Gutachten

Nachhaltige Ernährung: Deutschland ist Nachzügler

Essen
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Freitag, 21.08.2020 - 13:50

Wissenschaftler fordern in einem Gutachten den Umbau des Ernährungssystems hin zu mehr Nachhaltigkeit.

Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) hat heute sein Gutachten an Bundesministerin Julia Klöckner (BMEL) übergeben. Es trägt den anspruchsvollen Namen „Politik für eine nachhaltigere Ernährung: Eine integrierte Ernährungspolitik entwickeln und faire Ernährungsumgebungen gestalten“.

Darin kommen die Verfasser zu dem Ergebnis, dass es einer umfassenden Transformation des Ernährungssystems bedarf, um es nachhaltiger zu gestalten. Als Leitplanken für die Orientierung werden Gesundheit, Soziales, Umwelt und Tierwohl genannt.

Die Wissenschaftler beziehen damit eine andere Position als die Landwirtschaftsministerin, die sich in Ernährungsfragen bereits auf einem guten Weg wähnt.

Ökolandbau und ökoeffiziente Agrarsysteme fördern

Mit dem Gutachten legt der WBAE neun zentrale Empfehlungen für diese Transformation vor:

  1. Systemwechsel in der Kita- und Schulverpflegung herbeiführen – „Kinder und Jugendliche in den Fokus“. Der WBAE empfiehlt u.a. die Einführung einer qualitativ hochwertigen und beitragsfreien Kita- und Schulverpflegung und ein Bundesinvestitionsprogramm „Top-Mensa”.
  2. Konsum tierischer Produkte global verträglich gestalten – „Weniger und besser”. Der WBAE empfiehlt u. a. eine Abschaffung der Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes für tierische Produkte und die Einführung eines verpflichtenden Klimalabels für alle Lebensmittel.
  3. Preisanreize nutzen – „Die Preise sollen die Wahrheit sagen“. Der Beirat empfiehlt, deutliche Preisanreize für eine nachhaltigere Ernährung zu setzen (z.B. durch die Einführung einer Verbrauchssteuer auf zuckerhaltige Getränke) und diese durch eine Entlastung einkommensschwacher Haushalte sozialverträglich zu gestalten.
  4. Eine gesundheitsfördernde Ernährung für alle ermöglichen – „Ernährungsarmut verringern“. Der Beirat empfiehlt u. a., die Kosten einer gesundheitsfördernden Ernährung in staatlichen Grundsicherungsleistungen adäquat zu berücksichtigen.
  5. Verlässliche Informationen bereitstellen – „Wahlmöglichkeiten schaffen“. Der WBAE empfiehlt u.a. verpflichtende Nachhaltigkeitslabel für Gesundheit („Nutri-Score”), Treibhausgasemissionen („Klimalabel”) und Tierwohl, eine stärkere Regulierung von an Kinder gerichtete Werbung und Social Influencing sowie die Entwicklung eines „digitalen Ecosystems nachhaltigere Ernährung” mit Anwendungen für Verbraucher*innen.
  6. Nachhaltigere Ernährung als das „New Normal” – „Soziale Normen kalibrieren”. Der WBAE empfiehlt u. a., kleinere Portionsgrößen verfügbar zu machen, den Leitungswasserkonsum durch eine kostenlose Bereitstellung im öffentlichen Raum zum Standard zu machen und die Potenziale der Reformulierung realistisch einzuschätzen und zu nutzen.
  7. Angebote in öffentlichen Einrichtungen verbessern – „Großküchen nachhaltiger gestalten”. Der WBAE empfiehlt, in der Senioren-, Krankenhaus- und Rehaverpflegung Ernährung nicht nur versorgungspraktisch zu betrachten, sondern eine hochwertige Qualität des Essens und der Ernährungsumgebung sicherzustellen (u.a. verpflichtende Umsetzung der DGE-Qualitätsstandards).
  8. Landbausysteme weiterentwickeln und kennzeichnen – „Öko und mehr”. Der WBAE empfiehlt, den Ökolandbau weiter zu fördern, aber auch, weitere ökoeffiziente Landbausysteme zu entwickeln und für Verbraucher*innen kenntlich zu machen.
  9. Politikfeld „Nachhaltigere Ernährung” aufwerten und institutionell weiterentwickeln – „Eine integrierte Ernährungspolitik etablieren”. Der WBAE empfiehlt eine umfassende konzeptionelle und institutionelle Neuausrichtung und Stärkung des Politikfeldes, das die vier Ziele nachhaltigerer Ernährung integriert in den Blick nimmt. Dies erfordert eine stärkere Vernetzung zwischen den Ressorts (insb. Ernährung und Landwirtschaft, Gesundheit, Umwelt) und Politikebenen (von der Kommune bis zur EU) sowie den Ausbau personeller Kapazitäten mit deutlichen Budgeterhöhungen.