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Bericht

Ein Massensterben der Arten

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am Freitag, 10.05.2019 - 14:03

Am Montag hat der Weltbiodiversitätsrat einen besorgniserregenden Bericht zur Entwicklung der globalen Artenvielfalt vorgelegt. Der Umgang der Menschen mit der Natur muss sich demnach grundlegend und überall verändern.

Paris „Die Gesundheit der Ökosysteme, auf die wir alle angewiesen sind, nimmt schneller ab als je zuvor. Wir können das noch abwenden, aber dazu müssen wir sofort an jeder Ebene ansetzen – von lokal bis global.“ Diese Warnung sprach am Montag Sir Robert Watson, Vorsitzender des Weltbiodiversitätrates (IPBES) aus. Zum ersten Mal seit 14 Jahren haben die Wissenschaftler einen Bericht zum Zustand globaler Ökosysteme veröffentlicht. Demnach seien mehr als eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht, mehr als je zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Landnutzungsänderung als Hauptschuldiger

Hauptverantwortlich für den Verlust der Arten sind laut IPBES folgende fünf Faktoren, in absteigender Reihenfolge:
  1. Änderung der Nutzung von Land und Meeren: Allein der Ausweitung landwirtschaftlicher Nutzflächen in Lateinamerika (für Rinderhaltung) und Südostasien (für Palmöl) seien zwischen den Jahren 1980 und 2000 rund 50 Mio. ha tropischer Regenwald zum Opfer gefallen.
  2. Zu intensive Nutzung von Organismen: Durch Überfischung, Rodung, Bejagung und Ernte würden viele Tier- und Pflanzenarten massiv bedroht.
  3. Klimawandel: Durch menschliche Aktivitäten stiegen die Durchschnittstemperaturen laut IPBES pro Dekade um weltweit 0,2 °C. Extremwetterereignisse nähmen zu und der Meeresspiegel sei im Durchschnitt seit 1900 um 16 bis 21 cm angestiegen. Dies verändere die Lebensräume von Tieren und Pflanzen drastisch.
  4. Umweltverschmutzung: Die Plastikverschmutzung der Weltmeere sei heute zehnmal größer als 1980. In den letzten 50 Jahren habe sich die Weltbevölkerung zudem verdoppelt. Der gesteigerte Bedarf an Energie und Rohstoffen würde oftmals auf Kosten des Umweltschutzes gestillt.
  5. Verbreitung nicht-einheimischer Spezies: Durch Welthandel und globalen Austausch habe auch die Verbreitung invasiver Arten zugenommen – um weltweit etwa 40 % seit 1980. Dies beeinträchtige Ökosysteme vor Ort und gefährde außerdem auch die menschliche Gesundheit.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass, sofern sich nichts am menschlichen Verhalten ändert, die negative Entwicklung bei der Artenvielfalt weitergehen und sich beschleunigen wird. Dagegen könne die Gesellschaft nur etwas tun, wenn sie einen neuen Umgang mit der Natur entwickele, bestehende Gesetze einhalte und für die Artenvielfalt schädliche Politiken bzw. Beihilfen beende. Langfristig brauche es nicht weniger als einen Umbau von sozialen, wirtschaftlichen und technologischen Strukturen in den Ländern der Welt.

Eine besondere Rolle komme dabei laut IPBES der Landwirtschaft zu. Diese müsse nachhaltiger werden und mehr für den Erhalt der Artenvielfalt tun. Ein wichtiges Beispiel dafür sei die Habitatvernetzung. Gleichzeitig müsse die Nachhaltigkeit der Erzeugung von Lebensmitteln transparenter gemacht werden, Lebensmittelverschwendung reduziert und gesündere Ernährung gefördert werden.

Besondere Rolle für EU und für Deutschland

Auch auf EU-Ebene spielt der Kampf um den Erhalt der Artenvielfalt eine wichtige Rolle. EU-Umweltkommissar Karmenu Vella wies am Montag auf eine aktuelle „Eurobarometer“-Umfrage. Demnach sehen 96 % der Europäer es als Auftrag, die Natur zu schützen. In Deutschland hielten 68 % der Bevölkerung die Artenvielfalt durch Verschmutzung von Luft, Wasser und Böden für „sehr bedroht“. Vella betonte, dass die EU es als Auftrag sehe, auf ein starkes globales Übereinkommen für Natur und Mensch im Jahr 2020 hinzuarbeiten.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) bezeichnete den Bericht gegenüber Medien als „Weckruf“. Einen wichtigen Reformauftrag sieht sie in der Abschaffung schädlicher Beihilfen in der Landwirtschaft und einem Umbau der EU-Agrarförderung zugunsten des Artenschutzes. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) verwies darauf, dass die Agrarpolitik weiterentwickelt würde. Die Menschheit sei aber auch auf eine produktive Landwirtschaft angewiesen.
Im Oktober 2020 findet ein Weltnaturschutzgipfel im chinesischen Kunming statt, der ein Rahmenabkommen zum Schutz der Artenvielfalt ausarbeiten soll. Deutschland kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, weil es dann die rotierende EU-Ratspräsidentschaft innehaben wird. SMB