Diskussionsrunde der Akademie Ländlicher Raum

Landwirtschaft und Naturschutz - Beginn einer Annäherung

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Alexandra Königer
Alexandra Königer
am Donnerstag, 11.11.2021 - 08:36

Naturschützer und Bauernvertreter bewegen sich in einer Diskussionsrunde der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum aufeinander zu.

Herrsching/Obb. - Raus aus den Schützengräben, ran an einen Tisch – so könnte man den Versuch der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum (ALR) beschreiben, die vergangene Woche mehrere Teilnehmer zu einer Diskussionsrunde nach Herrsching eingeladen hatte.

Ein Fokus lag auf dem nicht einfachen Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Naturschutz. Es ging um alte Verletzungen, aber auch Solidaritätsbekundungen und Appelle für eine bessere Zusammenarbeit. Zuletzt kam es schon auf Bundesebene zu einer überraschenden Kooperation zwischen Umweltschützern und Bauernvertretern. Ein konkretes Vorhaben könnte die bayerische Staatsregierung schon bald gehörig unter Druck setzen.

Heidl: Nicht alles bei der Landwirtschaft abladen

ALR-Ehrenpräsident und Moderator Holger Magel provozierte in Herrsching BBV-Präsident Walter Heidl gleich zu Beginn der Diskussion, indem er den Zoologen Gerhard Haszprunar zitierte: Pro Jahr verschwänden 20.000 bis 50.000 der bekannten etwa zehn Millionen Arten. Der Grund dafür sei die intensive Landwirtschaft, Pflanzenschutzmaßnahmen, Umweltgifte und Überdüngung. Was sagt Heidl dazu?

„Das ist genau der Grund, warum die Stimmung so schlecht ist“, meinte der Bauernpräsident, „wir müssen im Umgang mit der Landwirtschaft aus den pauschalen Vorwürfen rauskommen“. Es sei zu kurz gesprungen, alle Probleme bei der Landwirtschaft abzuladen. „Oder sollen wir als Patentlösung die Landwirtschaft gleich ganz abschaffen“, fragte Heidl. Dann müsse man auch über die Konsequenzen reden: Die Almen wachsen zu, die Biodiversität nimmt ab und die Touristen bleiben weg. Das will wohl keiner. Bei der ganzen Negativ-Diskussion blieben gerade die kleinen, familiengeführten Betriebe in Bayern auf der Strecke. „Wir haben noch 100 000 Höfe in Bayern, und die wollen wir erhalten“, sagte er.

Dazu hat der BBV im Juli zehn Thesen zur Landwirtschaft im Jahr 2040 formuliert. Ziel ist ein Dialog mit der Gesellschaft auf Grundlage der Thesen, um das Verständnis für die Arbeit in der Landwirtschaft zu steigern. Dabei geht es unter anderem um Wertschöpfungschancen durch Vielfalt und Diversifizierung auf den Betrieben sowie mehr Kooperationen innerhalb der Landwirtschaft.

Der Dialog mit der Gesellschaft wird groß geschrieben. Das Ziel: auf Augenhöhe mit den urbanen Räumen kommen. In Naturschutzkreisen hat das BBV-Papier große Aufmerksamkeit geerntet, auch die Grünen verpassen in Landtagsdebatten kaum eine Gelegenheit, der CSU hinzureiben, dass der Bauernverband schon viel weiter sei als die Partei. Genauso gerne und häufig berichtet der Chef des Bund Naturschutz, Richard Mergner, vom guten Austausch mit dem oberbayerischen BBV-Bezirkspräsidenten Ralf Huber.

Naturschutz gegen Landwirtschaft geht nicht

„Wenn gleichzeitig Höfe und Insekten sterben, Landwirte und Naturschützer auf die Straße gehen, dann muss die Bundesregierung umsteuern, und zwar grundlegend“, sagte Mergner in Herrsching. Er verwies auf die aus seiner Sicht bemerkenswerte Allianz aus zehn Agrar- und Umweltverbänden, die im Oktober an die Ampelverhandler in Berlin appellierten, die in der Zukunftskommission errungenen Kompromisse im Koalitionsvertrag zu berücksichtigen. „Ich hätte mir so eine Entwicklung nicht vorstellen können“, sagte Mergner. „Wir haben bei den Krisen gelernt: Naturschutz gegen Landwirtschaft geht nicht, sondern es geht nur miteinander.“ Er hoffe auf eine „andere Kommunikationskultur auf beiden Seiten“.

Auch andere in die Pflicht nehmen

Worauf Walter Heidl hofft: Beim Artenschutz sollen neben den Bauern auch andere in die Pflicht genommen werden. „Die Landwirtschaft liefert, alle anderen liefern nicht“, meinte er. Deswegen fühlten sich Bäuerinnen und Bauern übergangen. Einer, der das offenbar erkannt hat, war zwar nicht in Herrsching, richtete aber als Gastredner einen Appell an die Delegierten des Grünen-Parteitags am vergangenen Wochenende: Die Grünen mögen doch bitte endlich ein Pestizidverbot in Hausgärten durchsetzen – auch als Signal an die Bauern. Das forderte der Vorsitzende des Landesbunds für Vogelschutz, Norbert Schäffer. Von den Delegierten gab es Applaus.

Es zeigt sich also eine gewisse Annäherung zwischen Landwirten und Naturschützern – von beiden Seiten: In Herrsching appellierte der frühere CSU-Bundestagsabgeordnete Josef Göppel, gerne bezeichnet als grünes Gewissen seiner Partei, an den Bauernverband, sich einem Volksbegehren gegen den Flächenfraß anzuschließen. „So gewinnen Sie eine neue gesellschaftliche Grundlage für die Landwirtschaft. Sie werden staunen, was in so einem Bündnis alles möglich ist“, sagte er zum BBV-Präsidenten.

Bürgerbegehren Flächenfraß im Gespräch

Es habe ja schon Bestrebungen für ein Volksbegehren gegeben, erklärte Heidl. Da sei es aber nicht möglich gewesen, Ausgleichsflächen mit einzubeziehen. Ihm gehe es um den Entzug landwirtschaftlicher Flächen. „Aber wir können da gerne nochmal drüber reden“, so Heidl, „ich schlage die Hand nicht aus“.

Laut dem grünen Fraktionschef im Landtag, Ludwig Hartmann, steht ein Flächenfraß-Volksbegehren für das nächste Jahr auf der Agenda. „Wir sind da dran, es laufen viele Gespräche“, sagt er auf Nachfrage. Ein Thema, das auch vielen Bauern unter den Nägeln brennt – und die Regierung in Bedrängnis bringen könnte: Zwar haben CSU und Freie Wähler inzwischen einen Richtwert von fünf Hektar pro Tag im Landesplanungsgesetz verankert, aber seit der letzten Landtagswahl ist der Flächenverbrauch kontinuierlich gestiegen – auf zuletzt 11,6 Hektar pro Tag.