022 - 10:58

EU-Umweltausschuss will Empfehlungsliste zu den Reserveantibiotikas nicht im Gesetz sehen.

Antibiotika-Spritze

Die Empfehlungsliste der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA und der Europäischen Kommission zu den Reserveantibiotikas stößt im Umweltausschuss des Europäischen Parlaments eher auf verhaltene Akzeptanz, zumindest nach Einschätzung der Grünen.

„Überzeugt sind wir nicht“, so lassen sich die Rückmeldungen der Mitglieder des Umwelt- und Gesundheitsausschusses auf die Pläne der Europäischen Kommission zusammenfassen. Fraktionsübergreifend betonten die Mitglieder, dass der Vorschlag der Europäischen Arzneimittelagentur EMA von der Europäischen Kommission nicht zur Gesetzesvorlage für die Liste der Reserveantibiotika gemacht werden dürfe, heißt es in einer Pressemeldung des grünen Abgeordneten Martin Häusling.

Kritik an Liste

Am Mittwoch (11.5.) fand dazu im Umweltausschuss des Europäischen Parlaments ein Meinungsaustausch mit der Europäischen Kommission statt. Zentraler Punkt ist, welche Antibiotika in der Humanmedizin eingesetzt werden können und welche bei Tieren. Da Antibiotikaresistenzen laut Häusling zunehmen, könne dies eine lebensentscheidende Frage sein.

Er kritisiert, dass die Liste kein einziges derjenigen Antibiotika enthalte, die die Weltgesundheitsorganisation WHO als die für Menschen am allerwichtigsten Antibiotika einstuft und das nicht jetzt schon für die Verwendung bei Tieren nicht mehr zugelassen ist. Alle aktuell erlaubten Antibiotika blieben also weiterhin für Tiere erlaubt, so der EU-Abgeordnete.

Sollte die EU-Kommission die Liste ohne Änderungen übernehmen, wird der Gesamtansatz der Tierarzneimittelverordnung aus Häuslings Sicht unterlaufen, entschieden gegen einen routinemäßigen Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung und damit gegen die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen vorzugehen. „Die jetzige Liste schafft sogar einen Anreiz, weitere Präparate in der EU mit diesen Substanzen zuzulassen und damit einen höheren Verbrauch zu erzeugen“, so Häusling.

Häusling zweifelt an Arzneimittlebehörde

Häusling zweifelt die Bewertungsgrundlagen der EMA an: „Diese scheint nicht immer dem neusten Kenntnisstand zu folgen.“ Anders ist es für ihn nicht plausibel, warum Colistin nicht für den Einsatz bei Tieren verboten wird. Schließlich sei bekannt, dass auf den Einsatz von Colistin sehr wohl verzichtet werden könne, wenn ein Mix aus Impfungen, Hygiene- und Managementmaßnahmen zielgenau eingesetzt werde. Einzelne EU-Länder wie Dänemark sehen inzwischen komplett von der Anwendung von Colistin ab.

Im Ausschuss der Mitgliedsländer haben sich nur drei Staaten, darunter Deutschland, für die Aufnahme von Colistin und damit gegen die Übernahme des EMA-Vorschlages eingesetzt. Auch dieser dürfte mehrheitlich von Veterinärmedizinern besetzt sein, mutmaßt Häusling. Genauere Angaben zu den Ausschussmitgliedern aus dem Bereich der Humanmedizin bleibe die Kommission schuldig. Immerhin hat die EU-Kommission eingeräumt, die vorgelegte Liste sei vielleicht noch nicht der perfekte Schritt, aber ein wichtiger.

Tierärzte sind zufrieden

Überzeugter sind indes die Tierärzte. Der Bundesverband Praktizierender Tierärzte (bpt) sieht in den Kommissionsempfehlungen, die Anfang März veröffentlicht wurden, eine wissenschaftlich fundierte Bewertung, die den One-Health-Ansatz vollständig umsetze. So sei das notwendige Management von Antibiotikaresistenzen beim Menschen einerseits und das Sicherstellen von Tiergesundheit und Tierschutz andererseits ausbalanciert. „Damit sind alle wichtigen Substanzen für die Veterinärmedizin verfügbar, darunter Cephalosporine der 3. und 4. Generation, Polymyxine, Makrolide und Fluorchinolone und trägt damit dem Tierschutz in besonderem Maße Rechnung“, so bpt-Präsident Dr. Siegfried Moder.

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