Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Ukrainekrieg

Krieg in der Ukraine erschüttert auch die Landwirtschaft

Ukrainekrieg
Norbert Lehmann
am Dienstag, 01.03.2022 - 16:09

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine zerstört dort zunehmend auch die Landwirtschaft. Nach inzwischen sechs Tagen andauernden schweren Kämpfen in mehreren Landesteilen mehren sich die Berichte über katastrophale Schäden. Das Angebot einer EU-Mitgliedschaft ist ein symbolischer Akt.

Der von Russland begonnene Krieg in der Ukraine hat ein Ausmaß angenommen, das noch vor wenigen Tagen unvorstellbar erschien. Immer neue Berichte über russische Angriffe auf die Hauptstadt Kiew, entlang der Schwarzmeerküste und im Osten der Ukraine zeugen von vielen Toten und Verletzten, aber auch von riesigen materiellen Schäden. Längst ist klar, selbst wenn die Kämpfe bald eingestellt würden, das Potenzial der ukrainischen Landwirtschaft wurde massiv in Mitleidenschaft gezogen.

Was sind die Folgen der Krieges für die ukrainische Landwirtschaft?

Absehbare Folgen sind schon jetzt:

  • Die ukrainische Armee braucht jetzt alle verfügbaren Transportkapazitäten und Dieselreserven. Diese werden zweifellos auch von den landwirtschaftlichen Betrieben kommen müssen. Sie werden damit womöglich für die Frühjahrsbestellung fehlen.
     
  • Ebenso fehlen durch die Generalmobilmachung die männlichen Arbeitskräfte auf den Betrieben.
     
  • Aus den russisch besetzten Gebieten wird von Plünderungen berichtet. Die von Russland befehligten Streitkräfte sind offenbar unterversorgt mit Treibstoff und Nahrungsmitteln und requirieren diese vor Ort. Moderne Landtechnik könnte bei einem eventuellen Rückzug eine attraktive Beute sein.
     
  • Durch den Einsatz von Artillerie, Raketen und Minen muss auf den Feldern mit gefährlichen Munitionsresten und Blindgängern gerechnet werden. Sie werden die Feldarbeit selbst dann noch behindern, wenn die Kämpfe längst eingestellt sind.
     
  • Die Infrastruktur an Brücken, Straßen und Schienenverbindungen ist teilweise erheblich beschädigt. Das behindert den Transport von Betriebsmitteln und Agrarprodukten.
     
  • Lagerstätten und Verarbeitungsbetriebe der Ernährungsindustrie sind teilweise zerstört oder beschädigt, ebenso der Landtechnik- und der Düngerindustrie.
     
  • Die Exporthäfen entlang der Schwarzmeerküste sind für den Agrarhandel blockiert. Am Wochenende wurden zwei unbeteiligte zivile Frachtschiffe beschossen. Eines der militärischen Ziele Russlands ist offenbar, die Ukraine vollständig vom Schwarzen Meer abzuschneiden.
     

Großer Getreideexporteur fällt schlagartig aus

Noch in der Woche vom 14. bis 21. Februar waren über die ukrainischen Häfen nach Angaben der Agentur UkrAgroConsult über 1,7 Mio. t Getreide ausgeführt worden, davon fast 1,3 Mio. t Mais.

Seit Beginn des Wirtschaftsjahres 2021/22 waren es rund 44 Mio. t Weizen, Gerste und Mais, die aus der Ukraine verschifft wurden. Dieser wichtige Lieferant auf dem Weltmarkt fällt vorerst komplett aus.

Größter ukrainischer Düngerhersteller vor dem Stillstand

Auch die Düngerproduktion wird durch den Krieg schwer in Mitleidenschaft gezogen. Nach Informationen des Fachmagazins „Fertilizer Daily“ steht mit dem Unternehmen Cherkasy Azot einer der größten ukrainischen Düngerhersteller vor der Schließung. Der Betrieb im Cherkasy Oblast etwa 100 km südöstlich von Kiew verfügt laut Wikipedia über eine Produktionskapazität von jährlich rund 3 Mio. t Stickstoffdünger.

