Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Landesbund für Vogelschutz (LBV)

Redaktionsgespräch mit LBV-Chef: „Es sind Narben geblieben“

Alexandra Königer
Alexandra Königer
am Dienstag, 31.05.2022 - 15:01

Das Bienen-Volksbegehren haben viele Bauern als Gängelung empfunden. Der LBV sieht die Landwirte trotzdem als Gewinner.

München Seit bald acht Jahren ist Norbert Schäffer Vorsitzender des Landesbundes für Vogelschutz (LBV). Der promovierte Biologe erklärt beim Redaktionsbesuch des Wochenblatts, warum für ihn die Bauern die Gewinner des Bienen-Volksbegehrens sind, welche Auflagen für Landwirte er kritisch sieht und dass Artenschutz auch in Kriegszeiten wichtig für ihn ist.

„Das Volksbegehren hat im Verhältnis zur Landwirtschaft Narben hinterlassen.“ Das gesteht Schäffer ein. Der LBV war einer der Initiatoren. Die Landwirte hätten das Volksbegehren als Gängelung dargestellt, obwohl sie aus seiner Sicht die Gewinner sind.

Geduldsfaden gerissen

norbert-schäffer_B

Grundsätzlich befürwortet der gebürtige Oberpfälzer das Prinzip Freiwilligkeit vor Ordnungsrecht, aber bei einem Thema ist ihm der Geduldsfaden gerissen. „Wir haben über Jahre versucht, Gewässerrandstreifen anzulegen, sie sind so wichtig für die biologische Vielfalt, wir haben das genau untersucht“, erklärt Schäffer. „Da hieß es immer, die Landwirte machen das sowieso.“ Aber eben nicht überall, Bayern war das letzte Bundesland, in dem die Anlage von Gewässerrandstreifen nicht verpflichtend war.

Das hat sich mit dem Volksbegehren geändert. „Ich kann verstehen, wenn Landwirte sagen, das ist Enteignung. Aber bei den allermeisten anderen Maßnahmen kann der Staat nur sagen, ich mache ein Angebot.“

Insgesamt sind die Bauern aus Schäffers Sicht Profiteure des Volksbegehrens. Als Beispiel nennt er den Streuobstpakt, bei dem Landwirte Geld bekommen, wenn sie Bäume anpflanzen. Oder das Vertragsnaturschutzprogramm (VNP), wie viel Geld da mit dem Volksbegehren plötzlich da sei. Das gehe nicht an den LBV, sondern die Bauern „und zwar mit gutem Grund und gutem Recht“, wie er meint.

Bauern mehr vertrauen

Kein Verständnis hat Schäffer für die harten Sanktionen, die Landwirten bei kleinsten, falschen Angaben drohen. „Da kann es ja passieren, dass ich über Jahre Zuschüsse zurückzahlen muss.“ Dem LBV sei wichtig, dass möglichst viele Landwirte bei Artenschutz-Maßnahmen mitmachen, „ob das dann fünf oder zehn Quadratmeter mehr oder weniger sind, ist uns egal“. Die Kontrollen per Fernerkundung „bis auf den Quadratzentimeter sind nicht in unserem Sinn“. Das sollte „zurückgefahren werden“, die Landwirte hätten mehr Vertrauen verdient.

Diskussionen um die Aussetzung der EU-weiten Stilllegungspläne von vier Prozent ab 2023 sieht der LBV-Vorsitzende äußerst kritisch. Befürwortern wirft er vor, „den Krieg zu instrumentalisieren, um Ziele zu erreichen, die man vorher schon hatte – nämlich den Rollback des Naturschutzes herbeizureden“. Es sei eine Debatte, „wie wir sie in den 70er-Jahren hatten“. Brachflächen seien das „Rückgrat der Biodiversität“. In den letzten 40 Jahren sei in der Agrarlandschaft im Schnitt die Hälfte der biologischen Vielfalt verloren gegangen.

„Statt sich an der winzigen Fläche festzubeißen, gibt es andere Stellschrauben für die Ernährungssicherung“, meint Schäffer: Fleischkonsum senken, auf Biosprit verzichten und vor allem weniger Lebensmittel wegschmeißen oder vernichten – ob im Supermarkt, in Privathaushalten oder auf dem Feld. Dass nichts weggeworfen wird, sei schließlich auch für das Selbstwertgefühl der Landwirte wichtig.

Hintergrundinfo zum Landesbund für Vogelschutz

Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) wurde 1909 gegründet und hat heute 300 Mitarbeiter und 110.000 Mitglieder. Der eingetragene Verein besitzt über 3.300 Hektar eigene Schutzgebiete, betreut verschiedene Artenschutzprogramme und betreibt elf staatlich anerkannte Umweltstationen.

Der LBV stellt haupt- und ehrenamtliche Betreuer in Wiesenbrütergebieten und berät die Bauern, wenn es um die Nutzung des VNP oder Kulap geht. Der Vorsitzende Norbert Schäffer betont beim Redaktionsbesuch des Wochenblatts, dass der LBV seine Positionen stets begründen und fachlich untermauern könne. „Bei uns lautet immer die Frage: Wie wirkt sich was auf die biologische Vielfalt aus.“ Dabei geht es dem LBV nicht nur um Vögel, aber sie sind ein wichtiger Indikator, der Schlüsse über den Zustand anderer Arten zulässt.