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Biodiversität

Insektensterben durch Rückgang der Agrarfläche

Fliege
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 25.11.2020 - 05:32

Der Rückgang an Agrarfläche trägt mit zum Insektensterben bei. Das geht aus einer Stellungnahme der Bundesregierung hervor.

Die FDP-Fraktion hat im Bundestag nachgefragt, woher die Bundesregierung ihre Erkenntnisse zum Insektensterben bezieht und worin sie die Ursachen sieht. Interessante Aspekte der Antwort sind, dass mangelndes Management von Naturschutzgebieten und der Verlust von Flächen durch nicht landwirtschaftliche Inanspruchnahme zum Insektenschwund beitragen.

Ein neuer Gesichtspunkt: Mangelndes Management von Naturschutzgebieten

Die Ursachen des Insektenrückgangs sind nach Auskunft der Bundesregierung vielfältig und insgesamt komplex. Nach aktuellem Forschungsstand liegen die zentralen Ursachen im Verlust und der qualitativen Verschlechterung von Insektenlebensräumen, dem Verlust der Strukturvielfalt mit einer Vielzahl an Wildpflanzen, einem Management von Naturschutzgebieten, das z. T. die Bedürfnisse von Insekten unzureichend berücksichtigt, der Anwendung von Pestiziden (Pflanzenschutzmittel und Biozide), dem Eintrag von Nähr- und Schadstoffen in Böden und Gewässer sowie der Lichtverschmutzung. Viele weitere Einflussfaktoren würden darüber hinaus zum Verlust oder der Qualitätsverschlechterung von Insektenlebensräumen beitragen.

Verlust an landwirtschaftlicher Fläche trägt zum Artensterben mit bei

Besonders interessant ist die Antwort auf die Frage, durch welche konkreten Maßnahmen der Landbewirtschaftung die Landwirtschaft zum Rückgang beiträgt. Neben den bekannten Argumenten, wie die erhöhte Bewirtschaftungsintensität des Grünlands, dem Verlust von Brachflächen, der Beseitigung von Kleinstrukturen in der Agrarlandschaft (wie zum Beispiel Raine, Hecken, blüten- und kräuterreiche Säume und Feuchtstellen) und der zum Teil wachsenden Homogenität der Anbauflächen geht aus der Antwort hervor, dass es auch Effekte gibt, die darauf zurückgehen, dass die Landwirtschaft Flächen verliert.

Im Einzelnen sind aufgeführt:

  • Verlust von Flächen durch nichtlandwirtschaftliche Inanspruchnahme. Dadurch haben in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Insektenarten  ihre  Lebensgrundlage  verloren.
  • (Gehölz-) Sukzession infolge zu geringer Bewirtschaftung oder
  • die völlige Aufgabe von ungünstigen Standorten gehen Lebensräume für Insektenarten der Agrarlandschaft verloren.

Auf welche Datenbasis sich die Bundesregierung beruft

Einen Rückgang der Biomasse flugfähiger Insekten von  durchschnittlich 76 Prozent in dem Zeitraum zwischen den Jahren 1989 bis 2014 hat die sogenannte „Krefelder Studie“ (Hallmann et al. 2017) des Entomologischen Vereins Krefeld in einigen Schutzgebieten dokumentiert. Diese Studie führt die Bundesregierung als Erkenntnisquelle an.

Darüber hinaus würden zahlreiche regionale oder artspezifische wissenschaftliche Studien den Rückgang der Artenvielfalt bei den Insekten sowohl innerhalb Deutschlands als auch innerhalb der Europäischen Union belegen. Dass es sich beim Insektensterben nicht um ein lokales oder regionales Phänomen handle, sondern um eine bundesweite und klar belegbare Entwicklung, sei durch die Roten Listen wissenschaftlich belegt.

Betroffene Insektenarten und ihr Rückgang

In den bundesweiten Roten Listen gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands (Teil 3 und 4: Wirbellose Tiere) sind laut Budnesregierung 7.787 Insektenarten und 89 Unterarten der verschiedenen Lebensraumkulissen erfasst. Das entspricht knapp 24 Prozent der 33.000 in Deutschland nachgewiesenen Insektenarten.

6.921 Arten und Unterarten wurden hinsichtlich ihres langfristigen Bestandstrends (letzte 50 – 150 Jahre) ausgewertet: Bei 45 Prozent (3.086 Arten und Unterarten) war dieser rückläufig. Die Köcherfliegen  wiesen mit 96 Prozent den höchsten Anteil an langfristig rückläufigen Arten auf. Neben  den Tagfaltern mit 64 Prozent und den Ameisen mit 60 Prozent, wiesen auch die Zikaden mit 52 Prozent überdurchschnittlich viele Arten mit langfristig rückläufigem Trend auf. Ebenso sind die Bestände der Wildbienen und die der Laufkäfer bei jeweils 45 Prozent der Arten zurückgegangen.