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Schutz vor dem Wolf

Herdenschutz: Irritationen wegen gedeckelter Förderung

Wolf
Barbara Höfler, Alexandra Königer, Philipp Seitz
am Donnerstag, 27.01.2022 - 16:53

Die Aufregung ist groß: Viele Landwirte könnten beim Kauf von notwendigen wolfsabweisenden Zäunen enorm draufzahlen – und das trotz anderslautender Versprechungen der Politik. Kritiker sprechen von „Komplettverarschung“.

München Oberbayerns BBV-Bezirkspräsident Ralf Huber ist sauer, richtig sauer. Die Zahl der Wolfsrisse in Bayern nimmt weiter zu, viele Weidetierhalter fürchten um ihre Existenz – und ausgerechnet jetzt hat der Freistaat zum Jahresbeginn die Herdenschutzförderung für wolfsabweisende Zäune gedeckelt. Wie das Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt berichtete, werden aktuell nurmehr bis zu 13 €/lfm Festzaun und 3,25 € E-Netz erstattet. Die Verwunderung über dieses Vorgehen ist groß – nicht nur bei den Landwirten selbst, sondern auch in der Landespolitik. Doch warum kommt ausgerechnet jetzt dieser Kostendeckel? Das Landwirtschaftsministerium verweist darauf, dass die Erstattungssumme dem Preis entspricht, den die Herdenschutzzäune im Dezember 2021 im Schnitt gekostet haben.

Doch diese Rechnung geht nicht auf, findet unter anderem der Bayerische Bauernverband: Seit Dezember ist die Nachfrage nach Herdenschutzzäunen weiter stark angestiegen, und die Preise damit auch. Befeuert wird die Preissteigerung zusätzlich, weil auch wegen der Afrikanischen Schweinepest Zäune aktuell sehr gefragt sind. Die Kosten für die Deckelung zahlen ausgerechnet die Weidetierhalter, die sich aktuell schon wegen der steigenden Wolfsrisse um ihre Existenz sorgen.

Falsches Signal an die Weidetierhalter

Und genau das stört Ralf Huber. Er spricht von einer „Sauerei“, das sei „eine Komplettverarschung der Bergbauern“. Überhaupt ärgert sich der BBV-Bezirkspräsident darüber, dass das Umweltministerium weiterhin kommuniziere, „100 Prozent der Kosten zu tragen – und in Wirklichkeit nur noch 30 bis 40 Prozent zahlt“.

Philip Bust, Referent für Jagd und Wildtiermanagement beim BBV, kann bei dem Thema nur mit dem Kopf schütteln: „Die Deckelung der Herdenschutzförderung in der jetzigen Situation ist das falscheste Signal, das die Politik den Weidetierhaltern senden kann.“ Sehr verwundert habe außerdem die „Klammheimlichkeit“, mit welcher der Kostendeckel ohne jede Vorabinformation der landwirtschaftlichen Verbände kurz vor Weihnachten eingeführt worden sei. Das Argument, man wolle mit dem Kostendeckel zu teuren Angeboten der Zaunbaufirmen vorbeugen, kann Bust nicht gelten lassen. „Wir leben in einer freien Marktwirtschaft. Wenn der Staat meint, ein Regulativ anbringen zu müssen, dann kann er das nicht auf Kosten der Weidetierhalten machen.“ Bei Umweltminister Glauber (FW) hat der Bauernverband bereits interveniert. Der BBV fordert die Rücknahme der Kostendeckelung und Herdenschutzförderung zu faktisch 100%, stellt Bust klar.

Auf eine schnelle Lösung hofft Ralf Huber. Die Weidetierhalter könnten es sich nicht leisten, derart hohe Kosten für den Herdenschutz selbst zu übernehmen. Der BBV sei hier auf einer Linie mit dem Bund Naturschutz: Nicht nur die Anschaffungskosten für die Herdenschutzzäune sollten vom Freistaat bezahlt werden, sondern auch der Unterhalt der Zäune und die Betriebskosten.

