Rapsanbau

Rapsanbau: Geisterfahrt von Umweltministerin Schulze

Raps
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 11.11.2020 - 15:23

Gefährdet Rapsanbau das Klima und den Regenwald? Fördert er Monokulturen und den Hunger? Ein Kabinettsstück aus dem Bundesumweltministerium.

Was war das vor Kurzem für ein abstruses Sammelsurium das Svenja Schulze in ihrer Stellungnahme zum Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) abgab. Die üblichen Reizwörter wie Regenwaldrodung, Monokultur, Klimaschutz und Treibhausgase durften natürlich nicht fehlen und sollten ihrem Statement wohl Schwergewicht verleihen. Ob sie im benutzten Zusammenhang Sinn ergeben, schien völlig bedeutungslos.

Zum Verständnis eine Originalpassage daraus: „Würde man noch mehr Biosprit aus Raps oder Palmöl ins Benzin mischen, wäre das ein dreifacher Schaden: für die Ernährung, der dann wertvolle Ackerflächen verloren gehen; für die Natur, die durch Regenwaldrodung und Monokulturen zerstört wird; und sogar für das Klima, denn herkömmlicher Biosprit stößt in der Summe oft deutlich mehr Treibhausgase aus als fossiles Benzin und Diesel.“

Die Beimischung haben Umweltpolitiker selbst aus der Taufe gehoben

Schulze Svenja-Umweltministerin

Am ehesten ist noch der Standpunkt zur Flächenkonkurrenz von Energiepflanzen und Nahrungsmittelerzeugung nachzuvollziehen. Sie ist altbekannt und es gibt auch von wissenschaftlicher Seite Kritik daran. Das Makabre an der gegenwärtigen Situation ist aber, dass die Umweltpolitiker die Beimischung mit dem Biokraftstoffquotengesetz im Oktober 2006 selbst auf die Spur gebracht haben.

Damals war mit Sigmar Gabriel ein Parteikollege von Schulze im Umweltministerium am Ruder. Das Gesetz führte erstmals zum 1. Januar 2007 eine Mindestverwendung von Biokraftstoff ein. Steigende Beimischungsmengen an treibhausgasarmen Kraftstoffen sollte zur Defossilisierung der Bestandsflotten beitragen. Darüber gehen nun einige Umweltpolitiker sang- und klanglos hinweg. Was sie gestern noch als Rettung anpriesen, wird heute als Gefahr verdammt.

Stillgelegte Flächen gehen für die Nahrungsproduktion verloren

Agrargüter

Zurück bleibt mit der ölsaatenverarbeitenden Industrie ein konsternierter Wirtschaftszweig, für den harte Zeiten anbrechen und das, obwohl sich an den CO2-Bilanzen nichts geändert hat. Die Branche kann jederzeit vorrechnen, welche respektablen Einsparungen an Treibhausgasen sich ergeben.

Über die Hintergründe ihre Neuausrichtung schweigt sich die Politik weitgehend aus. Der Versuch die Teller-oder-Tank-Diskussion wieder aufzuwärmen, dürfte wohl dazu dienen, die Aufmerksamkeit auf einen anderen Schauplatz zu lenken.

Mit hineinspielen dürfte aber die aktuelle Agrarreform. Sie sieht vor, Flächen aus der Produktion zu nehmen und den Anbau zu extensivieren. Damit werden Flächen zur Nahrungsmittelproduktion immer knapper und die durch europäische Bauern erzeugte Nahrungsmittelmenge sinkt. Der Kampf um die kanppen Ressourcen steigt. Weniger Fläche für Energiepflanzen könnte ein Bauernopfer für das Mehr an Ökoflächen sein.

Raps ist eine ausgezeichnete Alternative zum Soja

Regenwald-Braende

Und dann kommt noch der ganz dicke Hammer. Wer behauptet, der Anbau von heimischem Raps würde den Regenwald gefährden, hat die Zusammenhänge nicht verstanden. Denn genau das Gegenteil trfft zu. Wer sein eigenes Eiweißfuttermittel produziert, muss es nicht importieren. Fehlt der EU eine eigene beutsame pflanzliche Eiweißquelle, wird sie immer große Mengen aus anderen Kontinenten beziehen müssen, mit allen schädlichen Folgen für Klima und Artenvielfalt.

