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Pflanzenschutz

Reaktionen auf den Pestizidatlas

Pflanzenschutzmittel
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 12.01.2022 - 14:39

Die Stellungnahmen fielen von harscher Kritik durch den Industrieverband Agrar bis hin zur Zustimmung durch Ökoanbauverbände aus.

Der von der Heinrich Böll Stiftung veröffentlichte Pestizidatlas erzielt ein unterschiedliches Echo. Je nach Interessengruppe gab es Zustimmung oder Ablehnung.

Hart ins Gericht mit der Studie ging der Industrieverband Agrar (IVA). Statt, wie versprochen, neue Daten und Fakten zur aktuellen Entwicklung zu präsentieren, würden die Autoren des Reports zurück in Kampagnen-Reflexe fallen und aus altbekannten Vorwürfen und teils fragwürdigen Zahlenspielen ein Zerrbild des Pflanzenschutzes in der Landwirtschaft konstruieren.

IVA spricht von unlauteren Mittel

Auf die Frage, wie man die Zielkonflikte von Ernährungssicherung und Ökologie lösen könne, finde man im Atlas keine Antworten, so der IVA. Außerdem versuche der Pestizidatlas alte Gräben wieder aufzureißen und er tue dies mit teils unlauteren Mitteln. So werde behauptet, 358 Millionen Menschen würden jährlich an Pestizidvergiftungen erkranken. Statistisch müsste damit weltweit etwa jeder 20. Mensch einmal im Jahr erkranken.

Wie kommt es zu dieser unglaublichen Zahl, wirft der Industrieverband als Frage auf und liefert dafür auch gleich eine Antwort: Basis dafür sei eine einzige Schätzung (1), die vom Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) selbst erstellt worden sei. Sie sei von keiner wissenschaftlichen Fachinstitution geprüft worden.

 

Die Publikation enthalte zahlreiche Unstimmigkeiten, Unsauberkeiten und methodische Mängel, lautet der Vorwurf des Industrieverbandes. So würden die Autoren erst gar nicht definieren, was sie unter einer Pestizidvergiftung verstünden, hielten bei der Datenermittlung Exposition und Vergiftung nicht sauber auseinander und würden damit die Gesamtzahl künstlich aufblähen.

Und der IVA legt nach: Wie wenig die angeblich 385 Millionen Vergiftungsfälle mit der Realität zu tun hätten, würden die Zahlen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) aus einer aktuellen deutschen Pilotstudie belegen: Gerade einmal 1,4 Prozent aller in der Studie ausgewerteten Vergiftungsmeldungen bezogen sich überhaupt auf Kontakte mit Pestiziden, davon wiederum nur 17,5 Prozent auf Pflanzenschutzmittel. Die meisten Verletzungen waren Augenkontakte mit Desinfektionsmitteln, die als Biozide zur Produktgruppe der Pestizide gerechnet werden. (2)

Auch an anderer Stelle sieht der IVA Mängel und zitiert dazu aus dem Report: „Seit Jahrzehnten liegt in Deutschland der Verkauf von Pestizidwirkstoffen weitgehend unverändert hoch bei circa 30.000 Tonnen“. Auch das stimme allenfalls zur Hälfte. In der Tat bewegte sich der gemeldete Absatz an Pflanzenschutzmitteln lange in einem Korridor von 30.000 bis 35.000 Tonnen jährlich. Seit 2017 (34.583 Tonnen) seien die Absatzmengen allerdings deutlich zurückgegangen auf zuletzt 27.813 Tonnen. Auch die zuletzt stark rückläufigen Umsätze der Industrie würden diesen Trend bestätigen.

Da es sich bei den Wirkstoffen um knapp 300 verschiedene Substanzen handelt, reiche es obendrein nicht aus, allein auf die Mengen zu schauen. Aussagekräftiger sei der EU-einheitlich erhobene Harmonisierte Risikoindikator 1 (HRI 1), der die Wirkstoffe nach ihrem Risikopotenzial gewichtet. Seit 2012 sei dieser Indikator in Deutschland um etwa ein Drittel zurückgegangen (3), was nach Ansicht des IVA dafürspricht, dass die Reduktionsprogramme in Deutschland bereits auf einem guten Weg seien.

Für Bioland liefert der Report wichtige Gründe, den Mitteleinsatz zu reduzieren

Für Bioland-Präsident Jan Plagge steht das Thema Pflanzenschutzmittelreduktion immer noch nicht richtig auf der politischen Tagesordnung: „Wir erwarten nun von der noch jungen Bundesregierung, dass sie das Thema so ernst nimmt, wie es tatsächlich ist und wirksame Maßnahmen ergreift, durch die sich der Einsatz von Pestiziden deutlich reduziert", sagt er anlässlich der Vorstellung des Berichts.

Immer wieder würden chemisch-synthetische Pestizide auch auf biologischen Anbauflächen landen – sei es durch Abdrift von benachbarten Flächen, auf denen sie ausgebracht werden oder durch Ferntransport, zum Teil über viele Kilometer. Dieses sogenannte Abdriftproblem sei für Bio-Landwirte ein großes Risiko, denn sie könnten durch die fremdverursachten Kontaminationen ihre Rohstoffe nicht mehr als Bio-Ware verkaufen. Für Gerald Wehde, Geschäftsleiter Agrarpolitik und Kommunikation bei Bioland, ist dies absolut inakzeptabel, da hier das Verursacherprinzip umgekehrt werde und die Betriebe, die auf chemisch-synthetische Pestizide bewusst verzichteten, die Folgekosten des Pestizideinsatzes anderer oft alleine tragen müssten.

Für Olaf Bandt, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, bedroht der Einsatz der Pflanzenschutzmittel die Artenvielfalt weltweit. Ein weiterer Verlust könne nur gestoppt werden, wenn der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln deutlich reduziert werde.

Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Agrar- und Umweltausschuss des Europäischen Parlaments, leitet aus dem Bericht ab, dass die EU rasch und konsequent ihr Ziel umsetzen müsse, den Pestizideinsatz um 50 Prozent zu reduzieren.

Umgang nicht weltweit gleich

Der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, Bernhard Krüsken, verweist darauf, dass Pflanzenschutz kein Selbstzweck sei. Auch dieser Atlas erkenne an, dass Pflanzen vor Krankheiten und Schädlingen effektiv geschützt werden müssten, um die Versorgung mit Nahrungsmitteln sicherzustellen - und zwar im klassischen und im ökologischen Anbau.

Der Atlas zeige vor allem, dass in vielen Teilen der Welt sehr viel weniger sorgfältig mit Pflanzenschutzmitteln umgegangen werde als in Deutschland. Die deutschen Bauern hätten ihren Pflanzenschutzmitteleinsatz seit den 90er Jahren halbiert und würden weiter an einer Reduzierung der Mengen arbeiten. Um die Ziele zu erreichen, sei jedoch eine ideologiefreie und technikoffene Diskussion über neue Wege im Pflanzenschutz notwendig.

Weiterführende Hinweise:

(1) The global distribution of acute unintentional pesticide poisoning: estimations based on a systematic review | BMC Public Health | Full Text (biomedcentral.com)

(2) Vergiftungsmonitoring von Pestiziden in Deutschland: Antworten auf häufig gestellte Fragen - BfR (bund.de)

(3) https://www.bvl.bund.de/DE/Arbeitsbereiche/04_Pflanzenschutzmittel/01_Aufga-ben/02_ZulassungPSM/05_HarmonisierteRisikoindikatoren/psm_HRI_node.html

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