Die Weidetierhalter nicht alleine lassen

Auch der Bund Naturschutz (BN) fordert gegenüber dem Wochenblatt, die Deckelung der Förderung unverzüglich wieder aufzuheben. „Es kann nicht sein, dass die Weidetierhalter kurz vor der nächsten Weidesaison damit konfrontiert werden, dass sie nun doch mit einem großen Teil der Herdenschutzkosten alleine gelassen werden“, kritisiert die stellvertretende BN-Landesvorsitzende Beate Rutkowski. Der Schutz der Weidetiere vor dem Wolf müsse der Staatsregierung das Geld wert sein. Zumindest für die Schaf- und Ziegenhaltung fordert der BN eine flächendeckende Herdenschutzförderung in Bayern und nicht nur in bestimmten Kulissen – und eine Förderung der laufenden Kosten für Herdenschutzzäune. Schließlich sei der Unterhalt sehr aufwendig, insbesondere in schwierigem Gelände wie auf Almen und Alpen.

Hans Wimmer, Nebenerwerbslandwirt aus Berchtesgaden, holt gerade Angebote für einen Herdenschutzzaun ein, um seine Hochlandrinder zu schützen. Auch bei ihm übersteigen die Kosten für 5 ha Weide bei Weitem die Förderung. 15 €/lfm brutto soll er kriegen, 25 € veranschlagt die Zaunbaufirma. Mehr als 15 000 € müsste er selbst bezahlen, den Gesamtbetrag vorfinanzieren. Diese Kosten würde er im Nebenerwerb nie hereinholen. Seine Familie führt den Hof seit Generationen. Jetzt sagt Wimmer: „Da stehst du wirklich vor der Wahl: Lasse ich es darauf ankommen, dass der Wolf die Kälber holt, oder lass ich die Landwirtschaft gleich sein?“

Nach Angaben eines Sprechers des Umweltministeriums sind in den Jahren 2020 und 2021 insgesamt rund 5,3 Mio. € an Fördermitteln aus dem Landeshaushalt in Herdenschutzmaßnahmen geflossen. Für den Großteil der Förderanträge in Bayern würden auch die gedeckelten Referenzgrößen für eine hundertprozentige Förderung ausreichen. Ob der Wert für Gebiete, wie beispielsweise die Berggebietskulisse, angepasst werden muss, werde derzeit geprüft.

Gisela Sengl MdL

Für die grüne Agrarexpertin im Landtag, Gisela Sengl, ist die Antwort klar. Der Zeitpunkt für die Deckelung sei „denkbar schlecht“. „Ich verstehe zwar, dass die Mittel gedeckelt werden müssen, aber die Reduzierung auf die Hälfte ist zu viel.“ Sie fordert eine „moderate Deckelung auf 20 Euro pro Laufmeter“. In einer Anfrage will sie von der Staatsregierung wissen, wie sie auf den Referenzbetrag von 13 € kommt und was für diejenigen gilt, die bereits im Antragsverfahren sind.

Und was sagen die Abgeordneten der CSU und der Freien Wähler? Der Fraktionschef der Freien Wähler im Landtag, Florian Streibl, hat kein Verständnis für die Deckelung der Fördermittel. „Wenn die Gesellschaft glaubt, sich einen Wolf leisten zu müssen, muss sie sich das auch was kosten lassen.“

Für den Traunsteiner CSU-Landtagsabgeordneten Klaus Steiner fällt die Deckelung nicht groß ins Gewicht. Aus seiner Sicht ist das ganze Herdenschutz-Förderprogramm gescheitert. „Das war ein gut gemeinter Versuch“, sagt er. Schutzmaßnahmen würden auf Dauer aber nicht wirken. Die einzige Lösung für ihn: „Der Schutzstatus des Wolfs muss runter.“