Hauptanbaugebiet von Raps ist Europa, Kanada und China. Den Regenwald und die angrenzende Cerrado-Savanne bedrohen der Sojaanbau und die Weidewirtschaft. Mehr Raps und weniger Soja bedeutet, mehr Schutz für den Regenwald und weniger Umwelt- und Klimaschäden.

Raps als Eiweißfutter: 1 Million ha Regenwald bleiben verschont

Verkehr

Raps und Soja zählen aufgrund ihrer Inhaltsstoffe zur gleichen Nutzpflanzenkategorie, den Ölsaaten. 100 g Soja liefern 18 g Fett und 33 g Eiweiß, 100 g Raps 44 g Fett und 23 g Eiweiß. Das Besondere an beiden Pflanzen ist, dass die Eiweißqualität sehr hoch ist und damit den Einsatz von Eiweiß tierischen Ursprungs erübrigen kann. Nach Entzug des Öls durch Pressen oder chemische Extraktion findet der Rückstand deshalb als Tierfutter Verwendung. Zu den Vorzügen von Raps zählt, dass die dominierenden Sorten nicht gentechnisch verändert sind, ganz im Gegenteil zur Sojabohne. Das ist eine wichtige Eigenschaft, wenn es darum geht, die Fütterung gentechnikfrei zu halten.

Ein Hektar Raps liefert in etwa die Eiweißmenge von 0,84 ha Soja.

Raps: 35 dt/ha x 23 kg Eiweiß/dt = 805 kg Eiweiß/ha
Soja: 29 dt/ha x 33 kg Eiweiß/dt = 957 kg Eiweiß/ha

Betrachtet man den Aspekt, dass Deutschland über den Rapsanbau eigenes Eiweißfuttermittel produziert, lässt sich folgenden Rechnung aufstellen: Bei einer Anbaufläche von 1.228.000 ha im Jahr 2018 hat Raps in Eiweißäquivalenten gerechnet die Landnahme von 1.032.000 ha durch den Sojaanbau in Gebieten mit hoher Sensibilität für Klima und Biodiversität vermieden, also über 1 Mio. ha Regenwald vor der Rodung bewahrt.

Ölgehalt des Raps: 1 ha Raps erspart 3 ha Soja

Raps

Aufgrund des hohen Fettgehalts des Raps ergibt sich beim Vergleich der Ölfraktion sogar noch ein deutlich höheres Flächeneinsparpotenzial an Soja als beim Eiweiß.  Ein ha Raps produziert annähernd die dreifache Fettmenge.

Raps: 35 dt/ha x 44 kg/ha = 1540 kg/ha
Soja: 29 dt/ha x 18 kg/ha = 522 kg/ha

1 Mio. ha Raps entsprechen also einem Fettäquivalent von 3 Mio. ha Soja. Das sind schon Größenordnungen, über die Deutschland den Druck auf den Regenwald durch den Anbau von einheimischen Raps reduzieren kann.

Nutzung erfolgt zum Großteil als Nahrungsmittel

Was man mit dem gewonnen Öl macht, richtet sich zunächst nach dem marktwirtschaftlichen Prinzip von Angebot und Nachfrage. Es eignet sich auf jeden hervorragend für die menschlichen Ernährung und wird zum Großteil dafür eingesetzt. Wenn eine energetische Verwertung sich als wirtschaftlicher erweisen sollte, stellt sich eine ethische Frage: Wie kann es sein, dass Lebensmittel billiger zu haben sind als Treibstoff für Autos?

Rapsöl dem Benzin beimischen, lieber nicht

Biene

Die Warnung davor, Rapsöl dem Benzin beizumischen, die die Umweltministerin in ihrem Statement ausspricht, kann man fürs Erste gelten lassen. Vermutlich würde es aber nicht nur einen dreifachen Schaden, sondern einen Serienschaden geben. Die hochgezüchteten Benzinmotoren dürften reihenweise den Betrieb quittieren. Die Pannenstatistik des ADAC würde ein rekordverdächtiges Allzeithoch erfahren. Im Klartext: Rapsöl, beziehungsweise dessen Derivat Methylester, wird dem Diesel beigemischt. Benzin bekommt Ethanol als Beigabe. Es wird aus stärke- oder zuckerhaltigen Pflanzen wie Mais, Getreide, Zuckerrüben oder Zuckerrohr gewonnen.

