Kontroverse

Naturschützer fordern Nebeneinander von Wolf und Weidetieren

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Philipp Seitz
Philipp Seitz
am Freitag, 01.10.2021 - 13:40

Der Bund Naturschutz spricht sich für ein Nebeneinander von Wolf und Weidetierhaltung aus. Guter Herdenschutz sei gefragt.

München - Der BUND Naturschutz in Bayern macht sich für ein Nebeneinander von Wolf und Weidetierhaltung stark. Das teilte der BN am Freitag, 1. Oktober, bei einer Pressekonferenz mit. Anlass ist die BBV-Großkundgebung „Ausgebimmelt“, die am Samstag, 2. Oktober, in München stattfindet. In Bayern seien die Möglichkeiten des Herdenschutzes „nicht annähernd“ umgesetzt, heißt es dazu vom BN. Beate Rutkowski, zweite Vorsitzende des BN, sagte: „Die schwierige Situation der Weidetierhaltung besteht schon seit vielen Jahren auch ganz ohne die Anwesenheit des Wolfes.“ Zudem seien nach Ansicht von Rutkowski freilaufende und wildernde Hunde wie beim jüngsten Fall in Schleching im Landkreis Traunstein aktuell ein noch größeres Risiko für Weidetiere als der Wolf.

Die geforderte Herabsetzung des Schutzstatus des Wolfes und daraufhin mögliche Bejagung würde das Problem nicht lösen, betonten die Verantwortlichen des BN. Selbst wenn jährlich ein Teil des Bestandes getötet würde, stellten die verbliebenen Wölfe eine Gefahr für ungeschützte Weidetiere dar. Werde ein Wolf geschossen, komme ein anderer nach und nehme dessen Platz ein. An Herdenschutzmaßnahmen in Form von wolfsabweisenden Zäunen, Herdenschutzhunde und/oder Behirtung führe deshalb kein Weg vorbei, sagt René Gomringer, früherer Geschäftsführer des Landesverbands bayerischer Schafhalter.

Maximale Unterstützung gefordert

Viele Weidetierhalter würden mit dem Rücken an der Wand stehen und bräuchten beim Herdenschutz maximale Unterstützung. Der BN und Bioland fordern von der Bayerischen Staatsregierung die aktuell nur in Wolfsgebieten mögliche Förderung der investiven Kosten des Herdenschutzes Weidetierhalter in ganz Bayern zugänglich zu machen und rasch eine Förderung für die laufenden Kosten des Herdenschutzes (Zaunpflege, Hundehaltung) auf den Weg zu bringen.

Unter dem Motto „Ausgebimmelt? Gemeinsam für den Schutz der Weidetiere“ lädt der Bayerische Bauernverband zur Großveranstaltung in München ein. Unterstützer sind Partnerverbände und Organisationen aus ganz Deutschland sowie den angrenzenden alpinen Nachbarländern. Die bereits hohe Zahl von Nutztierrissen stelle die von der Gesellschaft gewünschte Weidetierhaltung in Frage, heißt es vom Bayerischen Bauernverband. Das habe weitreichende Folgen, denn mit dem Verlust der Weidetierhaltung verändere sich auch das Landschaftsbild. Fehlen die Weidetiere, schreibt der BBV, werden Wiesen, Almen und Alpen zunehmend von Büschen und Bäumen überwuchert. Nicht nur die Artenvielfalt auf den Flächen gehe zurück, auch die für den Tourismus so attraktiven Landschaftsbilder werden sich verändern.

Was den Wert der Weidetierhaltung angeht, ähneln sich die Sichtweisen von BBV und BN. Marion Ruppaner, Agrarreferentin des BN, betont: „Weidehaltung ist nicht nur für die Landschaftspflege wichtig, sondern bietet auch aus Tierschutz- und Umweltsicht vielfältige Vorteile. Die Beweidung fördert das Wachstum der Gräser, führt zu einem starken Wurzelwachstum, Humusanreicherung und damit einer klimarelevanten Kohlenstofffestlegung sowie einer besseren Wasserspeicherfähigkeit der Böden. Deswegen muss die Existenzsicherung von Weidehaltern besonders gefördert werden.“ 

BBV-Umweltpräsident Stefan Köhler wirbt im Video für eine Teilnahme an der Kundgebung in München:

Doch beim Wolf gehen die Meinungen auseinander: Der BUND Naturschutz teilte mit, dass die Anzahl der Weidetiere und der Anteil der beweideten Fläche seit vielen Jahren zurückgehe - und das ganz ohne Anwesenheit der Wölfe. Besonders drastisch sei der Rückgang bei den schafhaltenden Betrieben. 

Für das Jahr 2020 wurden deutschlandweit 942 Wolfsübergriffe auf Nutztiere an die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) berichtet. Bauernpräsident Walter Heidl betont in diesem Zusammenhang: „Das stellt gerade Weidetierhalter, Schäfer und Bergbauern vor immense Probleme. Wenn das so weitergeht, haben wir bald nur noch Wolfsreviere statt Weidetiere. Das Bimmeln von Kuhglocken könnte schon bald verstummen, denn die für Bayern so typische Weidehaltung ist in Gefahr!“

Das sieht Ralf Huber, Bezirkspräsident des BBV in Oberbayern, ähnlich. Er fordert, den Wolf zu entnehmen, wo es notwendig sei. „Wir wollen weiterhin Weidetierhaltung betreiben können. Dazu müssen wir dem Wolf lernen, nicht da zu sein, wo unsere Tiere sind“, sagt Huber. Durchziehende Wölfe seien nicht das Problem. „Aber wenn ein Rudel standorttreu ist und sich auf unsere Tiere spezialisiert, müssen wir etwas unternehmen können.“ Die bestehenden Herdenschutzmaßnahmen hält Huber nicht für ausreichend, um den Weidetierhaltern die Sicherheit ihrer Tiere zu gewährleisten. Die Landwirte ruft er auf, sich am Samstag, 2. Oktober 2021, an der Demonstration „Ausgebimmelt? Gemeinsam für den Schutz der Weidetiere“ (Odeonsplatz, ab 10 Uhr) zu beteiligen.

Ein Videointerview des Wochenblattes mit BBV-Bezirkspräsident Ralf Huber zum Thema Wolf sehen Sie hier:

BBV-Bezirkspräsident  Ralf Huber sieht Handlungsbedarf beim Thema Wolf. Dem Wochenblatt sagte Huber, dass die Stimmung bei den Weidetierhaltern in Oberbayern „derzeit ziemlich bitter“ sei. Viele würden sich um ihre Tiere sorgen, die Angst vor dem Wolf sei groß. Auch die städtische Bevölkerung solle für die Thematik sensibilisiert werden. Es müsse sich dringend etwas ändern. Herdenschutzmaßnahmen seien nicht in jeder Lage ein geeignetes Mittel.