Gerichtsurteil

Kuhattacke - ein Urteil mit vielen Fragezeichen

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Paul Kannamüller
am Donnerstag, 28.02.2019 - 15:23

Nach einer Kuh-Attacke hat ein Almbauer eine hohe Geldstrafe erhalten. Eine Berufung ist angekündigt.

Wien/Innsbruck – Nach dem aufsehenerregenden Urteil des Landgerichts Innsbruck, das einen Almbauern aus dem Tiroler Pinnistal für schuldig sprach, weil eine seiner weidenden Mutterkühe einer Wanderin aus Deutschland tödliche Verletzungen zufügte, überlegen nun viele Bergbauern quer durch die Alpenrepublik, ob sie Wanderwege für Touristen während der heurigen Weidesaison „einfach sperren“ sollten.

In Tirol wurde inzwischen ein Runder Tisch einberufen, um über die Konsequenzen nach dem zivilgerichtlichen Urteil zu beraten. Mit dabei Vertreter der Landesregierung, des Tourismus, des Alpenvereins und der Tirol Werbung. Nach den Worten von Landwirtschaftskammer-Präsident Josef Hechenberger gehe es nun in erster Linie darum, für die Almbauern vor der kommenden Weidesaison „Rechtssicherheit“ zu schaffen. Indessen sicherte der Kammerpräsident dem verurteilten Grauviehzüchter – mit dem man in engem Kontakt stehe – seine „volle Unterstützung“ zu; für die Berufungsverhandlung vor dem Oberlandesgericht Innsbruck gelte es nun „gute Argumente zu sammeln“.
„Dass der Bauer bei aller Tragik der Umstände nun schuldig gesprochen wurde, ist vor allem nach dem sehr positiven Gutachten überraschend und nicht nachvollziehbar“, so Hechenberger, der von einem praxisfremden und gleichsam richtungsweisenden Urteil für die Almwirtschaft in Tirol sprach. „Der Druck auf die Bauern wächst mit diesem Urteile nur weiter, schließlich kann es unter Umständen auch um die Existenz gehen“. Einige Bauern würden nun „sicher“ überlegen, ob sie ihr Vieh noch auf die Alm treiben, so Hechenberger.

Präzedenzfall für die Almbauern

„Bei mir steht das Telefon seit Bekanntwerden des Urteils nicht mehr still“, berichtet Johann Feßl, Obmann des Oberösterreichischen Almvereins. Zuletzt hatten bei ihm zwei Almbauern aus der Pyhrn-Priel-Region angerufen, die das Durchqueren ihrer Almen künftig nur noch dann erlauben wollen, „wenn eindeutig geklärt ist, wer letztlich die Verantwortung trägt, wenn es zu Unfällen mit dem Weidevieh kommt“. Im Klartext würde das wohl bedeuten, dass die Versicherung des Tourismusverbandes künftig für „Schadenersatz“ aufkommen soll.
„Tirol wäre ein Präzedenzfall, der erwarten lässt, dass die Almbauern künftig solche Vorfälle nur noch mit einer Zusatzversicherung abdecken können“, erklärt Feßl. Denn gerade bei Oberösterreichs Almbauern wecke das Urteil des Innsbrucker Landgerichts Existenzängste. „Unsere Betriebe sind sehr kleinstrukturiert, meist trägt ein einzelner Landwirt die Verantwortung oder im Fall von Agrargemeinschaften der Obmann als Einzelperson“, so Feßl abschließend.

Kritik am Urteil
auch aus Bayern

Aufhorchen ließ das Tiroler Urteil auch in Bayern. „Almen gehören seit Jahrtausenden unverzichtbar zu den Alpen, sie wurden ja nicht mutwillig als Fallen für Touristen aufgebaut“, sagt etwa Thomas Bucher, Sprecher des Deutschen Alpenvereins. Viele Wanderwege entstanden erst durch Almwege. „Der Wanderer kam später, deshalb muss er sich anpassen und sich dementsprechend verhalten“, wird Bucher in einer großen süddeutschen Tageszeitung zitiert.
Georg Mair, Vorsitzender des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern (AVO) bezeichnete das Urteil gegenüber dem Wochenblatt als „sehr besorgniserregend“. Der AVO sei nun dabei, neue Warnschilder zu erarbeiten. Gleichwohl gelte es, nicht in Hysterie zu verfallen sondern das zweitinstanzliche Urteil abzuwarten. Sollte dabei das aktuelle Urteil bestätigt werden, wäre dies für viele Almbauern existenzgefährdend.
Auf einem Wanderweg war am 28. Juli 2014 im Pinnistal, einem Seitental des Stubaitals, die 45-jährige Deutsche mit ihrem Hund unterwegs, als sie plötzlich von Kühen attackiert und zu Tode getrampelt worden war. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit zwischen den Hinterbliebenen und dem Landwirt erging nun das Urteil in dem Zivilprozess. Demnach muss der Bauer dem Witwer und dem Sohn rund 180 000 € Schadenersatz sowie eine monatliche Rente in der Höhe von insgesamt rund 1500 € zahlen. Der gesamte Streitwert des Prozesses lag bei rund 490 000 €.
Die Staatsanwaltschaft hatte noch im Jahr 2014 die Ermittlungen gegen den Landwirt eingestellt. Nun aber warten die heimischen Landwirte und ihre Interessenvertreter gespannt auf ein Urteil in zweiter Instanz – und hoffen dabei natürlich auf eine praxisnähere Rechtssprechung. Erst dann wolle man über etwaige Gesetzesänderungen nachdenken, „um die traditionelle Almwirtschaft zu retten“.