Diese kleine Unterscheidung ist nicht nur für die Motoren wichtig, sondern auch hinsichtlich der Vielfalt an möglichen Energiepflanzen. Mit dem Begriff Monokultur, also dass nur eine einzige Pflanzenart zum Einsatz kommt, sollte man deshalb in diesem Zusammenhang vorsichtig umgehen.

Der Raps selbst ist eine Bereicherung für jede Fruchtfolge. Als Kreuzblütler erweitert er das meist von Getreide dominierte Pflanzenspektrum. Sein tiefdringendes und fein verästeltes Wurzelwerk sorgt für eine hervorragende Bodenstruktur und seine ganzjährige Bedeckung verhindert Erosion. Seine leuchtend gelb blühenden Fruchtstände sind eine hervorragende Bienentracht und sein Vorfruchtwert phänomenal. Die ihm folgende Kultur profitiert immens. Sie kann einen Mehrertrag erzielen allein aufgrund der guten bodenphysikalischen Wirkung des Rapses. Für eine zukunftsorientierte und umweltorientierte Ackerbaustrategie ist das immens wichtig.

Rapsanbau geht zurück

Rapsanbau

2013 nahm die Rapsanbaufläche noch 1,466 Mio. ha ein, 2019 waren es noch 857.000 ha. Eine verantwortungsvolle Umweltpolitik, die über den europäischen Tellerrand hinausschaut, sollte dem entgegensteuern, und auf eine nachhaltige eigene Eiweißstrategie setzen. Was aber macht Svenja Schulze? Ihre Statements dürften wenig förderlich für eine eigenständige europäische Eiweißstrategie sein.

Sollte in Zukunft heimischer Anbau von Sojabohnen hinzukommen, wäre das zu begrüßen. Ebenso wenn klassische Eiweißpflanzen, wie die weiße Lupine, Ackerbohnen und Erbsen wieder verstärkt auf den Feldern anzutreffen wären. Europa braucht eine solide eigene Eiweißpflanzenbasis, um es nicht mehr aus Regionen holen zu müssen, in denen dafür Urwälder gerodet werden.

Den Regenwald durch eigene Erzeugung schützen

Statsktik

Wer den Regenwald schonen und die Landnahme von Agrarflächen in fremden Nationen verhindern will, erzeugt am besten seinen Bedarf vor der eigenen Haustür. Das geht auch aus jüngst veröffentlichten wissenschaftlichen Studien und Kommentaren hervor, wie etwa Bending the curve of biodiversity loss  oder Europe’s Green Deal offshores environmental damage to other nations.

Die Farm-to-Fork-Strategie zeigt sehr ambitionierte Ziele, wie sie Europa grüner machen will. Nun ist Europa aber heute bereits der zweitgrößte Importeur an Agrargütern und Brasilien der größte Nettoexporteur. Und gerade dieses südamerikanische Land mit dem hohen Anteil an Regenwaldfläche ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Brennpunkt für Klimawandel und Artenverlust.

Eine Antwort darauf, wie sie verhindern will, dass die in der EU zurückgehende Produktion an Standorte mit besonders sensiblen Klima- und Umweltaspekten verlagert wird, wie etwas Südamerika, bleibt Farm-to-Fork schuldig. Damit fehlt  ein wichtiger Baustein für eine weltweite Klimastrategie. Das bemängelt auch der oben aufgeführte Kommentar von Wissenschaftler des Karlsruher Instituts für Technololgie (KIT).

Nun sind Politiker nicht immer vom Fach. Dafür haben sie aber einen Stab von Experten, der sie in Fachfragen berät. Wer immer die von der Ministerin geäußerten Botschaften ihr eingeflüstert hat, er meint es nicht gut mit ihr und dem Klima.