Die Produktionsanlage im Hafen von Odessa mit einer Kapazität von gut 1 Mio. t Ammoniak und 600.000 t Harnstoff soll die Arbeit bereits eingestellt haben. Grund ist dem Fachmagazin zufolge der Wegfall russischer Vorprodukte, für die unter den jetzigen Umständen in der Ukraine kein Ersatz gefunden werden könne.

 

Fliehen oder Bleiben – Westliche Landwirte mitten im Konflikt

In den sozialen Medien finden sich Berichte von Landwirten aus westeuropäischen Ländern, die sich in der Ukraine eine Existenz aufgebaut haben. Manche von ihnen sind in den Westen geflohen oder noch unterwegs, andere haben sich entschieden, in der Ukraine zu bleiben.

Einer von ihnen ist der niederländische Landwirt Kees Huizinga. Er harrt auf seinem Milchviehbetrieb aus. Seine Frau und zwei Kinder sind nach Rumänien geflohen. Huizinga berichtet auf einer eigens eingerichteten Internetseite und auf Twitter über die Entwicklung vor Ort, ruft zu humanitären Spenden auf.

EU-Präsidentin von der Leyen bietet Ukraine EU-Beitritt an

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich derweil heute (28.2.) überraschend für einen EU-Beitritt der Ukraine ausgesprochen. Dies hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Wochenende gefordert. Eine kurzfristige Vollmitgliedschaft erscheint allerdings unrealistisch. Angesichts der Größe der Ukraine, der Zerstörungen und dem wirtschaftlichen Entwicklungsstand des Landes wäre der EU-Haushalt überfordert. Weite Teile der EU-Politik zum Beispiel zur Förderung der ländlichen Entwicklung und der Landwirtschaft müssten zunächst neu austariert werden. Somit ist das Angebot eher als symbolischer Akt zu verstehen.

Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Joachim Rukwied, betonte ebenfalls heute in einer Presseerklärung: „Die deutschen Bauern stehen solidarisch an der Seite des ukrainischen Volkes und sind in Gedanken bei unseren Berufskolleginnen und -kollegen und deren Familien, die massiv unter den russischen Angriffen leiden.“

Rukwied unterstrich, der Bauernverband trage die gegen Putin gerichteten Maßnahmen der Bundesregierung mit, auch wenn es für die Landwirtschaft zu großen Herausforderungen kommen könnte.

 

FDP fordert Umdenken in der EU-Agrarpolitik

Konsequenzen aus dem Ukraine-Krieg für die künftige Agrarpolitik fordert der landwirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Dr. Gero Hocker. „Der Green Deal mit seiner Farm-to-Fork-Strategie gehört ausgesetzt“, so Hocker am Wochenende. In Zeiten von Inflation und Krieg in Europa müsse die Ernährungssicherung bei der Landwirtschaftspolitik Vorrang besitzen.

Nach Auffassung von Hocker setzt die EU-Kommission mit ihrem Green Deal die Ernährungssicherung der europäischen Bevölkerung in Krisensituationen auf’s Spiel. Nach der offenkundigen Abhängigkeit auf dem Energiemarkt von russischen Erdgaslieferungen drohe nunmehr die Gefahr, „Europa auch bei der Ernährung der eigenen Bevölkerung in eine derart schlechte Lage zu bringen“.

„Ein Herunterfahren der Produktion etwa durch Anwendungseinschränkungen von unbedenklichen Pflanzenschutzmitteln war auch vorher schon falsch“, betonte der FDP-Politiker. In der aktuellen Krise werde nun noch deutlicher, wie gefährlich unnötige Beschränkungen der eigenen Landwirtschaft im Ernstfall sein könnten.