Biodiversität

Insektensterben - die Autofahrer sind schuld

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Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Samstag, 09.03.2019 - 08:31

Ich stelle einfach einmal die These auf, die Autofahrer sind schuld am Artensterben. Brauchen Sie Belege? Hier sind die Zahlen dazu.

Ulrich Graf

Über das "ob" des Insektenrückgangs zu diskutieren, dürfte müßig sein. Nahezu jeder kennt aus seinem Umfeld Beispiele aus denen er folgert, dass sich da was verändert hat. Wobei, so manches Beispiel bringt mich ernsthaft ins Grübeln. Wie ist das mit den toten Insekten auf der Windschutzscheibe? Hat sich da nicht gerade jemand selbst des Massenmordes bezichtigt? Aber nein, heißt es dann schnell. Schau dir doch einmal die in Bayern von Straßen bedeckte Fläche an und stell die landwirtschaftliche daneben, das sind dann doch nur Peanuts. Wirklich? Kann es sein, dass da jemand einen riesigen Denkfehler macht, weil er nicht den Unterschied zwischen Straße und Verkehr kennt? Ich sage, dem ist so! Denn auf jedem Kilometer Straße in Bayern finden 10.000de Kilometer Verkehr statt. Und die Insekten sterben nicht dadurch, dass es Straßen gibt, sondern dadurch, dass auf den Straßen Autos unterwegs sind - also durch den Verkehr.

Welches Ökosystem soll das aushalten?

Angenommen, ein PKW-Besitzer fährt 15.000 km im Jahr. Ziehen wir die vier Wintermonate ab, so ist er 10.000 km in Zeiten unterwegs, in denen auch Insekten fliegen. Sein Wagen ist 1,80 m breit und 1,45 m hoch. Damit hat sein Auto eine Stirnfläche von 2,61 m². Machen wir wegen der Bodenfreiheit und der Einfachheit halber 2 m² daraus. 10.000 km sind 10.000.000 m. Multipliziert mit den 2 m² Aufprallfläche, durchpflügt der PKW im Jahr 20.000.000 m³ Luft. Was ihm da an Insekten in die Quere kommt, ist tot.

Natürlich kann man sagen, die neuen Autos haben doch so tolle cw-Werte. Da gleiten die Insekten mit dem Luftstrom über das Auto hinweg. Mag sein, aber am Heck reißt der Luftstrom ab und die Verwirbelung dürfte dafür sorgen, dass die Insekten ungespitzt in den Boden gerammt werden oder im Kühlergrill des nachfolgenden Wagens landen.

Wir haben rund 8 Millionen PKWs in Bayern. 8.000.000 multipliziert mit 20.000.000 m³ Luft bedeuten 128.000.000.000.000 m³ Luft, aus der Autos so ziemlich alles an Fluginsekten herausfiltern und töten, was da unterwegs ist. Sicherlich, nicht jeder PKW hat diese Laufleistung, aber dafür haben wir ja auch noch die LKWs auf den Straßen. Und die bayerischen Autos sind natürlich ebenfalls außerhalb der Landesgrenze unterwegs. Dafür kommen aber auch Autos von außen nach Bayern.

Oder eine andere Rechnung: 8 Millionen Autos mit jeweils 10.000 km Fahrleistung und einer Breite von 1,8 m ergeben rechnerisch eine überfahrene Fläche von 14.400.000 km². Bayern hat 70.550 km². Das heißt: Der Individualverkehr reicht aus, um Bayern in seiner vollen Ausdehnung 2000-mal mit 2 Tonnen schweren Fahrzeugen niederzuwalzen.

Hochgerechnet auf die Landwirtschaft

Machen wir eine Gegenrechnung. Das Volksbegehren Artenvielfalt fordert vor allem höhere Auflagen für das Dauergrünland. Davon haben wir rund 1.000.000 ha in Bayern. Wie sieht es hier mit dem unmittelbaren Tatbestand eines "Tötungsdelikts" aus?

Pflanzenschutz ist auf Dauergrünland eher die Ausnahme als die Regel. Das kann man vernachlässigen.

In der Bewirtschaftung dürfte vor allem die Mahd mit dem Kreiselmähwerk Opfer unter den Fluginsekten fordern. Bei 0,3 m Schnitthöhe durchsiebt der Landwirt rund 3.000 m³ Luft pro ha. Das macht auf Bayern umgerechnet 3.000.000.000 m³ Luft aus. Bei vier Schnitten sind das 12.000.000.000 m³ Luft in den Fluginsekten auftreten und Schaden erleiden können.

Der Risikovergleich fällt eindeutig aus

Jetzt haben wir es, egal ob Verkehr oder Mahd, mit riesigen, kaum überschaubaren Zahlen zu tun. Setzt man beide in Beziehung zueinander, ändert sich das aber. Bayerische Autos durchsieben ein Luftvolumen und töten die darin enthaltenen Fluginsekten, das 10666 mal größer ist, als dies bei der viermaligen Mahd sämtlicher Wiesen in Bayern der Fall ist.  Damit ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fluginsekt an der Windschutz zerschellt rund 10.000 Mal höher als im Kreiselmähwerk eines Bauern unterzugehen . Des Deutschen liebstes Kind kommt also absolut schlecht weg.

Wer hätte das gedacht? Ich wage eine Schätzung: Die Leute hätten genau andersherum getippt. Aber so ist eben die Risikoeinschätzung von Menschen. Sie haben mehr Angst davor, vom Blitz erschlagen zu werden, als bei einem Autounfall zu sterben, obwohl die Wahrscheinlich genau andersherum ist. Risiken aus dem eigenen Verhalten werden unter- und die aus dem Verhalten anderer überschätzt.

Es wäre also eine tolle Karikatur, wenn ein Autofahrer am Rand einer Wiese steht und dem Bauern beim Mähen seiner Wiese vorwirft: "Jetzt tötest du wieder alle Fluginsekten". Die Satire bestünde darin, dass derjenige, der den Vorwurf macht, eigentlich der schlimmere von dem beiden ist. Leider ist aber zu befürchten, dass die Satire nicht verstanden wird, weil viele Autofahrer die Risiken ihres eigenen Verhaltens schlichtweg ausblenden. Das ist die Realität unserer Gegenwart.