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Bauernprotest

Preiskrise: Agrarökonom beurteilt Forderungen der Landwirte

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Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 16.12.2020 - 15:29

Wissenschaftler der Universität Göttingen haben die Verhandlungen zwischen Bauern und LEH einem Check aus Ökonomensicht unterzogen.

Einige wichtige Punkte – aber leider zu einfach gedacht, so stufen Prof. Dr. Achim Spiller und Dr. Gesa Busch von der Abteilung Agrar- und Lebensmittelmarketing der Universität Göttingen die Bauernproteste gegen den Handel ein. Sie hätten den Lebensmittelhandel zwar zu einigen Preiserhöhungen und Zahlungsversprechen an die Landwirtschaft veranlasst, langfristig dürften die Forderungen in der vorgeschlagenen Form aber nach Einschätzung der Agrarökonomen nicht funktionieren. Hinter einigen Forderungen würden sinnvolle Ausgangsideen stecken, andere seien allerdings nicht zielführend.

    Stellungnahme der Agrarökonomen

    Zu den sechs Forderungen der Bauern haben die Wissenschaftler ihre Überlegungen abgegeben. Hier die Zusammenfassung:

    1. Ombudsstelle: Ombudsstellen zwischen Marktteilnehmern mit stark unterschiedlicher Marktmacht hätten in der Vergangenheit nur wenig Wirkung gezeigt. Das legen Erfahrungen mit Clearingstellen zwischen Industrie und Handel nahe. Sie finden meist erst Anwendung, wenn die Geschäftsbeziehung ohnehin am Ende ist.
    2. Herkunftskennzeichnung: Für eine transparente und verständliche Herkunftskennzeichnung, auch bei verarbeiteten Produkten spricht vieles. Bisher hätteb sich aber gerade die landwirtschaftlichen Interessenverbände mit einer transparenten Kennzeichnung im Hinblick auf den Umwelt-, Klima-, und Tierschutz sehr schwergetan. Eine „halbe Transparenz“ werde man politisch kaum durchsetzen können, sie wäre auch nicht glaubwürdig.
    3. Auslistung von Erzeugnissen mit Standards unterhalb des deutschen Niveaus: Richtig aber schwierig durchzusetzen. Staatliche Stellen können wegen EU- bzw. WTO-Recht keine Vorgaben machen. Einzelhändler können höhere Standards hingegen leichter durchsetzen, wie das klassische Beispiel der Auslistung von Käfigeiern gezeigt habe. Allerdings funktioniere eine solche Selbstverpflichtung des Handels nur, wenn alle großen Händler mitmachen.
    4. Kennzeichnung des Erzeugeranteils am Endverbraucherpreis: Dürfte daran scheitern, dass der Handel seine Einkaufspreise nicht bekannt geben wird.
    5. „Werbekostenzuschuss“ in einen Marketing-Fonds: Für PR-Kampagnen spricht, dass Kommunikation wirkt, wie eine US-Studie zur Gentechnik gerade wieder gezeigt hat. Gegen eine gemeinsame Kommunikation spricht, dass die Landwirtschaft heute zunehmend bunter wird, also die Interessen nicht homogen sind.
    6. Erzeugerpreise anheben: Dies verkennt nach Einschätzung der Agrarökonomen die Gesetze von Angebot und Nachfrage sowie die Heterogenität in den Produktionskosten der Landwirt*innen. Ein Preisniveau, das selbst schwächeren Betrieben ein einkömmliches Auskommen beschert, würde für die guten Betriebe einen hohen Produktionsanreiz bedeuten, der zu Überproduktion führe.

    Langfristig tragende Konzepte entwickeln

    Die Proteste haben erstaunlich starken Eindruck auf den Handel gemacht und kurzfristige Erfolge gebracht, so das Urteil der Agrarökonomen. Vergleichbare Landwirteproteste wie jetzt habe es aber 2008 schon einmal gegeben, als Milchproduzenten gegen ihre Molkereien „streikten“. Auch damals wurden ähnliche Forderungen erhoben. Es gab kurzfristige Zugeständnisse von Herstellern und Handel, u. a. wurde eine faire Milch eingeführt. Langfristig verändert habe sich aber nichts. Solange sich die Landwirte mit ihren Produkten (Fleisch, Milch, Getreide) auf Märkten für Standardprodukte (Commodities) bewegen, hängen sie an Angebots- und Nachfrageverhältnissen auf internationalen Märkten. Sie sind austauschbare Produzenten für Handelsmarken, also für Marktsegmente, bei denen kaum Preisspielräume bestehen.

    Die Wissenschaftler setzen deshalb auf Entwicklungen mit neuen Optionen und größeren Handlungsspielräumen: Online-Vermarktung, Regionalregale im Lebensmittelhandel, langfristige Verträge mit Preisabsicherung für Bio- und Tierschutzprodukte. Auf solchen marketinggetriebenen Märkten könnten sich Landwirt*innen vom Standardmarkt abkoppeln und Besonderheiten ihrer Produkte hervorheben – die dann auch entlohnt würden. Das dauere, sei aber langfristig erfolgversprechend.

    Daneben sollte die Politik an innovativen Regelungen zur Vermeidung von Qualitätsdumping im internationalen Wettbewerb arbeiten (z. B. Border Adjustments, Pflichtkennzeichnungen, Importverbote, Lieferkettengesetz). Der Einzelhandel kann Qualitätsproduzenten durch Selbstverpflichtungen unterstützen. Dafür sollten von der Politik erweiterte kartellrechtliche Möglichkeiten eröffnet werden.

    Die Originalfassung finden Sie hier.