Schweinemarkt

Preiskrise: Kaniber und Aiwanger setzen auf den Handel und EU

Josef Koch
Josef Koch
am Montag, 20.09.2021 - 12:34

Die bayerische Agrarministerin findet die angekündigten LEH-Maßnahmen für gut. Sie wirbt für Bayerns Qualitätsprogramme. Wirtschaftsminister Aiwanger warnt vor Schweinsbraten aus China oder den USA.

Kaniber Michaela-Interview

Angesichts der derzeit angespannten Lage auf dem Markt für Schweinefleisch hat Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) zur Solidarität mit den Schweinehaltern aufgerufen. Der Einzelhandel müsse seiner Verantwortung als verlässlicher Partner der heimischen Landwirtschaft gerecht werden. Die Ministerin begrüßte ausdrücklich die vom LEH bisher ergriffenen Maßnahmen, mit denen dieser die heimischen Erzeuger unterstützt.

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) bedauert indes, dass am vergangenen Freitag beim bayerischen Krisengipfel in Pfaffenhoffen außer Rewe kein Vertreter des Lebensmitteleinzelhandels teilgenommen habe.

Die große Erwartung der Gesellschaft an den Umbau der Nutztierhaltung hin zu mehr Tierwohl gepaart mit einer schwindenden Akzeptanz der Verbraucher führten die Bauernfamilien an die Grenzen der Belastbarkeit. Denn die Situation werde zusätzlich verschärft durch steigende rechtliche Anforderungen, die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Markt und die Angst vor einem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest.

Wie die Ministerin bereits in Wochenblatt-Interview ankündigte, bereitet der Freistaat ein bayerisches Tierwohlprogramm vor, um die Landwirte, die ihre Tiere besonders tierwohlgerecht halten, finanziell zu entlasten.

Kaniber setzt auf Qualitätsprogramme

Einen zukunftsweisenden Ansatz, höhere Qualität verlässlich gegenüber Verbrauchern zu kommunizieren, stellen laut Kaniber staatliche Qualitätsprogramme im Schweinefleischbereich dar. Mit den EU-anerkannten Qualitätsprogrammen „Geprüfte Qualität“ und „Bayerisches Bio-Siegel“ sowie den EU-geschützten regionalen Spezialitäten habe der Freistaat in den letzten Jahren bereits eine breite Basis für gut nachvollziehbare und authentische Regionalität geschaffen. Der Handel erhalte damit die Möglichkeit, regionale Produkte glaubwürdig zu kennzeichnen und Zusatzanforderungen den Bauern entsprechend zu honorieren. „Wir brauchen Modelle, die sicherstellen, dass faire Marktpreise über die Verarbeitungsunternehmen auch beim Erzeuger ankommen“, so Kaniber.

Entsprechende Lösungsansätze zu identifizieren, sei auch ein wichtiges Ziel der erneut anstehenden Gespräche, die Kaniber gemeinsam mit ihrem baden-württembergischen Kollegen Peter Hauk demnächst führen wird. Die „Südschiene“ will zusammen mit Erzeugern, Fleischwirtschaft und Handel die heimische Produktion von qualitativ hochwertigem Schweinefleisch aus Bayern und Baden-Württemberg nachhaltig sichern. „Der Einzelhandel ist sich bewusst, dass er ein wichtiger Teil der Lösung ist – gemeinsam müssen die klaren Bekenntnisse zur heimischen Landwirtschaft nun aber auch konkret an der Ladentheke umgesetzt werden“, so die Ministerin abschließend.

Enger Austausch mit Klöckner

Mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner steht die bayerische Agrarministerin nach Ministeriumsangaben in permanentem Austausch. Ausdrücklich unterstützt Kaniber Klöckners jüngste Initiative Richtung EU, um schweinehaltenden Betrieben aus der schwierigen Lage zu helfen. Die Bundesministerin hat der EU-Kommission vorgeschlagen, den Höchstbetrag für die sogenannten De-minimis-Beihilfen von derzeit 20.000 Euro pro Betrieb für drei Steuerjahre deutlich anzuheben.

Um gemeinsam Zukunftsperspektiven für die bayerischen Nutztierhalter zu entwickeln, stehen das Landwirtschaftsministerium und der LEH bereits seit Längerem in engem Austausch. Wenn sich der Einzelhandel jetzt dazu bekenne, in absehbarer Zeit mehr Frischfleisch aus den Haltungsstufen drei und vier zu vermarkten, sei das grundsätzlich zu begrüßen, so Kaniber. Es dürfe aber nicht sein, dass hier einseitig und vorschnell Fakten geschaffen werden. Weder dürfen höhere Kosten einfach auf die Landwirte umgewälzt noch dürfen Betriebe ins Abseits gestellt werden. "Handel und Verbraucher müssen Mehrleistungen unserer Bäuerinnen und Bauern auch finanziell honorieren“, verlangt Michaela Kaniber weiter.

Aiwanger warnt vor Schweinebraten auch China oder USA

Aiwanger-Hubert-Freie Wähler

Aiwanger warnt davor, dass es am Ende teuer für werde, wenn heute kurzfristig nur auf billig geschaut werde. "Wir müssen regionale Wertschöpfungsketten bei Lebensmitteln erhalten. Im Sinne unserer Verbraucher, unserer Bauernhöfe, der daran hängenden Arbeitsplätze, kurzer Wege für Klima- und Tierschutz, für Gastronomie und Feste", so der Wirtschaftsminister. 

Es wäre fatal, wenn es bereits in wenigen Jahren keinen Schweinebraten und keine Bratwürstchen mehr aus bayerischer Produktion gäbe, sondern aus China, Brasilien und den USA, über Großschlächtereien und Wurstfabriken außerhalb bayerischer Kontrollmöglichkeiten. "Genau auf diesem Weg sind wir momentan. Heimische Qualität mit hohen Umwelt- und Tierschutzauflagen ist mit Dumpingpreisen nicht zu machen", warnt er. Wie die Agrarministerin appelliert er an den Lebensmitteleinzelhandel, die heimische Versorgungsbasis durch auskömmliche Preise abzusichern. Die derzeitigen 1,25 Euro je Kilogramm Schweinefleisch seien ruinös.