Schwarzer Peter

Insektensterben: Woran liegt's?

Insekten im Wald
Ulrich Graf Portrait 2019
Ulrich Graf
am Montag, 04.11.2019 - 16:00

Mit dem Abwatschen vermeintlich Schuldiger kommen wir nicht weiter. Das sollte mit den Ergebnissen zum Insektenrückgang im Wald klar geworden sein.

Ulrich Graf

Eine Studie der TU München hat einen Rückgang der Insektenbiomasse gegenüber 2008 um 40 % in Wäldern festgestellt. Umwelt- und Naturschützer nutzten die Studie, um gleich wieder kräftig auf die Land- und Forstwirtschaft einzuprügeln: Wirtschaftliche Interessen würden vor den Wald- und Naturschutz gestellt und das Ganze würde auch noch von der Politik protegiert. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner müsse sich endlich zu einem wirkungsvollen Waldschutz bekennen - mit mehr Schutzgebieten, dem Erhalt wichtiger Lebensräume in Totholz, den Holzeinschlag zurückfahren sowie auf Insektengifte verzichten.

Nur das - so zeigen die Waldinventuren deutlich - genau das ist in den zurückliegenden Jahren alles passiert. Der Wald ist in allen Belangen im letzten Jahrzehnt ökologischer geworden: Der Holzvorrat hat zugenommen, das Durchschnittsalter der Bäume ist um viereinhalb Jahre seit der vergangenen Bundeswaldinventur (2002) gestiegen, knapp ein Viertel ist sogar älter als 100 Jahre, der Anteil der Laubbäume ist auf 43 Prozent angewachsen und damit um 7 Prozent gestiegen, die Fläche der Mischwälder ist um 5 Prozent gestiegen, der Anteil von Mischwäldern an der Waldfläche beträgt insgesamt 76 Prozent, der Anteil von Totholz ist um 18 Prozent gestiegen und auch die Naturnähe der Wälder ist insgesamt gestiegen.

Und wenn ich mir die Eigentumsverhältnisse der Wälder ansehe, dann kann ich diese Entwicklung durchaus nachvollziehen. Der Wald in Bayern gehört zu einem Großteil vielen kleinen Waldbesitzern, von denen doch viele nicht mehr wissen, wie eine Motorsäge aussieht, geschweige denn, wie man sie bedient. Folglich sind deren Wälder sich weitgehend selbst überlassen. Euphemistisch könnte man auch sagen, sie werden sehr naturnah bewirtschaftet. Und auch der Staatswald hat sich im letzten Jahrzehnt dem Mischwald verschrieben. Wenn man dann noch das Volksbegehren heranzieht, nach dem die Wälder im Besitz des Freistaates zu ökologischen Vorzeigeprojekten werden sollen, dann dürfte ohnehin alles klar sein.

Also bleibt festzuhalten: Die Ökologie im Wald hat stark zugenommen. Unsere Wälder werden doch heute weniger intensiv genutzt als im Mittelalter, als sie noch die wichtigste Energie- und Baustoffquelle waren.

Wenn nun einer hergeht und den "Watschenbaum" umfallen lässt, also den Bauern und Politiker links und rechts eine reinhaut, weil sich wieder einmal eine vermeintliche Möglichkeit dazu bietet, dann sollte er sich vorab zumindest einmal kundig machen, was eigentlich Sache ist. Das haben die Kritiker aus den Reihen des Umwelt- und Naturschutzes in diesem Fall wohl nicht gemacht.

Und das ist ein Bärendienst für einen wirksamen Insektenschutz, weil hier keine ernsthafte Auseinandersetzung mit den möglichen Ursachen erfolgt ist. Denn eines wird durch die wissenschaftliche Studie offensichtlich: Uns fehlt bislang ein wichtiger Baustein, neudeutsch auch "missing link" bezeichnet, um die Entwicklung zu verstehen. Und den müssen wir finden. Herauskommen wird dabei sicherlich nicht eine generelle Absolution für die Landwirtschaft, aber es werden sicherlich weitere Betroffene mit im Boot sitzen und es damit zu einer gerechteren Lastenverteilung kommen.