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Pflanzenschutzmitteleinsatz

Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlicht Pestizidatlas 2022

Sojaanbau
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 12.01.2022 - 13:46

Mehrere Umweltorganisationen fordern von der Bundesregierung, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Vor allem besonders toxische Mittel müssten verboten werden und bereits in der EU verbotene Mittel sollen nicht länger exportiert werden dürften.

In Berlin haben die Heinrich-Böll-Stiftung, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) und das Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany) den Atlas in einer Gemeinschaftsaktion vorgestellt.

Laut PAN zeige der „Pestizidatlas 2022“, dass die Menge weltweit eingesetzter Pflanzenschutzmittel seit 1990 um 80 Prozent gestiegen sei. In einigen Regionen wie Südamerika sogar um fast 150 Prozent. Der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen, wie zum Beispiel Soja als wichtiges Futtermittel für die Tierhaltung, habe in Ländern mit großer Artenvielfalt zu einer gravierenden Ausweitung des Einsatzes an Herbiziden geführt. Auch in der EU liege der Einsatz mit rund 350.000 Tonnen auf hohem Niveau. In Deutschland würden zwischen 27.000 und 35.000 Tonnen Wirkstoffe pro Jahr verkauft. Die Menge schwanke vor allem aufgrund von Witterungsbedingungen und aufgrund von unterschiedlichen Preisen für Agrar- und Pflanzenschutzprodukten.

PAN sieht dauerhafte Belastung für Mensch und Umwelt

Das Pestizid Aktions-Netzwerk sieht in dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln anhaltende Belastungen für Mensch, Natur und Umwelt. So ließen sich an Luftmessstellen Pestizide nachweisen, die bis zu 1000 Kilometer weit entfernt ausgebracht wurden. Auch in Naturschutzgebieten würden sich Pestizidrückstände finden. Insbesondere Gewässer in der Nähe landwirtschaftlich genutzter Gebiete wiesen hohe Pestizidbelastungen auf. Meeressäuger an deutschen Küsten seien bis heute mit Mitteln belastet, die seit 40 Jahren verboten sind.

Eine fatale Wirkung der Pflanzenschutzmittel sehen die Umweltverbände auf die biologische Vielfalt: konventionell bewirtschaftete Äcker wiesen nur drei Prozent der floristischen Artenvielfalt auf, die auf Äckern zu finden ist, die noch nie mit Pflanzenschutzmitteln behandelt wurden. Auf biologisch bewirtschafteten Äckern liege die Vielfalt mit 53 Prozent erheblich höher.

Die global wachsende Menge an eingesetzten Mitteln führe laut Studie zudem weltweit zu einem Anstieg an Pestizidvergiftungen – insbesondere im Globalen Süden, wo Arbeiter oftmals nicht ausreichend geschützt seien. Berechnungen zufolge sei in Asien von jährlich rund 255 Millionen Vergiftungsunfällen auszugehen, in Afrika von knapp über 100 Millionen und in Europa von rund 1,6 Millionen.

Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung fordert Trendumkehr

Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, geht davon aus, dass auch in Europa der Pflanzenschutzmitteleinsatz noch zu intensiv erfolgt. Alleine Äpfel, das Lieblingsobst der Deutschen, würden etwa 30-mal pro Saison gespritzt, Weinreben bis zu 17-mal und Kartoffeln bis zu 11-mal. Vor allem in Ländern mit großer Artenvielfalt wie Brasilien, Argentinien und Paraguay sei der Herbizideinsatz insbesondere seit der großflächigen Einführung von gentechnisch verändertem, pestizidresistentem Soja, das als billiges Futtermittel für die Tiermast eingesetzt werde, dramatisch gestiegen. Damit sei auch das zentrale Versprechen der Agro-Gentechnik, den Einsatz von Pflanzenschutzmittel mit Hilfe von Gentechnik deutlich zu reduzieren, konterkariert worden.

"Wir brauchen dringend eine Trendumkehr – dafür ist jetzt die europäische und deutsche Politik in der Verantwortung" fordert Unmüßig.

Doris Günther, Vorstand von PAN Germany, warnt davor, dass die Konzerne den Globalen Süden als neuen Wachstumsmarkt für ihre Produkte ausgemacht hätten. Auch deutsche Firmen würden hochgefährliche Pestizide nach Afrika, Asien und Lateinamerika exportieren, die in Europa verboten seien. Diesen Zustand müsse die deutsche und europäische Politik beenden.