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Fleischverbrauch

Klimaschutz: Wissenschaftler plädieren für kräftige Fleischsteuer

Josef koch
Josef Koch
am Mittwoch, 27.04.2022 - 12:09

Fleischkonsum muss laut Studie vor allen in Industrieländern um 75 % sinken, damit Tierhaltung klimafreundlicher wird.

Fleisch-Supermarkt

Damit die Erde uns auch in Zukunft ernähren kann, müssen die Industrienationen den Verzehr von Fleisch deutlich reduzieren – im Idealfall um mindestens 75 Prozent. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie der Universität Bonn.

Die Übersichtsarbeit wertet den aktuellen Stand der Forschung zu verschiedenen Aspekten des Fleischkonsums aus. Dazu zählen neben den Auswirkungen auf Umwelt und Klima auch Gesundheits- und wirtschaftliche Effekte. Ein Fazit der Forscher: In geringen Mengen Fleisch zu essen, kann durchaus nachhaltig sein. Die Ergebnisse erscheinen in der Zeitschrift Annual Review of Resource Economics.
 

Mindestens 20%-iger Preisaufschlag nötig

Um den Fleischkonsum in den reichen Ländern zu senken, halten die Wissenschaftler eine Fleischsteuer für nötig. Obwohl es mehr Vegetarier gibt als früher, stagniert der Fleischkonsum europaweit gesehen. Am höchsten ist er jedoch in Nordamerika und Australien.

Studienautor Prof. Dr. Matin Qaim, Uni Bonn, hält es für wichtig, auch über höhere Steuern auf tierische Lebensmittel nachzudenken. „Das ist sicher unpopulär, zumal es mit einem zehn- oder zwanzigprozentigen Aufschlag wahrscheinlich nicht getan wäre, falls er eine Lenkungswirkung entfalten soll“, sagt er.

Seiner Meinung nach verursacht Fleisch jedoch hohe Umweltkosten, die sich in den aktuellen Preisen nicht widerspiegeln. „Es wäre durchaus sinnvoll und gerecht, die Konsumentinnen und Konsumenten stärker an diesen Kosten zu beteiligen,“ meint der Wissenschaftler.

Gerade die Lenkungsfunktion lehnen Bauernverband,Fleischwirtschaft und Ernährungsindustrie in der Diskussion um ein Streichen der Mehrwertsteuer nur für Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte ab. Stattdessen soll für alle Grundnahrungsmittel die Steuer gesenkt werden, damit sich alle Verbraucher diese leisten könnten. 

Pro-Kopf-Verbrauch von 20 kg als Ziel

Er hält einen jährlichen Konsum 20 Kilogramm oder weniger pro Kopf für ideal. Derzeit beträgt der Fleischverbrauch eines EU-Bürgers rund 80 kg im Jahr. Der Krieg in der Ukraine und die dadurch entstehenden Engpässe für Getreide auf dem Weltmarkt zeigen nach Ansicht von Qaim zudem sehr deutlich, dass weniger Getreide an Tiere verfüttert werden sollte, um die globale Ernährung sicherzustellen. Derzeit wandere rund die Hälfte der weltweiten Getreideproduktion in den Futtertrog.

Nach Auffassung der Wissenschaftler schädigt die Nutztierhaltung Klima und Umwelt. Beispielsweise erzeugen Wiederkäuer Methan, das die Erderwärmung beschleunigt. Tiere setzen zudem nur einen Teil der verfütterten Kalorien in Fleisch um. Um dieselbe Zahl an Menschen zu ernähren, brauche man bei Fleisch daher entsprechend mehr Fläche. Das gehe zu Lasten der Ökosysteme, da weniger Raum für den natürlichen Artenschutz bleibe, heißt es in der Studie. Zudem sorge ein übermäßiger Fleischverzehr für gesundheitliche Probleme.

„Würden alle Menschen so viel Fleisch verzehren wie die Europäer oder die Nordamerikaner, würden wir die Klimaziele weit verfehlen, und viele Ökosysteme würden kollabieren“, erklärt Qaim.

Massen-Vegetarismus ist nicht die beste Lösung

Einen kompletten Verzicht auf Fleisch ist laut der Bonner Studie aber die falsche Konsequenz. Einerseits gibt es viele Regionen, in denen sich keine pflanzlichen Lebensmittel anbauen lassen. „Wir können uns nicht von Gras ernähren, Wiederkäuer aber sehr wohl“, verdeutlicht Qaims Kollege und Koautor Dr. Martin Parlasca. „Wenn sich Grasland nicht anders nutzen lässt, ist es daher durchaus sinnvoll, darauf Vieh zu halten.“ Gegen eine schonende Weidehaltung mit nicht zu vielen Tieren sei auch aus Umweltsicht wenig einzuwenden.

Gerade in ärmeren Regionen fehlt es zudem an pflanzlichen Quellen für hochwertige Proteine und Mikronährstoffe. So lassen sich Gemüse und Hülsenfrüchte nicht überall anbauen und zudem nur zu bestimmten Zeiten ernten. „In solchen Fällen sind Tiere oft ein zentrales Element für eine gesunde Ernährung“, betont Parlasca. Zudem seien dort Tierhalter auf die Einkünfte aus Milch, Eiern oder auch Fleisch angewiesen.

Die Autoren fordern zudem, das Thema „nachhaltiger Konsum“ verstärkt in die schulischen Lehrpläne zu integrieren. Auch in der Ausbildung zukünftiger Lehrkräfte müssten diese Inhalte besser berücksichtigt werden.

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