Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Nahrungsversorgung

Nahrungsmittel ohne Acker und Stall?

Vertical-farming_ke
Sepp Kellerer
Sepp Kellerer
am Freitag, 17.06.2022 - 08:29

Deutschland setzt auf die Ökologisierung. Aber die Welt hat andere Probleme, wie Vertreter des Global Food Summit Kongress vor der Presse deutlich machten.

aquakultur_ke

Können wir dem drohenden „Perfekten Sturm“ mit Technologien aus der Bioökonomie begegnen? Die Frage stellte Stephan Becker-Sonnenschein, Leiter Global Food Summit, im Münchner Presseclub in den Raum. Und er ließ die Antwort auf dem Fuße folgen: „Bioökonomische Produktionsmethoden in der Agrar- oder Lebensmittelerzeugung – von vertikalen Farmen bis zu alternativen Proteinquellen ohne Tiere – helfen, unsere Nahrungsmittelversorgung sicher, regional und gleichzeitig klimafreundlich zu machen.“

Anderswo würden die ersten Projekte bereits umgesetzt, in Deutschland sei das aber noch ein Nischenthema. Aus seiner Sicht muss sich das ändern, denn wenn wir die Innovation nicht fördern, könne sie auch nicht wachsen. Wenn das der Ukrainekrieg nicht deutlich mache, dann würden wir es nie verstehen. Becker-Sonnenschein wurde noch deutlicher: „Hungerkrisen lassen sich hierzulande nicht mit einer Ideologie des Verzichts bekämpfen, sondern nur mit möglichst effizientem Einsatz von Ressourcen, Logistik und Innovation.“

Zellfleischreaktor für London

Als Beispiel nannte Becker-Sonnenschein das Unternehmen Good meat, das jetzt schon in Singapur Zellfleisch verkauft. Die Firma habe gerade einen Bioreaktor in Auftrag gegeben, vier Stockwerke hoch, der pro Jahr in der Anfangsphase 13 000 t Zellfleisch herstellt. Er soll in London gebaut werden. In der Züchtung wird sehr viel mit Crispr/Cas 9 gemacht: Schädlings- und klimaresistente Pflanzen und Vertical Farming können gerade auch in klimatisch belasteten Gebieten eingesetzt werden.

Es geht darum die Produktion zu steigern

Maximo Torero, Chefökonom der Food and Agriculture Organization (FAO), Rom, ließ noch einmal die Entwicklungen auf den Agrar- und Düngermärkten seit dem Ukrainekrieg Revue passieren, um die sich ergebenden Risiken aufzuzeigen. Diese lägen in der Agrarproduktion, in der Makroökonomie und im humanitären Bereich. Es gehe darum, die Produktion zu steigern, es gehe darum, die vorhandenen Erntemengen zu mobilisieren und verfügbar zu machen.

Sorgen bereitet Torero auch die Lebensmittelsicherheit. Ebenso besorgt sei man in Bezug auf den Preis. Fehlende Düngemittel würden die Produktion senken und den Preis hochtreiben. Makroökonomisch sei die Verknüpfung des Düngermarktes mit dem Energiemarkt sichtbar geworden.

Verfügbarkeit der Nahrungsmittel bereitet vor allem Sorge

Dr. Justus Wesseler, Agrar-Ökonom an der Uni Wageningen, Niederlande fasste Torerors Ausführungen noch einmal zusammen: „Es ist nicht so sehr die Menge an Nahrungsmitteln, die Probleme macht, es ist deren Verfügbarkeit.“ Es gehe darum, die Nahrungsmittel zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu haben. Die Versorgungsketten seien entscheidend und sehr wichtig für Antworten auf die aktuelle und auf künftige Krisen. In naher Zukunft wird man, bedingt durch Klimawandel und externe Einflüsse, beobachten, dass Nahrungsmittelversorgung und Nahrungsmittelnachfrage ein Problem sind.

Deshalb wird man Systeme entwickeln müssen, die die Resilienz unserer Versorgungssysteme für Nahrungsmittel erhöhen.

Durch Farm to Fork wird die Produktion zurückgehen

Wesseler ging auch auf die EU-Politik ein. Der Green Deal soll dazu führen, dass Europa bis 2050 kohlenstoffneutral ist. Dazu wurden etwa die Biodiversitätsstrategie oder die Farm to Fork-Strategie verabschiedet. Letztere soll auf der einen Seite Null-Emission erreichen auf der anderen Seite die Nahrungsmittelketten resilienter machen.

Er und Kollegen seiner Universität haben die EU-Pläne wie Halbierung des Dünge- und Pflanzenschutzmitteleinsatzes und 25 % Ökolandbau untersucht. Das fast triviale Ergebnis: Die Produktion wird zurückgehen und die Preise werden steigen. Die Importe nehmen zu.

Die Untersuchungen haben laut Wesseler auch gezeigt, dass das Einkommen der landwirtschaftlichen Betriebe steigen wird.

Green Deal mit negativer Treibhausgasbilanz

„Die Auswirkungen auf die Treibhausgasemissionen und die Biodiversität sind schwieriger zu beurteilen“, stellte Wesseler fest. Zwar sei mit der Farm to Fork-Strategie in Europa ein Rückgang der Treibhausgasemissionen zu erwarten, aber außerhalb Europas werden sie steigen. Wenn man die Landnutzungseffekte und die Auswirkungen auf die Wälder mit einbezieht, dann sieht die Nettobilanz nicht so gut aus.

Dennoch gibt es Möglichkeiten, die Ressourcen effizienter zu nutzen. Man könne Fleisch nachhaltiger produzieren, zum Beispiel in den eingangs genannten Bioreaktoren. Man könne pflanzliche Proteine als Fleischalternativen nutzen und Eiweiß auch mit Insekten erzeugen.

Auch Vertical Farming und Gewächshäuser seien eine Möglichkeit, ebenso wie Aquakultur. Solche Systeme brauchen, wie Wesseler betonte, ein positives Umfeld. Dazu gehört, dass Investoren bereitstehen.

Natürlich müssen solche System auch geprüft werden, sie müssen sicher funktionieren und sichere Nahrungsmittel erzeugen. Ein Nahrungsmittel in Europa auf den Markt zu bringen dauert doppelt so lange wie anderswo. Wesseler rief die EU auf, die Dauer der Zulassungsprozesse zu verringern. Das würde die Investitionen in diesem Sektor fördern.