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Preiskrise: Für Bauern ist Lidlangebot nur ein Trostpflaster

Josef Koch
Josef Koch
am Freitag, 04.12.2020 - 14:00

50 Mio. Euro will Lidl der Initiative Tierwohl mehr überweisen. Das reiche nicht, so Bauernverband und LsV Bayern.

Bauerndemonstration-Lidl

Die Bauernproteste dieser Woche zeigen erste Erfolge. Lidl will mehr Geld rausrücken. Ein neuer Krisengipfel ist im Gespräch.

Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, sieht das vorgelegte Angebot des Lebensmitteleinzelhändlers Lidl äußerst kritisch. „Das ist zwar eine nette Geste und ein Zeichen der Wertschätzung für die Initiative Tierwohl". Lidl hatte angekündigt, im kommenden Jahr 50 Mio. € zusätzlich an die Initiative Tierwohl (ITW) zu überweisen. Das Geld solle vor allem Schweinehaltern zu Gute kommen, die in Tierwohlmaßnahmen investieren.

Dennoch schränkt der Bauernpräsident ein, dass Deutschlands Bauern wegen des andauernden Preiskampfs diesen Betrag fast wöchentlich verlieren. "So ein Trostpflaster reicht bei Weitem nicht aus, um die grundsätzlichen Probleme zwischen Landwirtschaft und dem gesamten Lebensmitteleinzelhandel zu lösen. Wir brauchen eine grundlegende Veränderung in der Zusammenarbeit", fordert Rukwied.

Die ITW prüft nun gemeinsam mit der Schwarz-Gruppe, den weiteren ITW-Partnern und den Gesellschaftern, ob und wie dem Vorschlag entsprochen werden können.

    Heidl: Lidl kann sich nicht freikaufen

    BBV.Präsident Walter Heidl bringt das Lidl-Angebot auf den Punkt: "Lidl und Kaufland können sich nicht einfach mit einer solchen Einzelaktion freikaufen. Denn die Marktmacht und der Preisdruck durch den Lebensmitteleinzelhandel und die Billigangebote im Supermarkt verschwinden dadurch ja nicht einfach. Das kann nur der Auftakt zu einem dauerhaft deutlich verantwortungsbewussteren und faireren Umgang mit den Erzeugern sein!"

    Auch LsV Bayern relativiert den Betrag

    Die Aufstockung des Etats für die ITW begrüßt der Verein "Landwirtschaft verbindet Bayern". Es sei aber nur ein Ausgleich für zusätzlichen Aufwand. "Das Grundproblem von zu niedrigen Erzeugerpreisen wird damit in keinster Weise angegangen", so LsV-Sprecher Andreas Bertele. Feste Zuschläge auf einen nicht definierten Grundpreis bringen nach LsV Erfahrung auf Dauer kein zusätzliches Geld auf die Höfe, das musste die Landwirtschaft in der Vergangenheit immer wieder feststellen.

    Alleine der Umbau der kompletten Haltung, wie es zum Teil auch die Bevölkerung, fordert kostet mehrere Milliarden! Der erhöhte Anspruch an Tierwohl kostet viel Geld, vor allem während der gesamten Aufzuchtszeit. Ebenso verteuere das vom Verbraucher geforderte Insektenschutzpaket und die neue Düngeverordnung die Nahrungsmittelerzeugung.

    Deswegen werden laut LsV Bayern faire Preise benötigt, die die wahren Kosten der Landwirte auch im jeweiligen Produkt widerspiegeln.

    LsV Deutschland positioniert sich klar gegen die Verteilung über die ITW, da das Lidl-Angebot nur an schweinehaltende Betriebe gebunden sei. Stattdessen verlangt die Interessensorganisation eine "klare Änderung in der jetzigen Handelspolitik", damit alle Branchen davon profitieren, vom Milchviehhalter bis zum Obstanbauer.

    Bauern blockieren Edeka-Zentrallager

    Edeka-Zentrallager-Eching

    In Bayern haben Landwirte nach Berichten von BR24 in der Nacht zum 4.Dezember das Zentrallager von Edeka Nordbayern, genauso wie das Edeka-Zentrallager in Straubing blockiert. An der Aktion waren jeweils rund 100 Landwirte mit ihren Traktoren beteiligt.

    In Unterfranken sollen sich laut den beteiligten Bauern die anfahrenden Lkw bis zur Autobahn A70 zurückgestaut haben. Die protestierenden Landwirte vor dem Edeka-Lager in Gochsheim seien aus den Landkreisen Schweinfurt, Haßberge und Kitzingen gekommen.

    Nach LsV-Angaben waren auch das Edeka-Lager in Eching (Oberbayern) sowie die dortigen Läger von Rewe und Penny von einer Blockade betroffen.

    Wie sich die Zusammenarbeit ändern muss

    Dazu gehören aus Sicht des Deutschen Bauernverbandes folgende Punkte:

    • Klare Selbstverpflichtung des Handels zum Ausstieg aus der „Dauerniedrigpreiskultur“
    • Das Kartellrecht darf nicht länger Landwirte und ihre Vermarkter daran hindern, Gegengewichte zum Handel zu bilden
    • Förderung der heimischen Landwirtschaft in der Einkaufspolitik
    • Transparenz durch eine flächendeckende Herkunftskennzeichnung
    • Angemessene Bezahlung für höhere Qualitätsstandards
    • Aufbau langfristiger und verlässlicher Lieferbeziehungen
    • Anwendung der UTP-Regel für alle erzeugergetragenen Vermarktungsunternehmen

    Lidl fordert Krisengipfel

    Lidl-Markt-Discounter

    Aufgrund der zahlreichen Proteste in Norddeutschland vor Lidl-Zentrallägern fordert das Handelsunternehmen, einen Dringlichkeitsgipfels einzuberufen, um konkrete Maßnahmen zur Unterstützung der deutschen Landwirtschaft auf den Weg zu bringen.

    In einem Schreiben an Branchen- und Verbandsvertreter des Handels und der Landwirtschaft sowie an Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner schlägt der Chef der Schwarz Gruppe, Klaus Gehrig, vor, pragmatische und unbürokratische Lösungen zu verfolgen. Gehrig macht deutlich, dass nur ein gemeinsames Vorgehen von Produktion, Verarbeitung, Handel und Politik zum Erfolg führen kann.

    Lidl: Proteste müsssen Ausnahmen bleiben

    Während die Corona-bedingte Lage an den Weltmärkten zu aktuellen Verwerfungen in der heimischen Landwirtschaft führt, erklärte Gehrig, dass sein Unternehmen die grundsätzlichen Gesetzesinitiativen gegen unfaire Handelspraktiken mitträgt: „Das allermeiste, was dort gesetzlich geregelt werden soll, ist bei uns schon tägliche Praxis. Wir sehen uns als Partner der heimischen Landwirtschaft. Nahezu 100 Prozent unserer Frischmilch und unseres Frischfleisches werden in Deutschland produziert und verarbeitet. Darüber hinaus erschließen wir für deutsche Landwirte ausländische Märkte. Das geht nur unter fairen Bedingungen.“

    Während Gehrig Verständnis für die Proteste der Landwirte zeigt, macht er gleichzeitig deutlich, dass Blockaden von Lagern und Aktionen vor Filialen die Ausnahme sein müssten: „Wir haben eine Verantwortung den Verbrauchern gegenüber. Lange Blockaden erhöhen das Risiko, nicht ausgelieferte Lebensmittel vernichten zu müssen. Daran kann niemandem gelegen sein.“

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